Glosse
Salzkorn: Von der vermeintlichen Magie des Bodensees

Für einen Schnaps oder ein Stück Käse greift man gern tiefer in die Tasche, wenn dazu noch eine saftige Geschichte serviert wird.

Melissa Müller
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Illustration: Corinne Bromundt

Zu Grossmutters Zeiten gab es an Heiligabend bei vielen Rheintaler Familien nur Ribel und einen Wurstzipfel. Heute kann es nicht luxuriös genug sein. Der Käse stammt von einem Toggenburger, der behauptet, er schmecke an der Milch, welche Kräuter die Kuh gefressen hat. Das Kalb, das man vom Biobauern des Vertrauens bezieht, wurde bei Vollmond geschlachtet. Das Kochmesser wurde von einem japanischen Meister geschmiedet.

Exklusiv ist auch der Gin, den eine Romanshorner Eventfirma in eine wasserdichte Kugel aus Stahl abgefüllt hat. Diese hat sie in den Bodensee versenkt. Nach zehn Wochen holte man die Kugel rechtzeitig vor Weihnachten wieder aus dem Wasser. Man lud die Medien ein und knipste Fotos. Bei der ersten Degustation befand man, das Aroma sei besser geworden. «Der Gin wurde von der Magie des Bodensees verzaubert» flötete eine Marketingfachfrau. Jedenfalls ist das edle Nass schon ausverkauft. Nicht nur das Auge isst und trinkt mit. ­Sondern auch die Lust auf Geschichten mit Eventcharakter.