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GESUNDHEITSKOSTEN: Immer mehr Ostschweizer lassen sich ausserhalb ihres Wohnkantons operieren

Immer mehr Patienten lassen sich ausserkantonal behandeln. Die freie Spitalwahl soll den Wettbewerb ankurbeln. Doch Politiker wollen öffentliche Spitäler stärker gegen die Konkurrenz abschirmen.
Michael Genova
Heimatschutz für öffentliche Spitäler: Die St.Galler FDP befürwortet den Aufbau einer eigenen Herzchirurgie. (Bild: Getty)

Heimatschutz für öffentliche Spitäler: Die St.Galler FDP befürwortet den Aufbau einer eigenen Herzchirurgie. (Bild: Getty)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier:<strong><em>www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

  • Die Einführung der freien Spitalwahl für Patienten soll zu einer stärkeren Spezialisierung der Spitäler und zu einer Konzentration der Standorte führen.
  • Von 2012 bis 2016 stieg der Anteil der ausserkantonalen Behandlungen in der Ostschweiz je nach Kanton zwischen rund zwei Prozent (SG) und elf Prozent (AI).
  • Die St.Galler FDP will jedoch verhindern, dass Steuergelder aus dem Kanton abfliessen und fordert den Aufbau einer eigenen Herzchirurgie.
  • Gesundheitsökonomen halten dagegen und kritisieren, dass die öffentliche Hand über die Gesundheitspolitik die Wirtschaft fördern will.


Mehr Wettbewerb zwischen den Spitälern, eine schweizweit freie Spitalwahl und tiefere Kosten: Das war das Versprechen der neuen Spitalfinanzierung, die 2012 eingeführt wurde. Das neue System bewirkte, dass sich mehr Patienten ausserkantonal behandeln lassen. Langfristig soll diese neue Wahlfreiheit zu einer stärkeren Spezialisierung der Spitäler und zu einer Konzentration der Standorte führen. Doch in der Ostschweiz bekommen in jüngster Zeit regionalpolitische Argumente bei der Spitalplanung wieder Aufwind.

So unterstützt die St.Galler FDP den Wunsch des Kantonsspitals St.Gallen (KSSG), ab 2020 eine eigene Herzchirurgie aufzubauen. Heute flössen «Millionen in den Kanton Zürich», argumentieren die Freisinnigen. Dort lässt sich zurzeit ein Grossteil der St.Galler Patienten behandeln, wenn sie eine neue Herzklappe oder einen Bypass brauchen. Eine eigene Herzchirurgie würde dem Kanton laut FDP jährliche Einnahmen von rund sieben Millionen Franken bescheren sowie 17 bis 20 Millionen Franken an zusätzlicher Wertschöpfung.

Kantone befinden sich im Interessenkonflikt

Felix Schneuwly, Krankenkassen-Experte bei comparis.ch, sieht das Vorhaben kritisch. Es handle sich um einen klassischen Interessenkonflikt zwischen Wirtschaftsförderung auf der einen Seite und einer qualitativ guten und wirtschaftlichen Gesundheitsversorgung auf der anderen Seite. Für ihn steht fest: «Man sollte nicht mit Gesundheitspolitik die Wirtschaft fördern.» Das Grundproblem in der Schweiz sei ein zu dichtes Versorgungsnetz. Dies führe langfristig zu einem Kosten- und Qualitätsproblem bei der Gesundheitsversorgung. Die St.Galler Regierung wollte sich bislang zur Idee einer eigenen Herzchirurgie nicht positionieren und verweist auf die bestehende Spitalliste, die noch bis 2022 gültig ist. Erst dann wird sich das KSSG um einen Leistungsauftrag bewerben können.

Von 2012 bis 2016 stieg der Anteil der ausserkantonalen Behandlungen in der Ostschweiz je nach Kanton zwischen rund zwei Prozent (SG) und elf Prozent (AI). Im Kanton St.Gallen liessen sich 2016 rund 25 Prozent aller Patientinnen und Patienten ausserhalb ihres Wohnkantons behandeln. Im Thurgau lag der Anteil bei 29 Prozent, in Appenzell Ausserrhoden bei 42 Prozent und in Appenzell Innerrhoden sogar bei 73 Prozent.

