Gotthard-Tunnelbauer im St. Galler Stadthang

ST. GALLEN. Dreissig Jahre nach der Eröffnung des Rosenberg-Autobahntunnels wird in der Stadt St. Gallen wieder ein Verkehrstunnel gebaut: Gestern haben die Arbeiten für den 725 Meter langen Ruckhalde-Tunnel der Appenzeller Bahnen mit dem feierlichen Anstich begonnen.

Marcel Elsener
Drucken
Teilen
Taufpatin Anja Preisig und Sprengmeister Mario Sposato (links) plazieren die Barbara-Statue. (Bilder: Michel Canonica)

Taufpatin Anja Preisig und Sprengmeister Mario Sposato (links) plazieren die Barbara-Statue. (Bilder: Michel Canonica)

ST. GALLEN. Dreissig Jahre nach der Eröffnung des Rosenberg-Autobahntunnels wird in der Stadt St. Gallen wieder ein Verkehrstunnel gebaut: Gestern haben die Arbeiten für den 725 Meter langen Ruckhalde-Tunnel der Appenzeller Bahnen mit dem feierlichen Anstich begonnen.

Offiziell – denn die Mineure, Eisenleger und Maschinisten arbeiten seit dem 3. August und haben den Tunnel bereits 35 Meter vorangetrieben. Unüberhörbar für die Anwohner in den Quartieren Riethüsli, Otmar, Oberstrasse und Tschudiwies: Jeden Morgen um etwa 7 Uhr knallt es in ihrer Umgebung. Bald werden es täglich zwei Sprengungen sein, doch werden diese mit dem Baufortschritt stets etwas weniger hörbar sein.

Patroninnen Barbara und Anja

Gestern bleibt der Morgenknall aus: Sprengmeister Mario Sposato, ein Tessiner, der zuletzt am Albulatunnel gearbeitet hat, wartet mit der Zündung bis nach 11 Uhr. Dafür hat er am Nordportal erstmals eine vertraute Zuschauerin: Die heilige Barbara, Schutzpatronin der Mineure und Bergleute, wacht dort als Holzstatue. Sie sorgt symbolisch für Gottvertrauen und das Licht am Ende des Tunnels, wie der frühere Otmar-Pfarrer Alfons Sonderegger und die Riethüsli-Pfarrerin Elisabeth Weber in einer Andacht auf der Baustelle sagten. Neben der himmlischen Patin Barbara wirkt als irdische Taufpatin die AB-Lokführerin und Werkstattmitarbeiterin Anja Preisig – «Anja Tunnel – Glück auf» besagt das angebrachte Schild der Arge Ruckhalde. Sie ist es, die zusammen mit Bergbauleuten die geweihte Barbara-Statue in einer Nische am Eingang plaziert – ein wichtiger Moment im Tunnelbau, hier unterlegt mit Appenzeller Musik.

Österreicher und Italiener

Thomas Baumgartner, Direktor der Appenzeller Bahnen, dankt den rund 50 Arbeitern und wünscht einen unfallfreien Verlauf. Es sind Österreicher, Deutsche, Italiener und einige Tessiner, vor allem von den auf Tunnelbau spezialisierten Unternehmen Heitkamp und Pizzarotti, die den Tunnel bis zum geplanten Durchstich im Juli 2017 durch den felsigen Untergrund aus Sandstein, Molasse und Nagelfluh vorantreiben werden – im Zweischichtbetrieb von 6 bis 22 Uhr an Werktagen. Deshalb streut Baumgartner ein paar Worte Italienisch ein: «Lei lavora per nostro futuro» – Tunnelbauer für eine Zukunft, die Stadt und Land ab 2019 im Viertelstunden-Bahntakt verbinden wird. Im Vergleich zum Gotthard-Basistunnel sei die Ruckhalde ein kleiner Tunnel, «aber ein riesengrosser Schritt in der Modernisierung der Appenzeller Bahnen», freut sich Baumgartner und liefert eindrückliche Zahlen: Jeder Abschlag ergibt bis zu 4 Meter Vortrieb, insgesamt gilt es 33 000 Kubikmeter Fels auszubrechen, 7 Filterbrunnen pumpen 600 000 Kubikmeter Wasser ab, es werden 7 Kilometer Anker und Nägel versenkt und zum Schluss 1,3 km Gleis mit 2200 Schwellern gelegt.

Sensibles Stadtgebiet

Für die Tunnelbauer, viele zuletzt im Albula, Grimsel oder Gotthard beschäftigt, ein anspruchsvolles Werk, erzählen die Heitkamp-Mitarbeiter Heimo Schmitzberger aus Salzburg und Thomas Endler aus Kaufbeuren. Der Bau mitten im Stadtgebiet unter wechselnden Bedingungen mit teils lockerem Gestein erlaube keinen Zentimeter Geländeabsenkung; zudem sind die Platzverhältnisse beengt. Die Ruckhalde ähnelt weniger dem Tunnelbau im Gebirge als vielmehr dem U-Bahn-Bau. Was die Anwohner die spürbaren, aber stets unter den zulässigen Werten gemessenen Erschütterungen vielleicht etwas gelassener, wenn nicht sogar mit einem gewissen Stolz ertragen lässt. Wer sich vor Ort ein Bild machen will: Die Appenzeller Bahnen bieten bis Oktober Führungen an.

Enge Platzverhältnisse: Gleichzeitig mit dem Tunnelbau laufen beim Nordportal bereits Tagbauarbeiten. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Enge Platzverhältnisse: Gleichzeitig mit dem Tunnelbau laufen beim Nordportal bereits Tagbauarbeiten. (Bild: Michel Canonica (Michel Canonica))

Aktuelle Nachrichten