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Gezerre um Zukunft der St.Galler Berufsschulen

Im Kanton St. Gallen schwelt ein Streit um die Berufsbildung. Das Linthgebiet befürchtet eine Zentralisierung und den Verlust von Berufsschulstandorten. Zugleich fordert die Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell, dass die Schulen stärker nach Branchen zusammengefasst werden.
Adrian Vögele
Die Bauten des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum (GBS) im Riethüsli in St.Gallen sollen für 90 Millionen Franken saniert werden. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Bauten des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum (GBS) im Riethüsli in St.Gallen sollen für 90 Millionen Franken saniert werden. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die St.Galler Berufsschulen drohen den Anschluss zu verlieren: Das befürchtet die Industrie- und Handelskammer (IHK) St.Gallen-Appenzell. Um mit der Wirtschaft Schritt halten zu können, müssten sich diese stärker spezialisieren. Vergangenen Herbst schlug die IHK vor, dass die Schulen mehr nach Branchen und weniger nach geografischen Gesichtspunkten organisiert werden sollen. Gefragt seien Kompetenzzentren, in denen die Ausbildung für bestimmte Berufsgruppen zusammengefasst werde – etwa für Logistik, Informatik oder Verkauf. «Die Zeit der Gemischtwarenläden ist vorbei», sagte IHK-Direktor Kurt Weigelt. Zwar müsste eine solche Reform gemäss IHK nicht die Schliessung von Schulstandorten bedeuten. Die aktuelle Diskussion im Kanton Aargau zeigt allerdings das Gegenteil (siehe unten).

So oder so: Der Vorschlag birgt Zündstoff für die ohnehin schon hitzige Debatte über die St. Galler Berufsschulen. Im November wird das Volk über eine kantonale Reform abstimmen, welche die Führung und Aufsicht der Berufsschulen neu regelt. Zur Abstimmung kommt es, weil sich das Parlament nicht einigen konnte: Die CVP und die Linke ergriffen das Ratsreferendum. Zwei Hauptkritikpunkte: Die Wirtschaft verliere an Einfluss auf die Berufsbildung, und die Verwaltung werde unnötig ausgebaut.

Kanton sieht Schwierigkeiten wegen «besonderer Geografie»

Der Kanton erteilt dem Vorschlag der IHK keine Absage. Im Gegenteil: Man arbeite bei den Berufsschulen seit Jahren auf die Bündelung nach Berufsgruppen hin, schreibt das Bildungsdepartement auf Anfrage. Es gebe zum Beispiel bereits Kompetenzzentren für Gesundheitsberufe. Allerdings seien der Forderung der IHK gewisse Grenzen gesetzt, «aufgrund der besonderen Geografie des Kantons». So musste nur schon die geplante Verschiebung der KV-Ausbildung von Sargans nach Buchs wegen massiven Widerstands im Sarganserland abgeblasen werden.

Doch die Reform, die im Herbst zur Abstimmung gelangt, fördere die Entwicklung hin zu Kompetenzzentren in der Berufsbildung, so das Bildungsdepartement. Mit der Neuregelung bekämen die Berufsfachschulkommissionen «neuen Freiraum», um ihrer jeweiligen Schule ein bestimmtes Profil zu geben. Das sieht auch die IHK so: «Die Reform könnte ein erster Schritt hin zu fachlich gebündelten Berufsschulen sein», sagt Kommunikationsleiter Robert Stadler.

Linthgebiet befürchtet Schliessung von Standorten

Ganz anders klingt es bei den Gegnern der Reform. «Von Gestaltungsfreiheit kann keine Rede sein», sagt Peter Göldi, CVP-Kantonsrat und Geschäftsführer der Region Zürichsee-Linth. Mit der Vorlage wolle die Regierung die Berufsfachschulen «völlig zentralistisch» führen. «Die Berufsfachschulkommissionen und damit die Vertreter aus Wirtschaft, Gewerbe und Gesellschaft sollen dem Amt für Berufsbildung unterstellt werden.» Die Kommissionen würden dadurch zu «Ausführungsgehilfen». Indem die Regierung die Kommissionen vor Ort schwäche, ebne sie den Weg hin zur Schliessung von Schulstandorten. Entsprechend skeptisch steht Göldi auch der Idee der IHK gegenüber, die Berufsschulen fachlich stärker zu bündeln: Praxisnähe sei wichtiger als eine «weitergehende Akademisierung und Zentralisierung». Es komme vor, dass Jugendliche einen Beruf nicht wählen würden, weil die Anfahrtswege allzu lang seien.

