Gossau
Ganzes Parlament will Tablets für Schulkinder – nur eine SP-Frau hält dagegen

Alle Schülerinnen und Schüler erhalten künftig schon ab der fünften Klasse ein eigenes Tablet. Das Gossauer Stadtparlament hat dafür einen Kredit von rund 930'000 Franken mit 26 Ja-Stimmen angenommen. Nur eine SP-Politikerin enthielt sich ihrer Stimme.

Melissa Müller
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Digitale Geräte werden an Gossauer Schulen schon ab der fünften Klasse Alltag.

Digitale Geräte werden an Gossauer Schulen schon ab der fünften Klasse Alltag.

Bild: Getty

Das Thema polarisiert. Auch innerhalb der Lehrerschaft. Pädagogen sorgen sich darum, dass die Kinder von klein auf zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen. Sollen nun in Gossau trotzdem schon ab der fünften Primarklasse Tablets eingesetzt werden? Ja, meint eine vorberatende Kommission (VBK), die sich eingehend damit befasst hat. «Es ist nicht unsere Rolle als Politiker, zu entscheiden, wie und ab welchem Alter die Geräte benutzt werden», sagt Kommissionspräsident Stefan Harder (Flig). Dies hätten Lehrerinnen, Medienpädagogen, Schulräte und IT-Spezialisten zu beurteilen. Schulpräsident Stefan Rindlisbacher sagt:

«Wir müssen diesen Schritt gehen, um die Kinder zu befähigen, mit den digitalen Tatsachen umzugehen.»
Schulpräsident Stefan Rindlisbacher.

Schulpräsident Stefan Rindlisbacher.

Bild: Andrea Stalder

Alle Parteien sprechen sich am Dienstagabend im Gossauer Stadtparlament dafür aus, die Schulkinder für 931'950 Franken mit persönlichen Tablets auszustatten. Kurt Jau (SVP) ist damit ebenso einverstanden wie Norbert Hug (CVP), der die Anschaffung für «zwingend und zukunftsorientiert» hält.

Erwin Sutter (Flig) ist Lehrer und hat mit Jugendlichen der Politbox darüber diskutiert – eine Plattform, die der Jugend in der Politik eine Stimme verleihen will. Im Parlament liest er vor, was sie dazu sagen. Auch die Politbox befürworte die Anschaffung der Tablets und damit eine frühe Einführung in die Welt der Medien. «Das Selbstbewusstsein wird dadurch gestärkt», glauben die Jugendlichen. Dabei sei es aber wichtig, Mass zu halten: «Das Digitale soll auf ein Minimum beschränkt werden.»

Werner Bischofberger (SP) ist überrascht und erfreut, etwas von den Jugendlichen zu hören. Er habe sich schon oft gefragt:

«Was ist eigentlich mit dieser Politbox los? Ist sie eingeschlafen?»
Werner Bischofberger, SP.

Werner Bischofberger, SP.

Bild: PD

Laptops oder Tablets? Das ist die Frage. Tablets erweisen sich als kostengünstiger.

Nur eine SP-Frau ist skeptisch

Der Kredit wird mit 26 Ja-Stimmen bewilligt. Nur eine SP-Frau enthält sich ihrer Stimme: Itta Loher. Sie habe in der VBK dafür plädiert, dass die Kinder erst in der Oberstufe eigene Computer erhalten sollten. Ohne Erfolg. «Die Auswirkungen auf das kindliche Gehirn sind nicht vollständig erforscht», gibt Itta Loher zu bedenken. Die Primarschüler sollen lieber basteln, Velo fahren, Freunde treffen. Und die Eltern die Bildschirmzeit der Kinder kontrollieren.

Itta Loher, SP.

Itta Loher, SP.

Bild: Anna Tina Eberhard

Die Geräte kommen voraussichtlich nach den Sommerferien 2022 in den Schulen zum Einsatz. Bis dahin werden die Lehrkräfte auch die entsprechenden Weiterbildungen besuchen.

