Gestrandet auf 35 Quadratmetern: Warum ein pensionierter St.Galler Priester die argentinische Ausgangssperre in einem Appartement durchstehen muss

Lorenz Becker, pensionierter katholischer Priester, steckt in Argentinien fest. In einem Appartement in Santa Fe wartet der 73-jährige St.Galler auf das Ende der Corona-Ausgangssperre. Zwar hat das EDA Rückführungsflüge für Schweizer organisiert – der Weg zum Flughafen aber würde für Becker zum Spiessrutenlauf.

Ralf Streule
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Lorenz Becker Ende 2019  im «Torre del Paine»-Nationalpark in Patagonien/Chile. Erst einige Wochen später beginnt die Wohnmobil-Reise ungemütlich zu werden.

Lorenz Becker Ende 2019  im «Torre del Paine»-Nationalpark in Patagonien/Chile. Erst einige Wochen später beginnt die Wohnmobil-Reise ungemütlich zu werden. 

Bild: Reisearchiv Lorenz Becker

Lorenz Becker ist per Skype erreichbar. Hinten ist eine weisse Wand zu sehen, kurz präsentiert der pensionierte katholische Priester den Blick aus dem Fenster des Hinterzimmers. Einige Palmen und einige wenig spektakuläre Bauten gibt es da zu sehen – ein Quartier des argentinischen Städtchens Santa Fe, fast 400 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires. Hier steckt der 73-jährige Langzeitreisende seit einer Woche in einem 35 Quadratmeter grossen Appartement fest. Ein Ende ist nicht absehbar. Er sagt:

Lorenz Becker während des Skype-Gesprächs.

Lorenz Becker während des Skype-Gesprächs.

Bild: Ralf Streule
«14 kleine Schritte kann ich hier machen von einer Wand zur anderen.»

Immerhin: Kurz einkaufen gehen im Supermarkt gegenüber darf er. Und: «Bei Luftsprüngen schaffe ich es nicht ganz zur Decke.» Beckers Lage ist delikat, die Corona-Ausgangssperre in Argentinien hat aus seiner Reise ein unerwünscht dramatisches Abenteuer gemacht. Dennoch lässt er im Gespräch immer wieder Schalk und Humor aufblitzen.

Seit neun Jahren im Wohnmobil unterwegs

Diese gewinnende Art Beckers kennen viele St.Galler: 37 Jahre lang war der katholische Priester in St.Gallen und Gossau tätig. Die meiste Zeit im Osten der Gallusstadt, zuletzt in der ökumenischen Gemeinde Halden. Becker, in Vilters aufgewachsen, war schon immer reiselustig. Als er sich 2011 pensionieren liess und im Neudorf in St.Gallen seine letzte Messe hielt, stand sein Wohnmobil schon bereit. Seither ist der 73-Jährige mit seinem Gefährt unterwegs, während fast zehn Monaten im Jahr. Zunächst hat er ganz Europa, dann die USA, Kanada, Russland und die Mongolei bereist – und in seinem Reiseblog lebendig beschrieben. Seit einigen Monaten ist Südamerika an der Reihe. Eine Reise von Feuerland nach Alaska war geplant. Aber eben: Das Coronavirus hat dieser Reise eine schnelle Wendung gegeben.

Die Viruskrise hat Argentinien im Schnellzugtempo heimgesucht. So schnell, dass auch viele Schweizer Touristen überrumpelt wurden. Kurz nach den ersten Infektionen im Land folgten Grenzsperrungen. Seit einer Woche gilt eine allgemeine Ausgangssperre, die von den Behörden mit harter Hand durchgesetzt wird. 150 Schweizer Touristen befinden sich noch im Land.

Motorpannen, Hotelschliessung, unberechenbare Behörden

Eine Verkettung von Zufällen hat dazu geführt, dass Becker hier gelandet und nicht bereits in Mittelamerika angekommen ist – oder längst zurück in der Schweiz. Becker sagt:

«Freunde, mit denen ich die Reise von Europa aus angegangen bin, sind unterdessen in Costa Rica – und kommen dort ebenfalls nicht weiter.»

Der Kontakt zu seinen ehemaligen Reisebegleitern ist weiterhin da. Er selber aber musste auf dem Weg von Patagonien nordwärts in Mendoza an Weihnachten einen Zwangshalt einlegen. Der Motor seines Wohnmobils war defekt, die Reparatur dauerte fast zwei Monate. Als sich Anfang Februar die Kunde des Virus verbreitet, entschliesst er sich zur Heimkehr. Sein Wohnmobil will er in Uruguays Hauptstadt Montevideo nach Europa verschiffen – doch unterdessen sind bereits die Grenzen geschlossen. Dazu kommt eine weitere fünfwöchige Motorenpanne. Bald darauf folgte die Ausgangssperre.

Lorenz Beckers Wohnwagen wird abgeschleppt.

Lorenz Beckers Wohnwagen wird abgeschleppt.

Bild: Lorenz Becker

Die Campingplätze sind inzwischen geschlossen, er lässt das Wohnmobil bei einer Autowerkstatt im bewachten Innenhof stehen, lebt zunächst in einem Hotel in Santa Fe. Als vor einer Woche auch dieses geschlossen wird, wechselt er ins Appartement.

