Glauben und Leben in Pakistan

Debora und Roman Sohrmann leben seit fünf Jahren in Islamabad in Pakistan. Alles andere als ein sicherer Ort für gläubige Christen. Sie gelten als bedrängte Minderheit. In das Land haben sich die beiden Rheinecker trotzdem verliebt.

Nina Rudnicki
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Jeden Sommer leben Roman und Debora Sohrmann während eines Monates bei Freunden in Rheineck. (Bild: Hanspeter Schiess)

Jeden Sommer leben Roman und Debora Sohrmann während eines Monates bei Freunden in Rheineck. (Bild: Hanspeter Schiess)

RHEINECK. Weisse gleich Christen gleich Hollywood gleich ausschweifendes Leben gleich Reichtum. Das sei eine Gleichung, die viele Pakistaner machen, wenn sie das erste Mal auf Personen aus dem Westen treffen, sagt Roman Sohrmann. Der 33-Jährige sitzt zusammen mit seiner Frau Debora im schattigen Garten eines Einfamilienhauses von Freunden in Rheineck. Ihre drei kleinen Buben füllen Luftballone mit Wasser. Jedes Jahr verbringen Sohrmanns im Sommer einen Monat hier, seit sie vor fünf Jahren nach Islamabad, der Hauptstadt Pakistans, ausgewandert sind. Dies einerseits, um sich mit der Firma Xtendum, die Dienstleistungen für Schweizer Architekten und Softwareentwickler anbietet, selbständig zu machen. Andererseits des Abenteuers wegen.

Fast normaler Alltag

Abenteuerlich und waghalsig erscheint es in der Tat, wenn gläubige Christen – Sohrmanns sind Mitglieder der Freien Evangelischen Gemeinde – ausgerechnet in jenes Land ziehen, in dem die Taliban immer wieder Anschläge auf Regierungseinrichtungen und auf Einrichtungen religiöser Minderheiten verüben. Ganz abgesehen von den Entführungen westlicher Touristen. Von solchen Vorfällen lassen sich Roman und Debora Sohrmann aber nicht verunsichern. «Wir sind noch nie in eine gefährliche Situation gekommen», sagt er. Natürlich gebe es Stadtviertel oder Gegenden wie das Grenzgebiet zu Afghanistan, die man besser meide. «Aber abgesehen davon unterscheidet sich der Alltag in Pakistan gar nicht so gross von jenem in der Schweiz.»

So fährt Roman Sohrmann morgens mit seinem Auto 20 Minuten zu seinem Büro. Zweimal pro Woche nimmt er allerdings ein Taxi, damit seine Familie verschiedene Dinge erledigen kann. Der älteste der drei Söhne besucht mit seinen 7 Jahren bereits eine lokale Schule. Alle drei Buben sprechen Englisch und die Landessprache Urdu. Sonntags besucht die Familie den Gottesdienst in einer Protestantischen Kirche. Dazwischen bleibt Zeit, sich mit Freunden zu treffen, zu denen sowohl Westler als auch Pakistaner zählen. Denn nicht nur die drei Buben, sondern auch Debora und Roman Sohrmann sprechen mittlerweile fliessend Urdu. Drei Jahre lang haben sie die Sprache im Land gelernt und studiert. «Dass es wichtig ist, die Sprache der Einheimischen fliessend zu sprechen, habe ich während meines Studiums am <All Nations College> in London gelernt», sagt Roman Sohrmann. Das College besuchte er, nachdem er und Debora Sohrmann sich während eines einmonatigen Hilfseinsatzes in der nordpakistanischen Stadt Balakot im Jahr 2006 in Land und Leute verliebt hatten. Damals halfen die beiden in dem von einem Erdbeben völlig zerstörten Gebiet beim Wiederaufbau mit, er als Hochbauzeichner, sie als Krankenschwester.

Über Glaube erstaunt

«Nach dem Hilfseinsatz war klar, dass wir ganz nach Pakistan ziehen wollen. Also habe ich mich während des Studiums am Londoner College vor allem mit dem Diskurs zwischen den Religionen und den Kulturen befasst», sagt Roman Sohrmann.

Denn anders als in europäischen Ländern sei Religion in Pakistan kein Tabuthema. Die Menschen würden gerne darüber diskutieren. «Wenn wir ihnen erzählen, dass wir gläubig sind, sind viele Pakistaner erstaunt. Denn das erwarten sie von Europäern am wenigsten.» Die Diskussionen können dann so aussehen, dass Sohrmanns mit einem befreundeten Pakistaner, der von Jesus träumte, gemeinsam in der Bibel lesen und darüber sprechen. Oder dass es an ihrer Haustüre klingelt und zehn bärtige Männer davor stehen, welche die Familie zu einem Moscheebesuch einladen wollen. «Der kulturelle Austausch ist etwas vom wichtigsten für mich. Und die Freundschaften, die dabei geschlossen werden», sagt Roman Sohrmann. Da man in der Fremde viel mehr auf Hilfe angewiesen sei als in der Heimat, rücke man auch näher zusammen und unterstütze sich gegenseitig. «Daraus entsteht eine ganz andere Qualität von Freundschaft.»

Offene Zukunft in Pakistan

Wie lange Sohrmanns noch in Pakistan bleiben werden, hängt von der Sicherheitslage im Land ab, von der Schulsituation und dem Niveau des Unterrichts. Roman Sohrmann sagt: «Über diese Punkte diskutieren wir jedes Jahr, wenn wir jeweils eine Verlängerung des Visums beantragen. Und bislang hat immer das Positive überwogen.»