GEWALT: Ein Reglement gegen Übergriffe

Nur wenige Fälle von sexuellen Übergriffen werden zur Anzeige gebracht – auch am Arbeitsplatz. Jetzt fordert eine Unia-Gewerkschafterin die Arbeitgeber auf, Vorschriften gegen Belästigungen zu erlassen.

Katharina Brenner
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Eine Studie belegt: Jede dritte Frau und jeder zehnte Mann wird einmal im Erwerbsleben belästigt. (Bild: Novastock/Getty)

Eine Studie belegt: Jede dritte Frau und jeder zehnte Mann wird einmal im Erwerbsleben belästigt. (Bild: Novastock/Getty)

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Ein Mann masturbiert vor einer Joggerin, ein Chef legt seinen Kopf auf den Schoss einer Mitarbeiterin – Fälle sexueller Belästigung, die im Kanton St.Gallen dieses Jahr angezeigt wurden. «Die meisten Delikte passieren im öffentlichen Bereich», sagt Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen. Tatorte seien häufig Bahnunterführungen, Perrons, Busse und Züge. Pro Monat gingen fünf bis sechs Anzeigen wegen sexueller Belästigung ein. Krüsi rechnet mit einer hohen Dunkelziffer, genauso wie Vertreter von Beratungsstellen.

Die jüngste «Ostschweiz am Sonntag» hat sich bei jungen Erwachsenen im Ausgang in St.Gallen umgehört. Das Ergebnis: Die Befragten fühlen sich sicher in der Stadt. Sexuelle Belästigung ist aber ein Thema. Eine 24-Jährige wird mit dem Satz zitiert: «In einem Club eine fremde Hand am Körper zu spüren, ist normal.» Eine Grenzüberschreitung? «Ausschlaggebend ist nicht die Absicht der belästigenden Person, sondern wie ihr Verhalten bei der betroffenen Person ankommt, ob diese es als erwünscht oder unerwünscht empfindet», schreibt das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann. «Sexuelle Belästigung kann mit Worten, Gesten oder Taten ausgeübt werden.»

Hat in den vergangenen Jahrzehnten in der Schweizer Gesellschaft eine Sensibilisierung für das Thema stattgefunden? «Davon kann keine Rede sein», sagt Verena van den Brandt, Präsidentin der Stiftung Linda, die genau das möchte: Sensibilisieren für Belästigung und Missbrauch und Opfern helfen. «Sexueller Missbrauch ist in seinen unzähligen Formen leider eine Realität und so häufig wie die Zuckerkrankheit.» Van den Brandt fordert, in Institutionen und Betrieben regelmässig Präventionsmassnahmen für Belästigung und Missbrauch durchzuführen. Die Dunkelziffer sei deshalb hoch, weil bei Opfern Angst und Scham vorherrschten, auch die Angst vor den Konsequenzen.

Täter wollen Macht demonstrieren

Corinne Schärer, Mitglied der Geschäftsleitung der Gewerkschaft Unia, teilt diese Meinung: «Sexuelle Belästigung ist hochtabuisiert in unserer Gesellschaft und mit viel Scham verbunden.» Die Betroffenen seien in ihrer körperlichen Unversehrtheit und in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt. «Das ist etwas vom Schlimmsten.» Zudem stünden sie oft unter dem Eindruck, dass sie etwas falsch gemacht hätten. «Sexuelle Belästigung ist ein Ausdruck von Macht, deshalb ist die Ausübung von sexueller Belästigung, die von Vorgesetzten ausgeht, besonders schlimm.» Nicht nur im Ausgang oder in der Unterführung, auch am Arbeitsplatz kommt es zu unerwünschten Kontakten. Eine kürzlich veröffentlichte Studie bestätige, dass jede dritte Frau und jeder zehnte Mann einmal im Erwerbsleben belästigt werde, sagt Schärer. Einen Unterschied zwischen den Landesteilen gebe es nicht.

«Nötig wäre eine offensive Nulltoleranzkommunikation in jedem Unternehmen und ein Reglement gegen sexuelle Belästigung, das Mitarbeitende bei sexueller Belästigung sanktioniert und Betroffene darüber informiert, an welche Anlaufstelle sie gelangen können.» Mustervorlagen gibt es bereits: beim Eidgenössischen Büro für Gleichstellung. Am wirksamsten sei jedoch, wenn Arbeitgeber sich aktiv gegen sexuelle Belästigung in ihrem Betrieb einsetzten.

Im Kanton St.Gallen sind gemäss Hanspeter Krüsi keine neuen Präventionsmassnahmen in Planung. «Bei fünf bis sechs Anzeigen pro Monat sieht niemand ein, wieso man die Strassenlaternen die ganze Nacht brennen lassen sollte.»

Kein Thema in kantonaler Politik

Der letzte Vorstoss zum Thema stammt aus dem Jahr 2000. Die ehemalige Grünen-Kantonsrätin Cécile Federer hatte eine Interpellation mit dem Titel «Massnahmen zum Schutz der sexuellen Integrität am Arbeitsplatz» eingereicht. Federer forderte von der Regierung eine Standortbestimmung. Denn ein paar Jahre zuvor, 1996, war das Bundesgesetz über die Gleichstellung von Mann und Frau in Kraft getreten. Arbeitgeber müssen seitdem dafür sorgen, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht sexuell belästigt werden. Heute, gut 20 Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes, sagt Corinne Schärer: «Leider wird die vom Gleichstellungsgesetz vorgeschriebene Pflicht der Arbeitgeber absolut ungenügend wahrgenommen.» Mit drei Verbänden und Fachstellen war die Unia am Aufbau des gerade gestarteten Online-Portals www.belaestigt.ch beteiligt. Dort können sich Personen, die am Arbeitsplatz sexuell belästigt wurden, anonym melden und an Fachpersonen wenden.

Hanspeter Krüsi ermutigt Frauen, «die eine Bestrafung des Täters beabsichtigen, sich bei der Polizei zu melden» – auch wenn der Täter unbekannt ist. Die Kantonspolizei St.Gallen konnte im vergangenen Jahr drei Viertel der Täter in Fällen sexueller Belästigung ermitteln. Erhalte ein Täter, der wiederholt aus sexueller Neigung Frauen anfasse, keine Konsequenzen, werde er nie damit aufhören.

Täter, Trump und Scham: Lesen Sie hier unseren Kommentar zum Thema.