Bald entscheidet sich Becker, die Krise in Argentinien auszusitzen. Doch ein Studienfreund hält Rücksprache mit einer Schweizer Ärztin in Buenos Aires und empfiehlt darauf die sofortige Rückreise. Einerseits aufgrund der medizinischen Situation – anderseits wegen der Unberechenbarkeit der Behörden. An gewissen Orten sollen die Touristen von der Polizei besonders hart angefasst werden, da sie als Coronaträger verdächtigt werden. Mit einem Augenzwinkern sagt Becker:

«Wohnmobile gelten jetzt
als Coronamobile.»

An eine schnelle, einfache Heimreise samt Wohnmobil-Verschiffung ist wohl auch in den kommenden Wochen für ihn nicht zu denken.

Becker will den Chauffeur nicht in Gefahr bringen

Also doch die Frage: Sofort ohne Wohnmobil heimkehren oder nicht? Beckers Entscheide wankten vergangene Woche, wechselten stündlich, oder wie er es in einem seiner schönen Wortbildern im Blog formuliert: «Meine Gedanken flattern wie Hühner im Gehege immer wieder gegen den Maschendrahtzaun und suchen einen Ausweg.»

Also: Heimkehren! Doch wie soll er es nach Buenos Aires schaffen? Die Chefin des Hotels in Santa Fe, in dem er lange weilte, organisiert einen Chauffeur. Becker meldet sich bei der Schweizer Botschaft, dass er die Rückreise antreten möchte. Ein Flug sei geplant, heisst es. Doch noch fehlt Becker die Buchungsbestätigung, mit der er sich während der Ausgangssperre als Rückflug-Passagier ausweisen können muss, da die Polizei ihn auf dem Weg zum Flughafen sonst nicht passieren lassen oder sogar festnehmen wird.

Tage vergehen, bis der Passierschein da ist. Becker hört inzwischen von kilometerlangen Staus auf den wenigen noch offenen Zufahrtsstrassen nach Buenos Aires. Dazu kommt: Er will seinen Chauffeur nicht in Gefahr bringen, der bei der Rückfahrt Probleme haben dürfte, sich der Polizei zu erklären. Irgendwann macht die Meldung im argentinischen Fernsehen dem ganzen Hin und Her ein Ende: Alle Rücktransport-Flüge seien gestrichen – was sich später wiederum als Ente herausstellt.

Das Durcheinander ist perfekt. Tatsächlich spricht aber danach auch die Schweizerische Botschaft von Schwierigkeiten mit der Einreise nach Buenos Aires. Empfohlen werden für die Rückholung nun Flüge aus den Städten Bariloche, Mendoza, Cordoba. «Zu kurzfristig», sagt Lorenz Becker. Zudem verunsichern ihn Berichte von 6000 Festnahmen im Land aufgrund der Verstösse gegen die Ausgangssperre-Regeln – und die Meldung von knapp 1000 eingezogenen Fahrzeugen.

Er will «lieber in Ruhe hier verweilen, um nicht dem Chaos eines Rücktransportes ausgesetzt zu sein.» Er will Energie sparen, für das Ausharren in Argentinien.

«Wer sagt, dass ich hier die Sache schlechter überstehe?»

Der St.Galler Oberländer sieht während des Skype-Gesprächs entspannt aus, gewinnend, ausgeglichen. Wie ein Ferienreisender, nicht wie ein Gestrandeter. Und so fühle er sich auch. «Wer sagt, dass ich die ganze Sache hier schlechter überstehe als in der Schweiz?», fragt er. Er macht aber gleichzeitig klar: Hätte er den Absprung aus Argentinien rechtzeitig geschafft, wäre er gerne zurückgereist. Um den Verwandten und Bekannten näher zu sein.

Freundschaften hat er mit seiner gewinnenden Art aber auch in Argentinien geschlossen. Die Hotelchefin und der Appartementsbesitzer kommen hin und wieder vorbei. Langweilig ist es Becker bisher nicht geworden – das viele E-Mail-Schreiben braucht Zeit. Hin und wieder wird er mit Videoanrufen unterhalten, kürzlich sogar von einem Saxofon- und Klavierkonzert von den Kindern eines Neffen.

Der Glaube hilft mit

Hilft ihm sein Glaube, sich mehr oder weniger unbeschwert in die Situation zu geben? Wahrscheinlich habe es mit Gottvertrauen zu tun, ja. «Ich kann aber auch damit leben, wenn man es Grundvertrauen nennt», sagt er, als wolle er seine schon zu Pfarrerzeiten wenig doktrinär religiöse Einstellung zu spüren geben. Gott habe sich ihm auf den Reisen immer wieder gezeigt. Im Feingefühl der Leute, in der Lebensfreude. Keine Frage: Er fühle sich weiterhin geborgen hier in Argentinien. Auch wenn die medizinische Versorgung schlechter wäre als in der Schweiz. Dank guter Gesundheit aber habe er gute Chancen, nicht schwer zu erkranken.

«Erwischen kann es mich hüben wie drüben.»

Becker schmunzelt. Der Mann hat Nerven. Und Humor.

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