Patienten bevorzugen Spitäler in ihrer Nähe

Zumindest im Kanton St.Gallen hat sich die Abwanderungsbewegung zuletzt verlangsamt. «Seit 2014 stellen wir eine Stabilisierung fest», sagt Peter Altherr, Leiter des St.Galler Amts für Gesundheitsversorgung. Für die Abwanderung nennt er unterschiedliche Gründe. Zum einen müssten Patienten den Kanton verlassen, wenn eine Behandlung nicht angeboten werde. Neben der Herzchirurgie ist dies zum Beispiel bei der Transplantationsmedizin der Fall. Darüber hinaus ist oft die schnelle Erreichbarkeit eines ausserkantonalen Spitals ausschlaggebend. So lassen sich etwa Patienten aus dem Sarganserland häufig im benachbarten Kantonsspital Graubünden behandeln. Eine Rolle spiele zudem die neue Konkurrenz der Privatkliniken, die eine gewisse Sogwirkung ausübten. Auch die veraltete Infrastruktur öffentlicher Spitäler könne ein Grund dafür sein, dass sich Patienten für eine ausserkantonale Klinik entscheiden, vermutet Peter Altherr. So seien zum Beispiel die Zahl der St.Galler Patientinnen und Patienten am Spital Linth in Uznach nach der Sanierung stark angestiegen. Eine ähnliche Entwicklung erhofft sich die Spitalregion Fürstenland Toggenburg für das Spital Wattwil, wo demnächst ein neuer Bettentrakt eröffnet wird.

Wie wichtig sind wirtschafts- und standortpolitische Überlegungen bei der Spitalplanung? Das Kriterium der Erreichbarkeit spiele bei Standortüberlegungen natürlich eine Rolle, sagt die St.Galler Gesundheitsdirektorin Heidi Hanselmann. «Und dass wir bei hoher Qualität und aus volkswirtschaftlicher Sicht den Eigenversorgungsanteil nicht mindern wollen, liegt auf der Hand.» Dabei dürfe man aber andere Kriterien wie personelle und infrastrukturelle Anforderungen, Mindestfallzahlen oder Wirtschaftlichkeit nicht ausser Acht lassen. Bei der Spitalplanung halte man sich an die klaren Kriterien der Gesundheitsdirektorenkonferenz Ostschweiz.

Gesundheitsökonom fordert Privatisierung der Spitäler

Die freie Spitalwahl hat zwar den Wettbewerb zwischen den Spitälern etwas angekurbelt – meist jedoch ohne drastische Folgen. «Bislang sind nur wenig Spitäler vom Markt verschwunden, wenn sie qualitativ oder wirtschaftlich nicht mithalten konnten», sagt Gesundheitsökonom Felix Schneuwly. Manche Politiker fordern deshalb eine gesamtschweizerische Koordination der Angebote, um Überkapazitäten zu vermeiden. Doch Schneuwly geht noch einen Schritt weiter: «Die öffentlichen Spitäler brauchen mehr unternehmerische Freiheiten.» Langfristig müssten sie – abgesehen von den Universitätsspitälern – privatisiert werden. Nur bei Marktversagen solle der Staat mit Direktzahlungen die Grundversorgung sicherstellen. Schneuwly sieht die Rolle der öffentlichen Hand darin, die Qualität und Sicherheit der Patienten zu garantieren. Das Problem sei allerdings, dass zurzeit nur wenige Daten über die medizinische Qualität von Spitälern existierten. «Würde man die Qualität transparenter machen, würden sich deutlich mehr Patienten für das beste Spital entscheiden und nicht für das nächst gelegene.»

Innerrhoder Spitalneubau soll Arbeitsplätze sichern

Regionalpolitische Argumente dominieren zurzeit auch bei der Spitalplanung in Appenzell Innerhoden. Zurzeit lassen sich rund 70 Prozent der Innerrhoder ausserhalb ihres Wohnkantons behandeln. Trotzdem stimmt die Bevölkerung an der kommenden Landsgemeinde über einen Spitalneubau für 41 Millionen Franken ab. Mit einem eigenen Spital bleibe das Steuergeld im Kanton, argumentiert Gesundheitsdirektorin Antonia Fässler. Zudem sei das Spital mit 60 Vollzeitstellen ein wichtiger Arbeitgeber.

Für Gesundheitsökonom Bernhard Güntert vom Krankenkassenverband Curafutura ist klar, dass die stationäre Gesundheitsversorgung kein Instrument der Wirtschaftspolitik sein dürfe. Dies halte auch das Krankenversicherungsgesetz fest, das verbiete, Spitalkapazitäten aus regionalpolitischen Gründen aufrechtzuerhalten. Die grosse Heraus­forderung sieht Güntert weniger bei den Investitionskosten. «Problematisch werden jedoch die Betriebs- und Folgekosten.» Die stationäre Einheit sei mit 26 Betten sehr klein. Dafür müssten alle Dienste aufrechterhalten werden, was zu enormen Fixkosten führe. «Schon heute steuert der Kanton 18 Prozent der Spitalerträge als Subvention bei, der höchste Wert schweizweit.»

Im Vorfeld wurde auch die Idee eines ambulanten Versorgungszentrums diskutiert, für das externe Partner die stationären Leistungen erbracht hätten. Güntert bedauert, dass der Kanton diese zukunftsträchtigere Lösung nicht weiterverfolgt habe. Stattdessen wolle man dasselbe tun wie heute, ohne die Veränderungen im Gesundheitswesen angemessen in die Strategie aufzunehmen.

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