Wegen selbstabfahrender Züge in Sargans: Gewerkschaft legt sich mit SBB an

Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals wehrt sich gegen die Selbstabfahrt von Zügen. Diese wurde von den SBB in Sargans getestet, um bei der Abfahrt wertvolle Sekunden zu sparen.

Christoph Zweili
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Ein Doppelstockzug (Dosto) wartet im Hauptbahnhof Zürich auf seine Abfahrt als IR13 nach Chur.

Ein Doppelstockzug (Dosto) wartet im Hauptbahnhof Zürich auf seine Abfahrt als IR13 nach Chur.

Bild: Keystone/Markus Widmer

Die SBB haben auf der Interregio-Linie Zürich–Winterthur–Wil–St.Gallen–Buchs–Chur die sogenannte Selbstabfahrt getestet. Während des Pilotversuchs vom 10. bis 23.August fuhren die Lokführer an den Bahnhöfen ohne Abfahrtssignal durch das Zugpersonal ab. Mit diesem System sind heute bereits die kondukteurlosen Regionalzüge und die S-Bahn Zürich mit bis zu 300 Meter langen Zügen unterwegs.

Unterwegs im Fernverkehrs-Doppelstockzug (FV-Dosto) der SBB.

Unterwegs im Fernverkehrs-Doppelstockzug (FV-Dosto) der SBB.

Bild: Severin Bigler/MAN

Die SBB begründen auf Anfrage den Versuch mit der schwierigen Anschlusssituation in Sargans: «Vor allem der Anschluss zwischen dem IR13 (Interregio) aus St.Gallen und dem IC3 (Intercity) in Richtung Zürich klappt besonders in der Hauptverkehrszeit nicht immer.» Die SBB hätten mit dem Pilotversuch geprüft, wie viele Sekunden mit der Selbstabfahrt gewonnen werden können und ob dadurch die Anschlusssituation in Sargans verbessert werden könne. Der Versuch werde derzeit ausgewertet, Resultate lägen noch keine vor.

Patrick Ruggli, Leiter Amt für öffentlichen Verkehr

Patrick Ruggli, Leiter Amt für öffentlichen Verkehr

Bild: PD

Beim Kanton St.Gallen weiss man nichts von Verspätungen und Anschlussbrüchen im Knoten Sargans. «Allerdings wenden sich die Passagiere meistens an die SBB und nicht an uns», sagt Patrick Ruggli, Leiter Amt für öffentlichen Verkehr.

Aus Sicherheitsgründen gegen Selbstabfahrt

Die Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) lehnt die Selbstabfahrt ab. Dies vor allem aus Sicherheitsgründen, wie sie mitteilt. Dazu haben die beiden SEV-Unterverbände der betroffenen Personalkategorien Lok- und Zugpersonal Resolutionen verabschiedet, ebenso die vom Versuch betroffene regionale ZPV-Sektion Säntis-Bodensee. Alle drei verlangen einen Stopp «dieses kurzsichtigen, schlecht durchdachten Projekts».

Der Vorwurf: Die SBB setzten mit der Selbstabfahrt «auf Technik statt Augen». Selbstabfahrt bedeute, dass die Kundenbegleiter im Abfahr- und Türschliessprozess nicht mehr integriert seien, obwohl sie an den Haltebahnhöfen sowohl Präsenz markieren als auch Hilfestellung für Passagiere leisten sollen. Die Gewerkschaft hält fest:

«Damit steigt das Risiko von Unfällen von Fahrgästen und Personal beim Ein- und Aussteigen, vor allem bei unübersichtlichen Bahnhofanlagen und schlechter Sicht wegen Nebel.»

Tödlicher Unfall vor einem Jahr

Die Selbstabfahrt im Fernverkehr zu erproben sei umso fahrlässiger, als laut den vorliegenden Untersuchungsergebnissen zum Unfall vom 4. August 2019 in Baden die Funktionalität des Türschliessmechanismus sehr instabil sei.

Bei diesem Unfall war ein Zugchef ums Leben gekommen, nachdem er in einer Türe eingeklemmt und mitgeschleift worden war. Die SBB lassen diesen Vorwurf nicht gelten. Dieser Unfall sei bei einem Wagen mit einem älteren Türsystem geschehen, daraufhin habe man den Abfertigungsprozess für Re460-Pendelzüge und von Lokomotiven gezogenen Kompositionen geändert.

SBB verteidigt sich und verweist auf Modernität der Züge

Auf der Interregio-Linie 13 Zürich–St.Gallen–Chur seien dagegen modernste Züge des Typs FV Dosto unterwegs. Die Türen dieses Zugs verfügten über zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen und entsprächen dem neusten Stand der Technik. Die Sicherheit der Reisenden und des Personals sei gewährleistet.

Auch Ruggli sieht keine Gefahr bei der Selbstabfahrt von Interregio-Zügen:

«Das System ist auch bei langen Zügen schon seit Jahren etabliert. Das Personal ist trotzdem vor Ort.»
Reto Schärli, SBB-Mediensprecher

Reto Schärli, SBB-Mediensprecher

Bild: PD

Die SBB betonen weiter, dass Selbstabfahrt nicht unbegleitete Fahrten bedeute: «Fernverkehrszüge wie Intercity und Interregio sind immer begleitet. Das sei auch so während des Pilotbetriebs auf der Linie Zürich–St.Gallen–Chur gewesen. «Die Kundenbegleiterinnen und Kundenbegleiter erfüllten alle gewohnten Aufgaben mit Ausnahme der Abfahrerlaubnis», sagt SBB-Mediensprecher Reto Schärli. Die Selbstabfahrt künftig auf allen Fernzügen einzuführen, sei «nicht geplant».

Lokführermangel der SBB betrifft die Ostschweiz nicht

Die Kantone St.Gallen und Thurgau sind nicht vom Lokführermangel in der Schweizerischen Bundesbahnen betroffen. «In dieser Region hat es genügend Lokführerinnen und Lokführer, um das gesamte Angebot fahren zu können», schreibt SBB-Mediensprecher Reto Schärli auf Anfrage. In den beiden Appenzell betreibt die SBB keine Linien.

Am grössten ist der Mangel an Lokpersonal derzeit in der Westschweiz, wo die Ausbildung des Personals auf den neuen Zügen des Léman Express durch die Coronakrise ins Stocken gekommen ist. Ebenso hätten im Mittelland zahlreiche Lokführerinnen und Lokführer im Spätsommer ihre Ausbildung beendet, schreibt Schärli. Wegen Corona verzögere sich dies um einige Monate. So fallen im Raum Olten/Aarau bis zum Fahrplanwechsel Verbindungen aus. «Diese Probleme bestehen in der Ostschweiz nicht.» (dar)

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