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Gesundheitsexperte: «Zwei Spitäler sind für den Kanton St.Gallen genug»

Die St. Galler Bevölkerung wurde bis heute nicht über die wahre Qualität der Regionalspitäler aufgeklärt, sagt Gesundheitsökonom Tilman Slembeck. Die Regierung betreibe Augenwischerei.
Andri Rostetter, Regula Weik
«Der Kantonsrat sollte eigentlich die Regierung kontrollieren. Das tat er nicht», sagt Tilman Slembeck. Bild: Michel Canonica (St. Gallen. 6. Juni 2018)

«Der Kantonsrat sollte eigentlich die Regierung kontrollieren. Das tat er nicht», sagt Tilman Slembeck. Bild: Michel Canonica (St. Gallen. 6. Juni 2018)

Tilman Slembeck, nehmen wir an, im Kanton St. Gallen gäbe es noch keine Spitäler. Wie viele würden Sie bauen?

Zwei Akutspitäler. Dazu brauchte es eine Rettungsorganisation und eine Notfallversorgung in den Regionen.

Wo würden Sie die Spitäler bauen?

Sicher eines in St. Gallen, wo die Bevölkerung am dichtesten ist. Der andere Standort müsste genau geprüft werden, und zwar zwingend zusammen mit den Appenzellern und Glarnern. Es könnte vielleicht im Linthgebiet stehen. Aber nicht in Herisau, das ist zu nahe bei St. Gallen.

Müsste St. Gallen nicht auch mit den Kantonen Thurgau, Zürich und Graubünden zusammenarbeiten?

Klar, das wäre das einzig Richtige. Es gab sogar schon Pläne für eine Gesundheitsregion Ostschweiz. Ich habe dazu eine Studie gemacht für die St. Gallen-Bodensee-Area, die Wirtschaftsförderung von Thurgau, beider Appenzell und St. Gallen.

Was ist damit passiert?

Die Pläne wurden nicht weiter verfolgt. Es ist offenbar schwierig, über Kantonsgrenzen hinweg neue Projekte zu entwickeln. Obwohl das eine Chance wäre.

Weshalb tun sich die Kantone so schwer mit der Zusammenarbeit in der Spitalplanung?

Jeder hat das Gefühl: Wenn der andere etwas gewinnt, dann verliere ich etwas. Das ist nicht nur im Gesundheitsbereich so, das gilt auch für die Wirtschaftsförderung und den Tourismus. Obwohl durch Kooperation alle Beteiligten gewinnen können. Aber diese Idee ist schwierig zu vermitteln.

Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass bei Spitalkooperationen alle gewinnen?

Die Fallzahlen sind ein guter Indikator für die Qualität medizinischer Leistungen. Sie sind gerade bei kleinen Spitälern oft ungenügend und können durch Konzentration des Leistungsangebots an wenigen Standorten gesteigert werden. Die Bevölkerung hängt auch deshalb so stark an ihren Regionalspitälern, weil sie kaum etwas über deren Qualität weiss.

«Es braucht ein glaubhaftes Bekenntnis, dass man nicht weiterwursteln will wie in den letzten 14 Jahren.»

Die Qualität ist ungenügend?

Das wissen wir nicht. In spezialisierten Bereichen können auch kleine Spitäler durchaus gut sein – aber eben nicht in allen. In der Bevölkerung herrscht die Illusion: Ich habe ein Spital in der Nähe, also bin ich gut versorgt. Das ist schlicht falsch. Sobald die Bevölkerung wüsste, wie hoch beispielsweise die Komplikationsrate nach Eingriffen ist, käme sie vielleicht auch zum Schluss: Wichtig ist eine gute Rettungs- und Notfallversorgung vor Ort; für planbare Eingriffe fahre ich eben eine halbe Stunde oder auch mehr. Nicht jedes Spital kann heute alles in Topqualität anbieten. Das ist einfach nicht möglich.

Warum nicht?

Das hat mit dem medizinischen Fortschritt zu tun. Früher war die Medizin simpler, da konnte man an vielen Orten fast alles anbieten, auch in einem Landspital. Heute braucht es derart viel Spezialisten und teure Geräte, dass wir es uns gar nicht mehr leisten können, an neun verschiedenen Standorten alles in höchster Qualität zu bieten. Schon 2005, als die Regierung die sogenannte Verbund- und Netzwerk-Strategie «Quadriga II» definierte, war nicht klar, weshalb diese kleinräumige Versorgung effizient sein soll.

Weniger Spitäler bedeutet also zwingend eine höhere Qualität?

Höhere Fallzahlen bedeuten weniger Komplikationen. Weniger Komplikationen heisst weniger Rehospitalisationen, weniger Nachbehandlungen. Das ist gut für die Patienten und macht das Ganze günstiger. Letztlich auch für den Prämienzahler. Das ist das Schöne am Gesundheitswesen: Qualität ist gut für die Gesundheit und macht sich bezahlt.

Welche St. Galler Spitäler arbeiten schlecht?

Diese Daten werden geheim gehalten.

Aber es gibt sie?

Ich nehme es schwer an.

Wer hat sie denn?

Nur die Spitäler selber. Und Gesundheitschefin Heidi Hanselmann müsste sie eigentlich auch haben. Es ist einfach unmöglich, dezentral in neun Spitälern überall die notwendigen Fallzahlen und damit eine gute Qualität zu erreichen.

