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Grabenkämpfe, Spione und geheime Treffen im Zweiten Weltkrieg – und welche Rolle der Wolfsberg ob Ermatingen spielte

Mit dem gescheiterten Attentat auf Hitler tritt der
 Zweite Weltkrieg vor 75 Jahren in die Schlussphase.
 Eine Zeit, in der die Schweiz ein Eldorado für Spione 
ist. Ein Treffpunkt ist der Wolfsberg ob Ermatingen.
Rolf App
Paul Meyer, der Schlossherr des Wolfsbergs. (Bild: Privatbesitz)

Paul Meyer, der Schlossherr des Wolfsbergs. (Bild: Privatbesitz)

Es geht zu wie im Spionagefilm. Über das Hauptzollamt Kreuzlingen reist der deutsche Spionagechef Walter Schellenberg am frühen Nachmittag des 2. März 1943 ein, sein Wagen wird
gemäss einer Weisung nicht kontrolliert. Gleich geht es weiter auf Schloss Wolfsberg bei Ermatingen, wo dessen Besitzer, Hauptmann Paul Meyer, Schellenberg und seinen Begleiter Hans Wilhelm Eggen empfängt. Ein Detektivwachtmeister montiert Schweizer Nummernschilder, anderntags geht es weiter nach Bern. Dort wartet General Guisan auf den politisch heiklen Gast, der immerhin General der berüchtigten SS ist.

Und der Bundesrat, er weiss von nichts. Zumindest vorläufig. Ganz entsetzlich findet diese Aktion ein anderer Ostschweizer: Hans Hausamann aus Teufen, Begründer eines privaten Nach­richtendienstes und, wie Meyer, Offizier des Schweizer Nachrichtendienstes.

Was will Schellenberg 
von den Schweizern?

Schellenberg ist ein schlauer Mensch. Früh erkennt der Geheimdienstler, dass Hitlerdeutschland den Krieg verlieren wird. Früh versucht er deshalb, seinen Chef Heinrich Himmler dazu zu überreden, mit den Westmächten einen Separatfrieden auszuhandeln. Hitler weiss von alledem nichts – und würde die Beteiligten wohl hinrichten lassen, wüsste er es. Vor 75 Jahren, am 20. Juni 1944, scheitert das letzte Attentat auf Hitler, der Krieg geht in seine letzte, blutigste Phase – und Schellenberg muss erkennen, dass ihm auch die umsichtig in die Schweiz gelegte Linie nichts mehr nützt. Schellenberg habe, erklärt sein Vertrauter Klaus Hügel bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, in der neutralen Schweiz eine Basis für die Tätigkeit gegen die Alliierten, aber auch für eine Kontaktnahme mit den Alliierten gesucht.

Die Schweiz ist ein Eldorado für Spione.
Und sie mischt in diesem Metier selber kräftig mit.

Teils offiziell über ihren eigenen, dem General direkt unterstellten und von Roger Masson geleiteten Nachrichtendienst, teils über private Dienste wie jenen des «Bureaus Ha» von Hans Hausamann, das bis zum Kriegsende mehrere zehntausend Berichte und Meldungen liefert.

Vor Falschmeldungen ist zwar auch Hausamann nicht gefeit, umstritten ist er auch deshalb, weil er gern Bericht und Kommentar vermischt und zuweilen zum Aufbauschen neigt. «Sein Geltungstrieb und Hang zur Wichtigtuerei verträgt sich schlecht mit der Rolle des Leiters einer Nachrichtenabteilung», stellt etwa Generalstabschef Huber fest, dem Hausamann «nicht sympathisch» ist. «Aber er hat die meisten der nach Deutschland laufenden Fäden in der Hand, und an seinem Patriotismus ist nicht zu zweifeln.» Bestens vernetzt ist der Teufner auch. Einmal pro Woche trifft er sich in Bern mit Allen Dulles, der das amerikanische Spionagenetz aufgebaut hat.

Notiz im Tagebuch

Wohl von den Deutschen umsichtig eingefädelte Geschäfte sind es, die Paul Meyer in Kontakt mit Eggen und Schellenberg bringen. Die Berliner Warenvertriebs GmbH., als deren Besitzer Hans Wilhelm Eggen auftritt, bestellt ausgerechnet bei einer Firma Holzbaracken für die deutsche Armee, in deren Verwaltungsrat der Sohn des Generals sitzt. Dessen Rechtsanwalt wiederum ist der Nachrichtendienst-Offizier Paul Meyer, auch er eine illustre Figur. Denn in seiner Freizeit schreibt Meyer unter dem Pseudonym Wolf Schwer­tenbach Kriminal- und Detektivromane. In seinem Tagebuch notiert er unter dem 14.November 1941, Guisan junior habe ihm «vor Wochen» von Eggen erzählt. Der habe «gute Verbindungen zu Himmler, er sei sicherlich für unsern Nachrichtendienst interessant».

