Goldtopf unter den Hammer?

Das Konkursamt in Rapperswil-Jona weiss noch nicht, ob und wie es den mysteriösen Chiemsee-Kessel versteigern soll. Umstritten bleibt, wie alt er wirklich ist und wie viele Millionen er über den Goldwert hinaus demnach wert sein könnte.

Marcel Elsener
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RAPPERSWIL-JONA. Normalsterbliche dürfen sich die Augen reiben: Das Konkursamt St. Gallen verfügt über einen international vieldiskutierten und begehrten Schatz – den sogenannten Chiemsee-Kessel, einen sagenumwobenen Goldtopf von umstrittenem Millionenwert. Oder präziser: Die konkursamtliche Zweigstelle Rapperswil-Jona hütet den Schlüssel zu jenem Banksafe in Zürich, wo der 2006 gerichtlich beschlagnahmte Kessel aufbewahrt wird.

Legenden und Finanzträume

Dass der Chiemsee-Kessel bald auf der Website des St. Galler Konkursamtes unter den per Internet angebotenen «Liquidationsobjekten» auftaucht, ist so unwahrscheinlich wie manche Legenden, die sich um ihn ranken – etwa jene, dass er dem Chiemsee-Gast Adolf Hitler als Nachttopf gedient haben soll. Vom Nazi-Goldschatz und Hitler-Geschenk bis zum Kelten-Objekt reicht die Palette der Geschichten, die dem 2001 von einem Taucher im bayrischen Chiemsee gefundenen Topf zugeschrieben werden. Dabei sind sich auch Wissenschafter uneinig über die Faktenlage, und gespannt wartet das Publikum auf das seit 2011 beworbene, aber bis heute nicht erschienene Buch zweier deutscher Autoren. Laut Inhaltsangabe des dtv-Verlags soll «Das Rätsel des Chiemsee-Kessels: Mythos, Wahn und Wirklichkeit» zum «sensationellen» Schluss kommen, dass der Topf jener «unheilige Gral der Nazis» sei, der kurz vor Kriegsende versteckt wurde.

Nun gehörte der Kessel zuletzt einem Zürcher Finanzjongleur mit Geschäftssitz in Rapperswil, der ihn 2005 für 300 000 Euro einem Münchner Sammler abkaufte und dann mittels zweifelhafter Empfehlungen hochspekulativ vermarktete – Partizipationsverträge mit Investoren vor allem aus Osteuropa brachten dem Mann 7,4 Millionen Euro ein. Jetzt, da der Betrüger zweitinstanzlich zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und zudem vom Zürcher Obergericht zur Begleichung diverser Schadenersatzforderungen verpflichtet worden ist, soll der Kessel dem Konkursamt St. Gallen «herausgegeben» werden, wie es Mitte August hiess.

Verwertung nicht vor 2013

Und also demnächst verwertet werden? Unschwer vorzustellen, was eine öffentliche Versteigerung für einen Auflauf hätte: «Das Interesse ist wirklich riesig», sagt Katharina Kuster, zuständige Konkursbeamtin bei der Zweigstelle Rapperswil-Jona. In diesen Tagen hat die St. Galler Beamtin Medienanfragen aus Deutschland und sogar aus England erhalten. Aber sie musste beruhigen: «Wir wissen noch nicht, wie der Kessel verwertet werden soll. Jedenfalls passiert das nicht mehr in diesem Jahr.» Dass das Amt selber eine öffentliche Versteigerung veranstaltet, ist angesichts des Aufwands und Interesses eher auszuschliessen. Denkbar sei, so Kuster, dass man ein erfahrenes Auktionshaus mit der Verwertung beauftrage.

Halbe Million mindestens

Die Hysterie ist das eine, der unklare Wert des Goldtopfs das andere, das die Konkursbehörden die heikle Sache ohne Eile angehen lässt. Abgesehen davon müsse man nun den Kollokationsplan – das amtliche Schuldenverzeichnis – erstellen und habe im übrigen eine «Heidenbüez», sagt Katharina Kuster. «Wir haben daneben viele andere Fälle.» Der Wert des Kessels ist schwierig zu schätzen, zumal diverse Gutachten auf höchst unterschiedliche Ergebnisse kommen, was das Alter betrifft. So wurden bereits Beträge von 7, 30 oder 300 Millionen Franken genannt. Laut der Konkursbeamtin ist der elf Kilogramm schwere Kessel aus 18karätigem Gold jedenfalls «im Minimum seinen Goldwert, also mindestens eine halbe Million Franken wert». Fachleute fordern eine neue wissenschaftliche Expertise, zumal jene der bayrischen Behörden nach dem Fund umstritten ist.

Wer den verurteilten Kessel-Spekulanten als neuer Besitzer beerben will, muss demnach tief in die Tasche greifen – auf welchem Weg der Schatz auch immer verkauft wird. Laut der «Weltwoche» hat kürzlich ein Schatzjäger vor dem Kantonsgericht St. Gallen vergeblich versucht, seine vermeintlichen Rechte am Kessel geltend zu machen.

Eines ist der Kessel tatsächlich – «sehr schön», lacht die Konkursbeamtin, die ihn «auch schon angefasst» hat. Vorläufig bleibt er in ihrem Gewahrsam, respektive eben im Banksafe in Zürich.

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