«Glauben Sie an Gott?»

Josua Conrad hat eine Mission. Der Abtwiler verbreitet während zweier Jahre die Lehre der Mormonen in Deutschland. Er verzichtet dabei auf Fernsehen, Frauen und seinen Vornamen. Katrin Meier (Text) und Benjamin Manser (Bilder) haben ihn in Aachen begleitet.

Merken
Drucken
Teilen
Legende (Bild: Photographer: Benjamin Manser)

Legende (Bild: Photographer: Benjamin Manser)

Marita Küpper ist wütend. Die arbeitslose Sozialhilfeempfängerin steht auf der Strasse vor ihrem ehemaligen Wohnblock in Aachen und stützt die Hände in die Hüften: «Von hier habt ihr mich rausgeekelt», schreit die 41-Jährige zu den dunklen Fenstern hinauf. «Ihr habt meine Kinder beschimpft und mir die Faust ins Gesicht geschlagen.» Sie wendet sich ab: «Alle haben mich im Stich gelassen.» Behörden, Freunde, Familie – nirgends habe sie Hilfe gefunden, als sie ohne Wohnung dastand, mit zwei Töchtern und einem Bandscheibenvorfall. Nur die Mormonen seien für sie dagewesen. Die Missionare haben an ihrer Tür geklingelt, und Marita Küpper hat sie eingelassen. «Die haben einen guten Eindruck gemacht in ihren Anzügen.»

Heute abend helfen ihr die beiden Missionare, den Keller zu räumen, bevor sie die Wohnung verlässt. Elder Conrad trägt eine fleckige Matratze ins orange Licht der Strassenlaterne, gefolgt von Elder Hodges, der eine alte Puppe und Bretter an den Strassenrand stellt. «Auf die ist Verlass», sagt Marita Küpper. «Die kommen, wenn man sie braucht.»

Nie allein

Spätestens um 6.30 Uhr müssen die Missionare aufstehen. So steht es in ihren Richtlinien. Der 19jährige Elder Hodges verlässt als erster das gemeinsame Schlafzimmer. Er stammt aus Idaho Falls, nahe Salt Lake City, der Hauptstadt der Mormonen. Der 21jährige Elder Conrad bleibt noch etwas liegen. Früh aufstehen ist eine Qual für den Abtwiler.

Die jungen Männer verbringen ihre Missionszeit 24 Stunden am Tag zu zweit. Die Wohnung in Aachen misst nur wenige Quadratmeter: ein Schlafzimmer mit zwei schmalen Betten, eine Küche, in der nur eine Person Platz hat, ein Wohnzimmer mit durchgesessenem Sofa und zwei Schreibtischen, auf denen sich Bücherberge türmen. Dort sitzt Elder Hodges, in seine Schriften vertieft. Elder Conrad lässt die Hanteln, mit denen er kurz trainiert hat, unters Sofa rollen. Sie sprechen ein kurzes Gebet. Dann lesen sie zwei Stunden. Draussen ist es noch dunkel.

Wachhalten können sie sich weder mit Kaffee noch mit schwarzem Tee. Beides ist den Mormonen verboten. Ebenso Alkohol und Tabak. Die jungen Männer verzichten einmal im Monat auf Frühstück und Mittagessen. Sie dürfen nicht im Internet surfen oder fernsehen, keine Zeitung lesen und kein Radio hören. Auf dem DVD-Player sehen sie nur autorisierte Filme, und im Hintergrund läuft ausschliesslich Kirchenmusik. «So werden wir nicht abgelenkt und können uns voll und ganz unserer Missionstätigkeit widmen», sagt Elder Conrad. Zu ihrem eigenen Schutz dürfen sie nie mit einer Frau allein sein. Flirten, Tanzen oder Ausgehen sind tabu. Eine Kontrolle gibt es nicht – ausser dem eigenen Gewissen und dem Missionspartner, dem Companion, der sich ständig im gleichen Raum aufhalten sollte. Alle Verhaltensregeln sind in einem weissen Büchlein zusammengefasst, dem Missionarshandbuch.