Zusätzlichen Ärger verursacht im Linthgebiet auch der Fahrplan des Kantons für die Bauprojekte bei den Berufsschulen: Das Gewerbliche Berufs- und Weiterbildungszentrum St. Gallen (GBS) steht zuoberst auf der Prioritätenliste: Der Standort im Riethüsli soll für 90 Millionen Franken erneuert werden, die Arbeiten sollen 2021 starten. Danach ist die Berufsfachschule im Toggenburg an der Reihe – ab 2024 werden dort 19 Millionen investiert. Wann das Berufs- und Weiterbildungszentrum Rapperswil-Jona an die Reihe kommt, ist hingegen noch offen. Um den Prozess zu beschleunigen, schlug die Stadt Rapperswil-Jona vor, selber einen Neubau zu realisieren und ihn dann an den Kanton zu vermieten. Das Baudepartement will nun bis Ende Jahr einen Vorschlag für diese Zusammenarbeit ausarbeiten. Peter Göldi beruhigt das wenig: «Es ist nicht nachvollziehbar, warum der Region Zürichsee-Linth als kantonsweit einziger zugemutet werden soll, selber ein Berufsfachschulhaus zu finanzieren», sagt er. «Die Regierung strapaziert die Gleichbehandlung der Region in verschiedenen Punkten – insbesondere im Bildungsbereich – enorm.»

IHK sieht den Thurgau als Vorbild

Die IHK sieht die aktuellen Bauvorhaben nicht als Hindernisse für die stärkere fachliche Bündelung der Berufsschulen. «Solche Gebäude werden heute ja in der Regel so konzipiert, dass man sie flexibel nutzen kann», sagt Robert Stadler. Wie es mit der Reform-Idee der IHK weitergeht, ist derzeit offen. «Wir wollen zuerst die Volksabstimmung im Herbst abwarten.» Als Vorbild für St.Gallen könne der Kanton Thurgau dienen, wo inzwischen fast alle Berufsschulen einen fachlichen Schwerpunkt haben. Bei den St.Galler Berufsschulen kommt auch die Informatik-Bildungsoffensive noch ins Spiel, über die das Volk nächstes Jahr abstimmen wird. Geplant ist unter anderem eine digitale Plattform, mit der sich Branchen, Betriebe und Schulen besser vernetzen sollen. Damit soll die Berufsbildung flexibler werden und sich stärker an fachlichen Kompetenzen orientieren.

Beispiel Aargau: Reform bereits zweimal gescheitert

Wie schwierig es ist, die Berufsschullandschaft neu zu ordnen, zeigt sich im Kanton Aargau: Seit Jahren wird dort über die Zusammenlegung von Schulstandorten und den Aufbau von Kompetenzzentren nach Berufsgruppen gestritten.
Heute gibt es im Aargau 13 Berufsschulen, verteilt auf acht Städte und Gemeinden. Im Herbst 2015 präsentierte die Regierung drei Varianten, um die Fachrichtungen besser zu bündeln und die Schulräume effizienter zu nutzen. So sah eine Variante vor, das KV nur noch an drei Standorten anzubieten statt an sieben, die komplette Schliessung von Berufsschulen war angedacht. Die Pläne kamen schlecht an. In Brugg etwa demonstrierten die Lehrlinge, in Lenzburg startete ein überparteiliches Komitee eine Petition. Schliesslich krebste die Regierung zurück. «Wir sind halt der Kanton der Regionen», sagte Bildungsdirektor Alex Hürzeler gegenüber SRF.
In ihrem zweiten Vorschlag sah die Regierung nurmehr Teilschliessungen vor. Jede Region sollte zumindest eine Berufsschule behalten können. Diese Variante wurde zunächst besser akzeptiert – doch dann kam sie zur falschen Zeit in den Grossen Rat: Es war April 2016, die Wahlen standen bevor. Im Parlament überwogen die regionalpolitischen Argumente, der Rat versenkte das Geschäft mit 127 zu 5 Stimmen.
Jetzt arbeitet die Regierung an Anlauf Nummer drei – unterstützt von FDP, CVP und GLP, die bereits wieder Feuer und Flamme für die Berufsschulreform sind: Die Parteien fordern Kompetenzzentren für die gewerblichen und die kaufmännischen Berufe. Die Chancen stehen auch deshalb besser als zuvor, weil der Kanton sparen muss. Die Regierung rechnet damit, dass eine Reduktion der Berufsschulstandorte sechs Millionen Franken Entlastung bringen könnte. Dass der dritte Reform-Entwurf noch dieses Jahr fertig wird, wie dies die Mitteparteien verlangen, sei jedoch wahrscheinlich. (av)

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