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GEWALT: Nach dem Ausgang belästigt und geschlagen: "Ich will kein Opfer sein"

Eine junge Frau steigt nach dem Ausgang ins Auto eines Fremden. Seither ist nichts mehr, wie es war. Mit ihrer Geschichte möchte sie warnen und aufrütteln.
Mea Mc Ghee
Bild: Getty (Bild: Getty)

Bild: Getty (Bild: Getty)

Laura*, 22-jährig, sitzt auf dem Sofa. Sie ist blass, ihre braunen halblangen Haare sind ungekämmt. Es geht ihr nicht gut, das ist offensichtlich. Laura erzählt. Stockend und mit leiser Stimme: «Ich dachte, ich könnte ihm vertrauen.» Ein fataler Irrtum. Wäre sie nur nicht zu dem Mann ins Auto gestiegen.

Nichts ist mehr wie vorher, denn Laura wurde ein Opfer von sexueller ­Belästigung und körperlicher Gewalt. Was mit einem Besuch in einer Bar im Appenzellerland harmlos begonnen ­hatte, endete in einem Fiasko.

Viele Vorfälle werden gar nicht erst angezeigt

Ein Blick in die Kriminalstatistiken verschiedener Ostschweizer Kantone zeigt: Immer wieder werden Frauen Opfer ­sexueller Gewalt. 2016 ermittelte die Ausserrhoder Kantonspolizei in 23 Fällen wegen Straftaten gegen die sexuelle Integrität. Im Kanton St. Gallen wurden im gleichen Zeitraum 298 Fälle zur Anzeige gebracht, 148 waren es im Kanton Thurgau. Ein Tatbestand, der darunter fällt, ist die sexuelle Belästigung: In Ausserrhoden wurden 2016 vier Fälle angezeigt (im Jahr 2015 waren es neun). Im Kanton St. Gallen gab es 56 Fälle von sexueller Belästigung (Vorjahr: 35) und im Kanton Thurgau waren es 24 (27). In Appenzell Innerrhoden wurden fünf ­Sexualdelikte angezeigt (Vorjahr: acht).

Was die Zahlen der Kriminalstatistiken zeigen, ist wohl nur die Spitze des Eisberges. Viele Vorfälle werden gar nicht erst angezeigt. Sei es aus Ohnmacht oder aus Scham. Unter anderem deshalb hat sich Laura an die «Ostschweiz am Sonntag» gewandt. Sie möchte mit ihrer Geschichte aufrütteln und warnen. «Die Männer sollen über ihr Handeln nachdenken.» Die Polizei rät Opfern indes eher davon ab, während eines laufenden Verfahrens an die ­Öffentlichkeit zu gelangen. Mache man einen Vorfall publik, könnten die Auswirkungen insbesondere in den sozialen Medien nicht kontrolliert werden, begründet Ueli Frischknecht, Mediensprecher der Ausserrhoder Kantonspolizei.

Dennoch: Was Laura erlebt hat, sollte keine Frau durchmachen müssen. Obwohl seit dem Vorfall einige Tage vergangen sind, sieht die 22-Jährige mitgenommen aus. Irgendwie verloren. Sie hat darum gebeten, das Gespräch in ihrer Wohnung durchzuführen. Sie trägt ein Pyjama und hüllt sich in eine flauschige Decke, als wollte sie sich vor der Welt verstecken. Katrin*, eine gute Freundin, hält Lauras Hand. Sie ist ihr eine Stütze in diesen schwierigen Tagen. Immer wieder suchen sich die Blicke der beiden jungen Frauen.

«Ich wollte Leute kennen lernen, ging in eine Bar. Alleine, so wie ich das schon oft gemacht habe. Das Lokal war gut besucht, es herrschte Partystimmung.», sagt Laura Ein Mann habe sich zu ihr gesetzt und ihr einen Drink spendiert. «Dann fasste er mich an. Ich sagte Nein, schob seine Hand weg. Mehrmals.» Doch der Mann habe sie nicht ernst genommen. Sie sei vor die Bar gegangen, um zu rauchen, erinnert sie sich. Zurück im Lokal sei sie erneut belästigt worden, diesmal von mehreren Männern. Laura sagt: «Ich konnte mir nicht erklären, was da abging.» Während sie das Erlebte schildert, füllen sich ihre Augen mit Tränen. «Ich war schockiert, überwältigt, gestresst.» Alkohol habe sicher eine Rolle gespielt, räumt sie ein.

Das Vertrauen missbraucht

Als sie an jenem Abend nach Hause will, sucht sie in der Handtasche vergeblich nach dem Hausschlüssel. Sie geht zurück ins Lokal, findet den Schlüssel und tanzt danach mit einem Mann. «Ich hatte das Gefühl, wir seien auf einer Wellenlänge», sagt sie. Da sie in Ruhe mit ihm reden wollte, ging sie mit ihm ins Freie und stieg schliesslich ins Auto des Mannes.