Auch darin lesen Elder Conrad und Elder Hodges täglich. Neben der Bibel, dem Buch Mormon und den Zeitschriften, worin der Präsident und aktuelle Prophet der Kirche die göttlichen Eingebungen verbreitet. Während Elder Hodges noch eine Stunde Deutsch lernt, zieht sich Elder Conrad fertig an. Zur Missionarsuniform gehören ein weisses Hemd, eine Krawatte, ein dunkler Anzug und polierbare Schuhe. Auf dem kleinen Schild auf der Brusttasche seines Anzugs steht: «Elder Conrad, Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage». Seinen Vornamen hat Josua Conrad für die zwei Jahre auf Mission abgelegt. Er wird wie alle Missionare nur noch Elder genannt.

«Deutschland, muss das sein?»

«Eigentlich wollte ich nie auf Mission gehen», sagt Conrad, «obwohl meine Eltern mir das immer nahegelegt hatten.» Er ist in Abtwil mit drei Geschwistern aufgewachsen. Sein Vater ist Präsident des Pfahls St. Gallen, eine Art Bischof. «Erst in der Rekrutenschule habe ich über das Leben und die Mission nachgedacht», sagt Conrad. Dann habe er gebetet, um Rat von oben zu erhalten. Bald sei ihm klargeworden, dass er sich nicht weiter sträuben sollte. «Ich möchte den Leuten erzählen, wie viel mir die Kirche geholfen hat. Sie hat mich zu einem glücklicheren Menschen gemacht.» Er schickte seine Bewerbung an den Präsidenten, das internationale Oberhaupt der Kirche, und hoffte, irgendwo hingeschickt zu werden, wo man nicht Deutsch spricht. Als die Berufung kam, war Conrad enttäuscht: «Deutschland, muss das sein?» Schliesslich habe er sich damit abgefunden: «Gott schickt mich dorthin, wo man mich am meisten braucht.»

Erste Station war Gera in Ostdeutschland. Zehn Companions und zwei Städte später kam Elder Conrad Mitte Oktober nach Aachen. Davor war er neun Monate in der amerikanischen Militärbasis in Kaiserslautern gewesen. «Dort hat es mir sehr gefallen. Wir hatten ein Auto und haben fast immer Englisch gesprochen.» Seither wiegt Elder Conrad zehn Kilo mehr und spricht fliessend Amerikanisch. Ein leichter Akzent dringt sogar durch, wenn er Deutsch spricht. Auch sein Schweizerdeutsch ist vom Nichtgebrauch etwas holprig geworden. Nach Hause telefonieren darf er nur zweimal im Jahr, am Muttertag und an Weihnachten.

Wie ist das Zusammenleben mit Elder Hodges? «Unproblematisch», sagt Elder Conrad. Beide gäben sich Mühe und gingen Kompromisse ein. Hodges kocht, Conrad wäscht ab. Gibt es etwas, was sie aneinander stört, worüber sie streiten? Über Details müsse man hinwegsehen, sagt Elder Hodges. Elder Conrad redet im Schlaf. Streit hätten sie nie. Er habe auch nie das Bedürfnis, allein zu sein, sagt Elder Conrad. «Komisch, darüber habe ich gar nie nachgedacht.» Die Fragen perlen an den beiden ab wie Wasser an einer Regenhaut.

«Was ist für Sie der Sinn des Lebens?»

Um elf verlassen sie die Wohnung. Bis abends um neun werden sie unterwegs sein. Nachtruhe ist täglich um halb elf Uhr. Elder Conrad dankt Gott für die Aufgabe, die sie erhalten haben, und bittet um Kraft für die Prüfungen, die der Tag bringen wird. Dann machen sie sich auf, Aachen zu bekehren.

Im Bus drehen sich Köpfe nach ihnen um. Die fast zwei Meter grossen jungen Männer fallen auf in ihren Anzügen. Eine Ernsthaftigkeit umgibt sie, die unpassend wirkt für ihr Alter. Mädchen kichern hinter ihrem Rücken.

