Gespür für Manuelles

Er kommt gerade von der ersten Visite zurück, die – wie üblich – vor sieben Uhr in der Frühe begonnen hat. Seit wenigen Tagen kann René Hornung, Chefarzt der Frauenklinik, den Professorentitel voranstellen.

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René Hornung wurde vor kurzem zum Professor ernannt. (Bild: Coralie Wenger)

René Hornung wurde vor kurzem zum Professor ernannt. (Bild: Coralie Wenger)

Er kommt gerade von der ersten Visite zurück, die – wie üblich – vor sieben Uhr in der Frühe begonnen hat. Seit wenigen Tagen kann René Hornung, Chefarzt der Frauenklinik, den Professorentitel voranstellen. Ausschlaggebend für diese Ehrung war eine Würdigung seiner bisherigen Forschungen und Publikationen. Ihre Auflistung umfasst acht Seiten. Keine leichte Kost für Nichtmediziner. Könnte er sich dazu auch kurz fassen? «Mein Interesse gilt Methoden, mit denen Fortschritte in der Frauenheilkunde erzielt werden können. Das gilt vor allem für minimal-invasive Operationstechniken», sagt er.

Winzige Schnitte in die Haut

Diese Techniken verhindern, dass die Patientin wegen hässlicher Narben lieber keinen Bikini mehr trägt. Mit winzigen Hautschnitten und Hilfe einer Kamera können Erkrankungen der Gebärmutter, der Eierstöcke oder Verwachsungen schonend und das Organ erhaltend durchgeführt werden. Es gibt kaum mehr Operationen, welche nicht als Bauchspiegelung durchgeführt werden können. Das gilt für grosse Myome und sogar für die meisten Krebsoperationen, wobei die Patientinnen in der Regel nach drei bis sieben Tage wieder zu Hause oder sogar an ihrer Arbeit sind. Hornung befasst sich aber bereits mit dem nächsten Schritt in der operativen Gynäkologie: Es geht darum, Roboter einzusetzen. Sind Einwände der Patientinnen zu befürchten? Aus seiner langjährigen Erfahrung in verschiedenen Spitälern und Ländern ist er davon überzeugt, dass die Aufgeschlossenheit für neue Methoden sehr gross ist. Das erinnert an die Einführung der ersten Computertomographen am Kantonsspital St. Gallen.

Es gibt noch ein medizinisches Steckenpferd, das dem frisch gekürten Professor am Herzen liegt: die Lasertechnologie. Sie ermöglicht es, Gewebe schonend zu untersuchen und aufgrund von Veränderungen im Hautbild Diagnosen zu stellen. Wenn Hornung über die Fortschritte in der Medizin spricht, ist der sonst ruhig wirkende und mit verhaltener Stimme sprechende Klinikchef Feuer und Flamme.

Lehrjahre in Tübingen

Pro Jahr werden in seiner Abteilung rund 2500 Eingriffe vorgenommen. An der Universitätsklinik Tübingen, wo er einen wichtigen Teil seiner Lehr- und Wanderjahre absolvierte, waren es 11 000. Die Zeit dort möchte er nicht missen. Das gilt auch für den Aufenthalt in den USA. «Hier habe ich vor allem die flachen Hierarchien geschätzt. Der Chef hat mich – den kleinen Assistenzarzt – ernst genommen.» So wurden die Ideen eines jungen «Schnösels» und die Erfahrungen eines gestandenen Chefs gedeihlich zugunsten der Forschung eingesetzt. «Das möchte ich hier am Kantonsspital St. Gallen auch ermöglichen», sagt Hornung.

Und dann kommt noch eine Überraschung. Auf die Frage, was er, nach so viel Ruhm und Ehre – sein Palmarès ist beachtlich – von einer Fee wünschen würde, sagt Hornung: «Ich bin ein passionierter Heimwerker. Überall, wo wir wohnten, habe ich alles selbst repariert und erneuert, inklusive Gipsdecken, Tapeten oder komplizierte technische Anlagen. Gerne würde ich ein Do-it-yourself-Unternehmen mein Eigen nennen. Aber dazu fehlt mir schlicht die Zeit.» Ein Blick auf seine feingliedrigen Hände zeigt: Er hat ein Gespür für Manuelles. Als Arzt kommt dies den Frauen wohl eher zugute, als wenn er Klempner wäre. Mélanie Knüsel-Rietmann