Glosse
Nur die Discokugel fehlt: Willkommen im geheimen Partykeller der St.Galler Regierung

Fotografiert, aquarelliert, collagiert: Auf den neuen Gruppenbildern der Ostschweizer Regierungen wimmelt es nur so von versteckten Botschaften. Die St.Galler feiern eine klandestine Coronaparty, die Thurgauer verlieren sich im Wunderland – und die Ausserrhoder sind aufs Sonnendeck geflüchtet.

Michael Genova
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Die St.Galler Regierung in der Alten Spinnerei in Murg: Fredy Fässler, Susanne Hartmann, Stefan Kölliker, Bruno Damann, Regierungspräsident Marc Mächler, Laura Bucher, Staatssekretär Benedikt van Spyk, Beat Tinner.

Die St.Galler Regierung in der Alten Spinnerei in Murg: Fredy Fässler, Susanne Hartmann, Stefan Kölliker, Bruno Damann, Regierungspräsident Marc Mächler, Laura Bucher, Staatssekretär Benedikt van Spyk, Beat Tinner.

Bild: PD

Junizeit ist Präsentationszeit für die Ostschweizer Kantonsregierungen. Dann veröffentlichen sie traditionellerweise ihr neues Gruppenbild: Die neue Präsidentin oder der neue Präsident umringt von den Amtskolleginnen und -kollegen. Dieses Jahr haben die Regierenden ihre ganz eigenen Auswege aus der Coronakrise gefunden.

Ertappt im Partykeller

Die St.Galler Regierung präsentiert sich in einem Gewölbe der Alten Spinnerei in Murg. Das umgenutzte Industriegebäude stehe für die Weiterentwicklung und Innovationskraft des Kantons – und diese Coolness soll visuell wohl auf den Regierungsrat abfärben. Dieser wirkt jedoch eher wie auf frischer Tat ertappt: Willkommen im geheimen Partykeller der St.Galler Regierung!

Marc Mächler, Organisator der klandestinen Coronadisco, hockt lässig auf einem Barhocker. Partylöwe Beat Tinner grinst erwartungsfroh, während seine Buddies Fredy Fässler und Bruno Damann noch mit Lockerungsübungen beschäftigt sind. Das «cool kid» des Abends ist Susanne Hartmann – sie stiehlt mit ihren senfgelben Hosen und weissen Sneakern den grau-konformen Streberfreunden die Show.

Schon bald werden Stefan Kölliker und Laura Bucher die Stühle zur Seite schieben und sich in wilden Verrenkungen verlieren. Nur die Discokugel fehlt noch – Staatssekretär Benedikt van Spyk wird sie an die Decke hängen, sobald der Fotograf gegangen ist.

Eine Exekutive im Wunderland

Der Thurgauer Regierungsrat als Aquarellbild: Staatsschreiber Paul Roth, Urs Martin, Vizepräsidentin Carmen Haag, Regierungspräsidentin Monika Knill, Cornelia Komposch und Walter Schönholzer.

Der Thurgauer Regierungsrat als Aquarellbild: Staatsschreiber Paul Roth, Urs Martin, Vizepräsidentin Carmen Haag, Regierungspräsidentin Monika Knill, Cornelia Komposch und Walter Schönholzer.

Bild: PD

Während draussen die Pandemie noch wütet, ist im Thurgau die Welt bereits wieder heile. Zum ersten Mal hat sich die Regierung nicht fotografieren, sondern von der Künstlerin Carole Isler illustrieren lassen. Die Regierungsräte stehen auf den gelb-grün-blau zerfliessenden Kantonsfarben und lächeln versonnen den Bürgerinnen und Bürgern entgegen. Eine Exekutive im Wunderland.

Man muss etwas genauer hinschauen – doch dann erkennt man sie. Baudirektorin Carmen Haag streckt dem Publikum ein Blümlein entgegen, auf dem gerade ein Schmetterling landet. Regierungspräsidentin Monika Knill stützt sich locker auf ein Fahrrad, Justizdirektorin Cornelia Komposch hält ein Blaulicht in der Hand und Volkswirtschaftsdirektor Walter Schönholzer legt seine Hand zärtlich auf den Kopf eines Kälbleins.

Corona ist nurmehr eine ferne Andeutung: Fast schon entspannt hält Gesundheitsdirektor Urs Martin ein rotes Spielzeug-Coronavirus mit neckischen Spike-Proteinen in die Höhe.

Die Gewerbler auf dem Sonnendeck

Der Ausserrhoder Regierungsrat vor ein Solardach montiert: Ratschreiber Roger Nobs, Yves Noël Balmer, Alfred Stricker, Landammann Dölf Biasotto, Paul Signer und Hansueli Reutegger.

Der Ausserrhoder Regierungsrat vor ein Solardach montiert: Ratschreiber Roger Nobs, Yves Noël Balmer, Alfred Stricker, Landammann Dölf Biasotto, Paul Signer und Hansueli Reutegger.

Fotomontage: PD

Noch ferner ist Corona in Appenzell Ausserrhoden. Dort ist die Regierung aufs Sonnendeck geflüchtet, wo sie entspannt einen Alpenbitter on the rocks schlürft. Der Fotograf hat die Regierungsräte kurzerhand vor eine Solaranlage montiert, in der Ferne leuchtet der Kirchturm der Gemeinde Speicher.

Die Regierungsräte freuen sich spitzbübisch, wie fünf geschäftstüchtige Gewerbler, die einem halben Dorf gerade Solaranlagen verkauft haben. Die diesjährige Regierungscollage könnte ein kryptischer Aufruf an die Ausserrhoder Hausbesitzer sein, endlich modern zu werden. Ausserrhoden ist beim Solarausbau nämlich schlappe 266 Jahre im Rückstand, wie die Solaranalyse des WWF jüngst ergeben hat.

Und Corona? In der regierungsrätlichen Männerrunde herrscht zwar eitel Sonnenschein, doch im Hintergrund ist die Pandemie durchaus noch Thema. So wünscht der abtretende Landammann Fredi Stricker in der Pressemitteilung seinem Nachfolger Dölf Biasotto fürs kommende Präsidialjahr «viel Fingerspritzengefühl».