Der erste Wohnblock. Drei Reihen zu je acht Klingelknöpfen. Den Missionaren ist unwohl. Elder Hodges zuckt nervös mit den Schultern. Beim vierten Knopf: «Ja?» Eine Stimme in der Gegensprechanlage. «Was ist für Sie der Sinn des Lebens?» – «Weiss nicht.» – «Mein Kollege und ich sind Missionare. Wir stellen das Buch Mormon vor…» Es knackt im Lautsprecher. So geht es durch die ersten zwei Reihen. Manche schauen aus dem Fenster. «Entschuldigung, glauben Sie an Gott? Wir bringen eine Botschaft der Hoffnung.» – «Ich war in einer Klosterschule, das hat mir gereicht.» – «Ich verstehe schlecht Deutsch.» – «Ich bin Jüdin.» – «Wir wollen Ihnen nichts wegnehmen. Möchten Sie erfahren, wie Sie mehr Freude in Ihr Leben bringen können?» Dann surrt es. Sie können ins Gebäude hinein. Jetzt läuten sie direkt an den Wohnungstüren. Erst im fünften Stock wird ihnen eine Tür nicht sofort vor der Nase zugeschlagen. Eine alleinerziehende Mutter hört kurz zu und gibt ihnen ihre Nummer. Es ist die einzige nach über einer Stunde «Klinkenputzen». Eine schlechte Bilanz für die tägliche Statistik.

Am Morgen tragen die Missionare in ihre Agenda ein, wie viele neue Kontakte sie heute knüpfen wollen. Welche Interessierten sie besuchen werden und wie viele Taufen anstehen. Abends wird Bilanz gezogen. Am Ende der Woche schicken sie die Daten dem Distriktverantwortlichen. Direkte Konsequenzen haben diese Rückmeldungen keine. Es gehe darum, sein Bestes zu geben.

«Ich verstehe die Leute», sagt Elder Conrad. «Ich würde auch niemanden einlassen.» Wenn sie könnten, würden sie diese Art des Missionierens abschaffen. «Die Angst davor, jemanden anzusprechen, geht nie weg», sagt Elder Conrad. «Es ist auch ineffizient. Die meisten Neugetauften fanden wir durch Mitglieder, nicht auf der Strasse.»

Frustriert ihn nicht, dass er so viel Ablehnung erfährt? «Doch. Die Leute wissen nicht, was sie verpassen.» Wie lässt er seine Frustration raus? «Dunkle Gedanken verscheuche ich, indem ich bete, lese und dankbar bin für kleine Dinge wie das schöne Wetter.» Er wisse, dass er das Richtige tue. «Als Missionar folgen wir den Spuren von Jesus und kommen ihm dadurch näher. Das zu wissen hilft auch, die Gebote einzuhalten.» Freundlich beantwortet Elder Conrad alle Fragen. Es klingt, als hätte er die Antworten auswendig gelernt.

«Ich versuche, nicht an sie zu denken»

Auf dem Rückweg essen die Missionare in einem chinesischen Restaurant. Das schont das Budget von 150 Euro im Monat. Wenn er im Mai 2012 nach Abtwil zurückkehrt, will er zuerst einen Job suchen. Dann will er ein Studium beginnen. Daheim wartet seine Freundin auf ihn. Sie ist ebenfalls Mormonin, was es einfacher mache, das Keuschheitsgebot vor der Ehe einzuhalten. «Ich vermisse sie», sagt Elder Conrad, «aber ich versuche, möglichst wenig an sie zu denken.» Einmal pro Woche darf er ihr schreiben.

Marita Küpper meldet sich auf dem Handy. Sie verschiebt den vereinbarten Termin vom Nachmittag auf den Abend. Die Missionare besuchen Marita Küpper zweimal pro Woche. In halbstündigen Lektionen werden ihr die Grundlagen des Mormonentums vermittelt. Im Zentrum der ersten Lektionen stehen das Buch Mormon und wie Joseph Smith die einzig wahre Kirche wiederhergestellt hat. In weiteren werden die Gebote durchgenommen, wie man würdig wird für die Taufe durch Untertauchen. «Zum Konvertieren zwingen kann man niemanden», sagt Elder Conrad. «Der freie Wille ist entscheidend.» Die Interessierten werden angewiesen, in den Schriften nach Antworten zu suchen. «Als ich mit 16 am Glauben zweifelte, habe ich gebetet und gelesen. Ein gutes Gefühl von Friede und Liebe hat mir gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.»