Nur stockend kann sie schildern, was sich danach abspielte. Es seien zwei Männer zum Auto gerannt und ebenfalls eingestiegen. Nach kurzer Fahrt hätten sie eine private Lokalität erreicht. Sorgen habe sie sich nicht gemacht. Sie hätten sich auf einer Polstergruppe niedergelassen. Man habe ihr etwas zu trinken angeboten. Warum sie mit den Männern mitgegangen ist, kann die Studentin nicht erklären. «Ich fühlte mich okay», sagt sie nur.

«Sie ist eine vernünftige Frau, offen und kommunikativ. Sie vertraut Menschen, geht auf sie zu», sagt ihre Freundin. «Es ist schade, dass ihr Vertrauen missbraucht wurde.» Es schmerze sie, die Not und Ohnmacht ihrer Freundin zu sehen.

Die Situation habe sich zugespitzt: «Strippe für uns! Wie wär’s mit einem Blowjob?», wurde die junge Frau bedrängt. Sie habe sich verbal gewehrt und gefragt, ob sie dem Jüngsten der Gruppe zeigen wollten, wie man mit einer Frau umgehe, erzählt Laura weiter und sagt: «So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich stand unter Schock.»

Die Angst fesselt sie ans Haus

Katrin hält noch immer Lauras Hand. Statt Worten fliessen nun Tränen. Nach längerer Pause ist es schliesslich Katrin, die weiterspricht. Zu traumatisch scheinen die Erinnerungen. Zwei der drei Männer hätten den Raum verlassen, worauf der Dritte zudringlich geworden sei. Laura habe versucht, den Mann auf Distanz zu halten. Doch die Situation eskalierte: Laura habe sich gewehrt, man habe sie geschlagen und getreten. Irgendwie sei sie auf die Strasse gelangt, habe Passanten angehalten. Da war es kurz vor vier Uhr morgens. Die Polizei wurde gerufen, worauf die Männer davongerannt seien, nicht ohne die junge Frau weiter zu beschimpfen.

«Alles ging so schnell», sagt Laura fast flüsternd. «Ich fror, alles tat weh, ich wusste nicht, wo ich war.» Sie zeigt ein Handyfoto. Umrisse von Menschen in der Dunkelheit sind zu erkennen. «Das waren die Männer.» Und dann noch ein Selfie, das sie knapp eine Stunde vor dem Vorfall in besagter Bar aufgenommen hatte. Es zeigt Laura, schwarzes Shirt, grauer Schal, rot geschminkte Lippen. Die Frau auf dem Foto trägt langes Haar – inzwischen hat sie es abgeschnitten.

«Immer wieder kommen die Bilder und Gefühle hoch», beschreibt Laura. Sie sagt: «Ich will kein Opfer sein.» Deshalb habe sie Anzeige erstattet. Die Polizei habe ihr geraten, sich bei der Opferhilfe beraten zu lassen. Doch sie könne das Haus kaum verlassen. «Ich habe Angst und kriege Panik, sobald ich unter Menschen bin.» Sie könne die Gesichter der Männer nicht vergessen.

«Wir bieten in Akutsituationen auch telefonische Beratung an», sagt Brigitte Huber, Geschäftsleiterin der Opferhilfe, einem gemeinschaftlichen Angebot der Kantone St. Gallen, Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden. Die Dienstleistung ist für die Opfer kostenlos, und ­Hilfe kann auch anonym in Anspruch ­genommen werden. In Gesprächen versuchen die Fachpersonen der Opferhilfe in erster Linie, die psychische Stabilität von Gewaltopfern zu verbessern. Auch die Aufklärung über den Rechtsweg sowie den Ablauf eines Strafverfahrens gehören zum Angebot der Opferhilfe. Oft hätten die Ratsuchenden falsche und zu hohe Erwartungen, was eine mögliche Bestrafung von Tätern betreffe. Dies könne nach einem belastenden Verfahren zu Enttäuschungen führen, so Brigitte Huber.

Der Fall liegt bei der Staatsanwaltschaft

Ob die Täter in Lauras Fall zur Rechenschaft gezogen werden, ist offen. Nachdem Anzeige erstattet wurde, hat sich die Staatsanwaltschaft des Falles angenommen. Für Laura steht im Vordergrund: «Ich möchte, dass anderen nicht das Gleiche passiert. Männern soll bewusst werden, was sie mit ihrem Verhalten, mit ihren Handlungen, mit ihren Sprüchen einer Frau antun können.» Gefragt, was sie sich wünscht, sagt Laura: «Ich möchte wieder frei und stark sein.»

Hinweis Die Schilderung des Tathergangs basiert auf den Angaben des Opfers. * Name geändert

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