Gestohlen und gleich geschlachtet

HÄGGENSCHWIL. So etwas ist Alfred Dörig noch nie passiert. Seit 37 Jahren hält der Häggenschwiler hobbymässig Schafe. Kürzlich verschwand ein Tier von der Weide. Für den 74-Jährigen ist klar: Das Tier wurde gestohlen und gegessen.

Corinne Allenspach
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Alfred Dörig bringt seinen Schafen einen Kübel voller Leckerbissen. Rechts das schwarze Mutterschaf, dessen Junges kürzlich gestohlen wurde. (Bild: Urs Jaudas)

Alfred Dörig bringt seinen Schafen einen Kübel voller Leckerbissen. Rechts das schwarze Mutterschaf, dessen Junges kürzlich gestohlen wurde. (Bild: Urs Jaudas)

HÄGGENSCHWIL. Die Häggenschwiler hatten die beiden längst ins Herz geschlossen. Die Mutter in schwarze Wolle gehüllt, das einzige Jungtier ganz in weiss. «Jesses, sind die schön, die Schöfli», riefen nicht nur die Kindergärtler entzückt, wenn sie jeweils an der Wiese neben der Friedhofskapelle vorbeispazierten, wo die Tiere am Grasen waren. Bis eines Morgens das weisse Lamm fehlte.

Verhängnisvolle Zutraulichkeit

Dass etwas nicht stimmte, merkte Alfred Dörig bereits, als er kürzlich mit seinem Moped zur Weide fuhr. «Die Mutter schrie erbärmlich», sagt der 74-Jährige, der seit 1976 hobbymässig Schafe hält und sie, je nach Futterangebot, mal hier, mal dort weiden lässt im Dorf. Meist in Zentrumsnähe, so, dass die Schafe an Menschen gewöhnt sind. Genau das könnte dem acht Wochen alten Lamm nun zum Verhängnis geworden sein. «Der Kleine war ganz zahm und kam auf die Leute zu», sagt Dörig, während er, mit schwarzer Zipfelmütze und Gummistiefeln bekleidet, seine kleine Herde betrachtet. «Und es war keine Kunst, über den Hag zu greifen und das Schaf zu schnappen.»

Sachverständige am Werk

Für Alfred Dörig ist klar, was in jener Nacht passiert ist. «Das Lamm wurde gestohlen und noch an Ort und Stelle geschlachtet.» Der Beweis dafür: Ein Stück Fell, das er kurz darauf auf seiner Wiese fand. Fein säuberlich abgezogen, ohne einen Fetzen Fleisch dran. «Da war ein Sachverständiger am Werk», ist sich Dörig sicher und fügt an, das 18 Kilogramm schwere Milchlamm habe sicher einen feinen Braten gegeben. Könnte das Tier nicht einfach davongelaufen sein? Alfred Dörig schüttelt den Kopf. Der Elektrozaun sei nirgendwo kaputt, und um durchzuschlüpfen sei das Schaf zu gross gewesen. «Ausserdem hat es sich nie weit von der Mutter entfernt, weil es ja noch gesäugt wurde.»

Inzwischen hat Dörig den Gemeindepräsidenten und die Polizei verständigt. «Pro Jahr haben wir es mit einem bis zwei dubiosen Tierdiebstählen zu tun», sagt Hans Peter Eugster, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen. Dazu gehört auch das Verschwinden von 40 Schweinen (siehe Kasten). Von einem solchen Fall wie in Häggenschwil habe er allerdings noch nie gehört. Ohne jemanden vorverurteilen zu wollen: Eugster weiss von seinem Bruder, der Metzger ist, «dass vor allem Menschen aus Indien und Sri Lanka wild sind auf Schafe». Normalerweise kauften sie sich die Tiere. «Es kann aber sein, dass es auch unter diesen Leuten schwarze Schafe gibt, die weisse Schafe stehlen.» Hinweise zum Fall seien auf dem Polizeiposten Wittenbach noch keine eingegangen.

Nicht immer heile Welt

Für Alfred Dörig ist der Alltag eingekehrt. Wie jeden Morgen bringt er seinen verbleibenden Tieren einen Leckerbissen, etwa Zuckerrübenschnitzel mit Kleie. «Jetzt ist der Kleine halt nicht mehr», sagt er und zuckt mit den Schultern. Das sei sicher «nicht schön», zeige aber einfach, dass auch in der Schweiz nicht immer heile Welt sei und «öppä näbis» passiere, das nicht sein sollte.

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