Konservatives und enges System

Die unabhängige Fach- und Beratungsstelle Infosekta bezeichnet die Mormonenkirche als «christliche Glaubensgemeinschaft, die sich als einzig wahre Kirche sieht». «Der oberste Führer der Kirche, ein lebender Prophet, handelt angeblich im Namen Gottes», sagt Geschäftsleiterin Susanne Schaaf. «Damit werden seine Entscheide kaum hinterfragt.» Die Mormonen propagierten ein konservatives und sehr enges System mit ausgeprägt patriarchalen Strukturen, sagt Schaaf. Der Vater ist das Oberhaupt der Familie und kann in der Kirchenhierarchie aufsteigen. Die Frau ist für die Kinder zuständig und wird in ihrer Rolle als Mutter idealisiert. «Wenn sich ein Ehepaar anders organisieren will oder keine Kinder hat, verstösst es gegen den Willen Gottes», sagt Schaaf. «Ablehnend ist auch die Haltung gegenüber Menschen mit homosexuellen Neigungen.» Die Mormonen bieten laut Infosekta geordnete Verhältnisse in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Das wirke attraktiv auf Menschen mit Sehnsucht nach Sicherheit und einer tragenden Gemeinschaft. Um mitmachen zu können, müsse man aber das System und die Spielregeln akzeptieren. Das lasse dem einzelnen kaum Raum für Selbstbestimmung und Entfaltung. Wer auf dem Weg zum «idealen Mormonenmitglied» scheitere, könne unter Druck gesetzt und von Schuldgefühlen geplagt werden.

«Darauf wisst ihr keine Antwort, was?»

Bis die Missionare Marita Küppers Keller leergeräumt haben, dauert es kaum zwanzig Minuten. Dann gehen sie mit ihr in die neue Wohnung, die ihr ein Kirchenmitglied vermittelt hat. Eine weitere Lektion steht an. Nach dem Gebet lenkt Elder Conrad Marita Küppers Aufmerksamkeit auf eine Stelle im Buch Mormon, wo von der Umkehr zu Gott die Rede ist. Als sie die Stelle vorliest, bleibt sie beim Wort «Brüder» hängen: «Das ist ein Druckfehler», sagt sie. «Hier müsste doch stehen <Brüder und Schwestern>. Oder bin ich etwa nicht gemeint?» Marita Küpper schaut die Elders herausfordernd an. «Darauf wisst ihr keine Antwort, was?» Sie lacht. Ein Druckfehler sei es sicher nicht, sagt Elder Conrad. Er zieht die Augenbrauen zusammen. Aber damals habe man eben so gesprochen.

Marita Küpper hatte bereits einen Tauftermin. Da sie sich aber nicht an die Regeln hielt, wurde er aufgehoben. Sie gebe sich Mühe und wolle bald rein werden für die Taufe und damit Teil der Gemeinde. «Dann stehe ich nicht mehr alleine da.» Sie habe bereits die Antidepressiva abgesetzt: «Die hab ich wegen der Probleme mit dem Kindsvater genommen.» «Jetzt bleibt nur noch das Rauchen», mahnt Elder Conrad. «Wenn ich nervös werde, rauche ich. Aber auch daran arbeite ich.»

An der Bushaltestelle seufzt Elder Conrad: «Manchmal frage ich mich, wie viel von dem, was wir lehren, bei den Leuten ankommt.» Elder Hodges zuckt die Schultern. Marita Küpper hat auch einen Monat später noch keinen Tauftermin.

Legende (Bild: Photographer: Benjamin Manser)

Legende (Bild: Photographer: Benjamin Manser)

Legende (Bild: Photographer: Benjamin Manser)

Legende (Bild: Photographer: Benjamin Manser)

Legende (Bild: Photographer: Benjamin Manser)

Legende (Bild: Photographer: Benjamin Manser)

Legende (Bild: Photographer: Benjamin Manser)

Legende (Bild: Photographer: Benjamin Manser)

Josua Conrad, 21, Abtwil, Mormone auf Mission. (Bild: Photographer: Benjamin Manser)

Josua Conrad, 21, Abtwil, Mormone auf Mission. (Bild: Photographer: Benjamin Manser)