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GLEICHSTELLUNG: Lohngleichheit in der Ostschweiz: "Das ist nur noch peinlich"

Die Charta, welche Lohngleichheit im öffentlichen Sektor fördern soll, haben in der Ostschweiz erst die Stadt Wil und der Kanton St. Gallen unterschrieben. Man lebe Lohngleichheit bereits, heisst es vielerorts. Die Statistik besagt anderes.
Janina Gehrig
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Seit 36 Jahren steht der Grundsatz in der Verfassung. Wirklich umgesetzt ist er weder in der Privatwirtschaft noch im öffentlichen Sektor. (Bild: Getty)

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Seit 36 Jahren steht der Grundsatz in der Verfassung. Wirklich umgesetzt ist er weder in der Privatwirtschaft noch im öffentlichen Sektor. (Bild: Getty)

Janina Gehrig

janina.gehrig@ostschweiz-am-sonntag.ch

Sie haben dieselben Schulen besucht, die gleichen Weiterbildungen absolviert, viel Erfahrung gesammelt, arbeiten im selben Beruf, in gleicher Position – und verdienen durchschnittlich 600 Franken weniger pro Monat als ihre Arbeitskollegen: Frauen in der Schweiz. Um gegen die Lohndiskriminierung vorzugehen, möchte der Bundesrat grosse Unternehmen zu regelmässigen Lohngleichheitsanalysen verpflichten. Doch der Ständerat hat die Gesetzesvorlage am Mittwoch zur Überarbeitung an die Kommission zurückbeordert.

Obwohl das Grundprinzip der Lohngleichheit seit 36 Jahren in der Verfassung festgeschrieben ist, harzt die Umsetzung bis heute auch im öffentlichen Sektor. Ein Blick auf die entsprechende «Charta», die Bundesrat Alain Berset vor eineinhalb Jahren lanciert hatte, zeigt: Ausser dem Bund haben erst 13 Kantone und 26 Gemeinden das Papier unterzeichnet. Sie bekräftigen damit ihren Willen, die Lohngleichheit von Mann und Frau regelmässig zu überprüfen und transparent zu machen. Aus der Ostschweiz stehen gerade einmal der Kanton St. Gallen sowie die Stadt Wil auf der Liste.

«Mehr als nur Symbolcharakter»

«Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir Männern und Frauen für die gleiche Arbeit die gleichen Löhne zahlen», sagt Susanne Hartmann, Stadtprä­sidentin von Wil (CVP), die 370 Mitarbeitenden vorsteht. Sie habe deshalb im Herbst 2016 nicht gezögert, die Charta zu unterzeichnen. «Wir haben ein Lohnsystem, das nach Qualifikationen und Erfahrungen entlöhnt – unabhängig vom Geschlecht.» Dass sie die einzige Stadtpräsidentin in der Ostschweiz ist, welche die Charta bisher unterschrieben hat, überrascht Hartmann. Transparenz sowie eine gewisse Kontrolle seien wichtig, der administrative Aufwand dafür habe sich in der Verwaltung in Grenzen gehalten. Die Charta habe mehr als nur Symbolcharakter: Nachdem ihr Engagement bekannt wurde, habe sich ein Gemeindepräsident aus dem Kanton St. Gallen nach dem Lohnsystem der Stadt Wil erkundigt.

Doch warum zögern andere Städte und Kantone mit einem Beitritt? Die St. Galler Stadtregierung liess in ihrer Antwort auf eine Interpellation im letzten Herbst verlauten, sie habe bisher «keinen unmittelbaren Handlungsbedarf» gesehen. Die in der Charta formulierten Anliegen der Lohngleichheit würden in der Stadt St. Gallen «mehrheitlich gelebt». Ein Beitritt würde geprüft.

Ähnlich tönt es in Herisau. «Die Charta ist als Absichtserklärung nett. Ich bin jedoch nicht überzeugt davon, ob sie auch wirklich greift», sagt Renzo Andreani, Gemeindepräsident von Herisau (SVP). Eine Unterzeichnung sei «nicht dringlich». «Wir leben Lohngleichheit schon. Unser Lohnsystem stellt sicher, dass wir dieselben Löhne für dieselbe Arbeit zahlen.»

Ob der Kanton Appenzell Innerrhoden die Charta unterzeichnet, ist ebenfalls ungewiss. Der Lohngleichheitsdialog des Bundes, ein Analyse-Tool, «scheint für die Grösse unserer Verwaltung in der Handhabung zu kompliziert», schreibt Landammann Daniel Fässler auf Anfrage. Man prüfe andere Referenzsysteme, messe der Lohngleichheit aber «ein grosses Gewicht» bei.

Appenzell Ausserrhoden als Vorbild

Maria Huber, Regionalsekretärin der Gewerkschaften und Personalverbände für Angestellte im Service public (VPOD Ostschweiz), ist nicht überrascht von den Aussagen. In der Ostschweiz brauche es viel, um den Prozess anzustossen. «Einerseits ist das Lohnniveau hier grundsätzlich tiefer als in der restlichen Schweiz. Zudem kommt es auf die Sensibilisierung der Führungspersonen an. Oft herrscht die Meinung vor, es sei nicht so wichtig, wie viel die Frauen verdienen», sagt Huber. Lohndiskriminierung habe auch mit Intransparenz zu tun. «Dass Frauen klagen, braucht sehr viel Mut.»

Für Huber gilt der Kanton Appenzell Ausserrhoden als Vorbild. «Dort wurden die Löhne überprüft, Vereinbarungen mit Gewerkschaften getroffen, die Mitarbeiter transparent informiert», sagt sie. Warum fehlt der Kanton dennoch auf der Charta? «Appenzell Ausserrhoden ist als kleiner Kanton nur begrenzt in der Lage, aufwendige Kontrollmechanismen sicherzustellen», heisst es aus dem zuständigen Departement. Der Thurgau wiederum mache kein regelmässiges Mentoring, um die Löhne längerfristig zu überprüfen, sagt Huber.

Das sieht der Thurgauer SVP-Regierungsrat Jakob Stark anders. Er bezeichnet den Thurgau gar als «vorbildlich», da die Lohngleichheit in der kantonalen Verwaltung 2012 überprüft worden sei. Frauen verdienten demnach «nur» drei bis vier Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, was «unter der vom Bund definierten Toleranzschwelle von 5 Prozent» liege. Stark verweist zudem auf die Antwort des Regierungsrats auf eine einfache Anfrage vom Dezember. Die Unterzeichnung der Charta sei nicht notwendig, weil der Kanton die Anliegen in wichtigen Punkten erfülle.

Nina Schläfli, Thurgauer SP-Parteipräsidentin und Kantonsrätin, findet diese Antwort «nur noch peinlich». «Die Diskussion macht mich ohnmächtig. Der Kanton Thurgau macht zu wenig für die Gleichstellung. Mit einem Beitritt zur Charta erkennte man das Problem der Ungleichheit an und überprüfte die Löhne regelmässig.» Auch Huber hält die Toleranzschwelle für eine «willkürliche Grösse und ein schlechtes Argument, sich zurückzulehnen».

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