Gossau kämpft für einen Fussgängerstreifen

Ein weiteres Thema an der Sitzung betrifft einen Fussgängerstreifen, der vermisst wird. Parlamentarier wollten in einer Interpellation wissen, ob der Gossauer Stadtrat gewillt sei, beim «Freihof» wieder einen Fussgängerstreifen erstellen zu lassen.

In seiner Antwort betonte der Stadtrat, dass ihm die Sicherheit der Fussgänger an diesem Ort sehr wichtig sei. Für solche Vorkehrungen sei jedoch der Kanton zuständig. Deshalb hat die Stadt das kantonale Tiefbauamt bereits angefragt, beim «Freihof» wieder einen Fussgängerstreifen anzubringen.

Interpellant Markus Bernhardsgrütter (CVP) ist damit zufrieden und bedankt sich beim Stadtrat für sein Engagement. Dessen Antrag habe bereits bewirkt, dass der Kanton beim «Freihof» die Fussgängerfrequenzen misst. «Der Sommer ist da, die Menschen strömen in die Restaurants», sagt Bernhardsgrütter. Es gehe nicht nur um die Sicherheit der Gäste des «Freihofs», sondern auch um Schulkinder und Wanderer.

Nach einer Fussgängerzählung im Jahr 2012 hatte der Kanton den Streifen entfernt, weil dieser zu wenig genutzt worden sei. Werner Bischofberger (SP) enerviert sich über die «sinnlose Menschenzählerei»: «Selbstverständlich gehört ein Fussgängerstreifen beim ‹Freihof› hin. Lassen wir uns vom Kanton nicht ins Bockshorn jagen mit dem Totschlagargument Fussgängerzählung.»

Die Situation vor dem «Freihof» ist für Fussgänger unbefriedigend.

Die Situation vor dem «Freihof» ist für Fussgänger unbefriedigend.

Bild: Ralph Ribi

Kommission unter der Leitung von Gallus Hälg berät den Beitrag: 800'000 Franken für die Sana?

Der Sana Fürstenland AG fehlt infolge der Pandemie viel Geld. Unter anderem führt der Betten-Leerstand im Betagtenheim Schwalbe zu erheblichen Kosten. Deshalb beantragt die Sana von den Aktionärsgemeinden einen einmaligen Beitrag von einer Million Franken, der nicht rückzahlbar ist. Der Anteil der Stadt Gossau beläuft sich auf 800'000 Franken. Das Parlament hat für den Kreditantrag eine vorberatende Kommission unter dem Vorsitz von Gallus Hälg (SVP) eingesetzt.

Die Sana ist in finanziellen Schwierigkeiten: Das Betagtenheim Schwalbe in Gossau.

Die Sana ist in finanziellen Schwierigkeiten: Das Betagtenheim Schwalbe in Gossau.

Bild: Michel Canonica

Kantonsratspräsidentin Claudia Martin gewürdigt

Das Stadtparlament hat an seiner Sitzung auch die neue Kantonsratspräsidentin Claudia Martin gewürdigt. Parlamentspräsident Matthias Ebneter (Flig) bedankt sich bei der höchsten St.Gallerin dafür, dass sie in den nächsten Monaten die Stadt Gossau im ganzen Kanton ins beste Licht rücken werde. Als «pflichtbewusst, empathisch, sensibel und volksnah», beschreibt Stadtpräsident Wolfgang Giella die Gossauer Senkrechtstarterin. Sie sei eine lösungsorientierte Sachpolitikerin. SVP-Fraktionspräsident Markus Rosenberger widmet seiner Parteikollegin eine Laudatio: «Du hast uns Männer buchstäblich nach deiner Pfeife tanzen lassen.»

Die Gossauer sind stolz auf Claudia Martin, die neue Kantonsratspräsidentin.

Die Gossauer sind stolz auf Claudia Martin, die neue Kantonsratspräsidentin.

Bild: Benjamin Manser