Die Regierung würde Ihnen vermutlich widersprechen. Sie würde argumentieren, dass ihre Strategie der Aufbau von Netzwerken sei, um die Qualität zu sichern.

Das haben sie ansatzweise versucht, aber zu wenig konsequent, zu wenig weitreichend. Bis jetzt war es eine Pseudo-Konzentration. Nehmen wir das Kantonsspital: Dieses hat jetzt einfach drei Standorte, St. Gallen, Rorschach und Flawil, auf sehr engem Raum. Das ist reine Augenwischerei und betriebswirtschaftlich kaum effizient. Man wollte niemandem weh tun und keinesfalls Stellen abbauen. Bei der Volksabstimmung 2014 wurde jede einzelne Investition zwar exzellent begründet, aber es gibt keine schlüssige Gesamtstrategie für den Kanton.

Das Volk hat dem Ausbau der St. Galler Spitäler für eine Milliarde zugestimmt. Was soll mit diesen Plänen passieren?

Das Bauen selber ist gar nicht so teuer, die Ausgaben verteilen sich ja über 30 Jahre. Aber diese Spitäler müssen nachher ausgelastet sein. In der Gesundheitsökonomie gilt seit den 1960er-Jahren die Roemer-Gesetzmässigkeit: Ein gebautes Bett ist ein belegtes und abgerechnetes Bett. Mit anderen Worten: Jedes zusätzliche Spitalbett verursacht zusätzliche Kosten, ob es nötig ist oder nicht.

«Die Bevölkerung hängt auch deshalb so stark an ihren Regionalspitälern, weil sie kaum etwas über deren Qualität weiss.»

Wer ist schuld am derzeitigen Schlamassel? Die Regierung? Das Kantonsparlament? Der Spitalverwaltungsrat?

Schuld sind alle ein bisschen, wie immer in der Gesundheitspolitik. Der Kantonsrat sollte eigentlich die Regierung kontrollieren. Das tat er nicht. Er hat die Aufsicht eindeutig ungenügend wahrgenommen. Ihm fehlt dazu allerdings auch die Sachkompetenz. Er müsste sich unabhängig von der Regierung informieren und Vorschläge einholen. Schon 2010 schlug ich den Partei- und Fraktionspräsidenten vor, ein externes Expertengremium einzusetzen, das Alternativen zu den Vorschlägen der Regierung ausarbeiten soll. Passiert ist nichts.

Es geht auch um Wählerstimmen.

Ganz klar. Allen voran die Gesundheitschefin hatte Angst vor der Abwahl, weil dies ihrem Vorgänger passiert war. Im Amt zu bleiben war für sie das Wichtigste. So wurde auch des Thema Spitalschliessung tunlichst umschifft. Man machte nicht Gesundheitspolitik, sondern vielmehr Regionalpolitik.

Politisch sind Spitalschliessungen aber kaum durchsetzbar.

Das muss nicht sein. Da sind wir wieder bei der mangelnden Transparenz. Die Kommunikation ist ein grosses Versäumnis der St. Galler Regierung. Zürich hat es geschafft, Spitäler zu schliessen, ohne dass es jemanden den Kopf kostete.

Hanselmann gibt dem Bundesrat die Schuld. Er habe mit seiner Tarifpolitik die St. Galler Spitäler in Schieflage gebracht.

Die Aussage ist wenig stichhaltig. Die stationären Leistungen machen den Löwenanteil bei den Spitälern aus und werden über Fallpauschalen abgegolten. Diese wurden vom Bundesrat nicht angepasst. Der spitalambulante Teil ist zwar von Tarifanpassungen betroffen, aber gerade dieser Teil boomt schweizweit.

Wurde das Volk belogen?

Das würde ich so nicht sagen. Das Volk will einfach den Fünfer, das Weggli und die Wurst. Also möglichst kurze Wege zum nächsten Spital, alles qualitativ hochstehend, und zwar günstig. Diese drei Dinge sind schlicht nicht zu vereinbaren. Die Politiker hatten zu wenig Mut, das den Leuten klar zu sagen. Man muss dem Volk reinen Wein einschenken.

Was muss jetzt passieren?

Das Parlament muss sich von der Regierung emanzipieren und eine externe Expertengruppe holen, möglicherweise sogar aus dem Ausland. Es braucht ein glaubhaftes Bekenntnis, dass man nicht weiterwursteln will wie in den letzten 14 Jahren.

Ihre Hoffnungen ruhen nicht auf der Regierung?

Da bin ich tatsächlich nicht sehr optimistisch. Die Regierung hatte die Chance, die Probleme anzupacken. Sie hat es nicht getan.

Zur Person

Tilman Slembeck ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur, wo er das Zentrum für Wirtschaftspolitik leitet. Und er ist Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen. Gesundheitsökonomie und Gesundheitspolitik der Schweiz sind langjährige Schwerpunkte seiner Arbeit. 2017 war er Mitglied der Expertenkommission des Bundes zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen, und er ist Mitautor von gesundheitsökonomischen Gutachten im Auftrag von National- und Ständerat. Slembeck, Jahrgang 1963, ist in Chur aufgewachsen und wohnt in Abtwil. (rw)

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