So kommt die Sache ins Rollen. Meyer und Eggen verstehen sich gut, Masson zeigt sich interessiert an einem Treffen mit Schellenberg, das unter hoch konspirativen Umständen in Waldshut stattfindet. Masson hat eine Botschaft: Er will die Deutschen überzeugen, dass sich die Schweiz mit aller Kraft wehren würde, falls sie angegriffen würde. Schellenberg wiederum lobt sich selbst als wahren Freund der Schweiz und ihrer Unabhängigkeit, und ist es, soweit die Dokumente da eine Schlussfolgerung zulassen, wohl auch gewesen.

«Eine so fragwürdige 
Gestalt wie Schellenberg»

Auch der von Masson informierte General Guisan zeigt Interesse. So wird jenes Mittagessen mit Schellenberg im Gasthof Bären in Biglen bei Bern arrangiert, an dessen Anfang die konspirative Einreise über Kreuzlingen steht. Der General misstraut dem Schweizer Aussenminister Pilet-Golaz und hält ihn für zu nachgiebig. Deshalb will er persönlich klarmachen, dass «ein deutscher Feldzug gegen die Schweiz kein Spaziergang wäre».

Das Treffen soll geheim bleiben, doch am Ende kommt der Wirt mit dem Gästebuch, und alle tragen sich brav ein. Bis Meyer merkt, welch kapitalen Fehler sie da gerade machen. Also trennt er die Seite heraus. Nach dem Abgang der Gesellschaft allerdings realisiert der Wirt das Fehlen dieser Einträge. Er informiert einen bei ihm einquartierten Heerespolizisten, der sagt es seinem Vorgesetzten weiter, und so verbreitet sich die Nachricht. Sie sorgt im Nachrichtendienst selber für Entsetzen. Denn, wie Alfred Ernst, Chef des Bureau Deutschland im Nachrichtendienst, bemerkte: «Es gab keinen zwingenden Grund dafür, dass der Oberbefehlshaber der Armee mit einer so fragwürdigen Gestalt wie Schellenberg zusammentraf.»

Meyer hat wohl 
zu viel geglaubt

Jetzt erfährt auch der Bundesrat von der Sache. Und ist wenig erbaut davon, dass der General da Politik treibt. Als Masson im Juli 1943 nach Berlin eingeladen wird, untersagt Karl Kobelt, Vorsteher des Militärdepartements, diese Reise, und an Massons Stelle geht Meyer. Er glaubt einigen Grund zur Dankbarkeit zu haben. Denn im März haben Nachrichten über einen bevorstehenden Einmarsch der Deutschen den Nachrichtendienst durchgerüttelt. Auf Massons Bitten hat Meyer darauf Eggen getroffen, und der hat erklärt, nur dank Schellenbergs beherztem Eingreifen sei Hitler noch einmal umgeschwenkt. Meyer glaubt die Geschichte, für die es keinerlei schriftlichen 
Beweis gibt – auch keinerlei Angriffsplanungen der Deutschen. Was der nüchterne Kobelt schon früh erkannt hat. Als der «Märzalarm» losbricht, wiegelt der Bundesrat ab: Die Lage an der Ostfront sei derart prekär, dass Deutschland unmöglich die nötigen Reserven locker machen könne.

Einiges deutet deshalb darauf hin, dass der Spion vom Wolfsberg da seinen Weitblick ein wenig verloren hat. Wertvoll für das Land indes dürfte die an zahlreichen Wochenenden gepflegte Gastfreundschaft dennoch gewesen sein. Denn, wie der Historiker Pierre-Th. Braunschweig in seiner gut dokumentierten Geschichte der Nachrichtenlinie Masson-Schellenberg («Geheimer Draht nach Berlin») feststellt:

«Falsche Voraussetzungen führen nicht gezwungenermassen zu falschen Resultaten. Dies haben manche Kritiker Massons und Meyers übersehen.»

Zu diesen Kritikern hat vor allem auch Hans Hausamann gehört, dessen Sicht der Journalist Alphons Matt 1969 in «Zwischen allen Fronten. Der Zweite Weltkrieg aus der Sicht des Büros Ha» wiedergab. Gegen dieses Buch hat Meyers Witwe eine Ehrverletzungsklage eingereicht, die mit einem Vergleich endete. Und mit der Versicherung des Autors: «Sollte aus einzelnen Buchstellen hergeleitet werden können, dass dadurch die persönliche Ehrenhaftigkeit des Hauptmanns Dr. Meyer-Schwertenbach in Zweifel gezogen werden könnte, würde der Angeklagte diese Schlüsse bedauern.

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