Glücksfall für die Bischöfe

Vor vierzig Jahren haben sich die katholischen Bischöfe Europas zusammengeschlossen und für ihren Austausch eine Geschäftsstelle errichtet. Diese befindet sich in St. Gallen. Die Bischöfe betrachten den Standort als Glücksfall.

Josef Osterwalder
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Pater Duarte da Cunha aus Portugal leitet seit 2008 das Generalsekretariat des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen in St. Gallen. (Bild: pd)

Pater Duarte da Cunha aus Portugal leitet seit 2008 das Generalsekretariat des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen in St. Gallen. (Bild: pd)

St. Gallen. Seit vielen Jahren ist St. Gallen ein Treffpunkt für europäische Bischöfe, und immer wieder einmal kann man hier einem Kardinal oder dem hochrangigen Vertreter einer andern Kirche begegnen.

Doch diese Gäste stellen sich in der Regel ohne Aufhebens ein. Sie kommen nicht, um zu repräsentieren, sondern um zu arbeiten. Denn hier, in St. Gallen, befindet sich die Geschäftsstelle der katholischen Bischöfe, die Drehscheibe für ihren Austausch. St. Gallen ist auch Ausgangspunkt für viele ökumenische Kontakte. Hier wurden darum die drei grossen Ökumenischen Versammlungen von Basel (1989), Graz (1997) und Sibiu (2007) vorbereitet.

Frucht des Konzils

Der Zusammenschluss der europäischen Bischöfe ist eine Frucht des Zweiten Vatikanischen Konzils. Auf diesem hatten sie begonnen, vermehrt zusammenzuarbeiten und gemeinsame Lösungen zu suchen. Erst trafen sie sich zu jährlichen Symposien. Doch bald schon merkten sie, dass sie ihrer Zusammenarbeit eine Struktur geben sollten.

Am 25. März 1971 gründeten sie in Rom den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (Consilium Conferentiarum Episcoporum Europae, CCEE). Erster Präsident wurde der Erzbischof von Marseille Roger Etchegaray. Das Sekretariat wurde zunächst vom Bischofsvikar von Chur, Alois Sustar, besorgt.

1977 übernahm der St. Galler Bischofsvikar Ivo Fürer das Generalsekretariat, das sich seither in der Gallusstadt befindet. Ivo Fürer versah die Aufgabe bis zu seiner Wahl zum St. Galler Bischof im Jahr 1995. Auf ihn folgte der Italiener Aldo Giordano. 2008 wurde er vom portugiesischen Pater Duarte da Cunha abgelöst.

Es mag erstaunen, dass das Generalsekretariat des CCEE in St. Gallen angesiedelt ist, in einer der wohl kleinsten Diözesen Mitteleuropas.

Warum St. Gallen?

Dies hatte zunächst einen rein praktischen Grund. Für das Generalsekretariat standen kaum Mittel zur Verfügung. So konnte für den Generalsekretär auch kein Vollamt geschaffen werden. Ivo Fürer erledigte die Aufgabe zusätzlich zu seinem Amt als Bischofsvikar und späterem Domdekan. Dass dies überhaupt möglich war, verdankt sich seinem enormen Arbeitselan und seiner Sekretärin Margreth Küng, die als organisatorische Virtuosin unschätzbare Dienste leistete.

Bald schon erkannten die europäischen Bischöfe, dass die Ansiedlung in St. Gallen nicht nur organisatorische, sondern auch psychologische Vorteile hat: Befände sich das Generalsekretariat in einem grossen, bedeutsamen Bistum oder Erzbistum, bestünde die Gefahr, dass es unter dessen Einfluss geraten könnte.

Römische Pläne

Dennoch war der Sitz in St. Gallen nicht immer unbestritten. Eine Diskussion entbrannte im Jahr 1993, als bekannt wurde, dass der Vatikan den Sitz des Generalsekretariates nach Rom verlegen wolle.

Gegen dieses Ansinnen wehrte sich allerdings der damalige Präsident des CCEE, Erzbischof Vlk von Prag, der das Sekretariat lieber in seine Stadt verlegt hätte. Dies wiederum wollten die andern Bischöfe nicht. Also blieb der Sitz in St. Gallen, in der Mitte zwischen Prag und Rom.

Wesentlichen Anteil an diesem Ausgang hatte der amerikanische Journalist und Biograph Johannes XXIII., Peter Hebblethwaite, der das Seilziehen um den Sekretariatssitz in der Weltpresse öffentlich gemacht hatte.

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