Gespräche statt Strafen

Wenn es rund um Spiele des FC St. Gallen zu Vandalismus kommt, gerät auch der Fan-Dachverband 1879 in die Schlagzeilen. Sprecher Michael Blatter über Prinzipien und Polizei.

Daniel Walt
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Michael Blatter will keine Pauschalurteile gegenüber Fussballfans. (Bild: Michel Canonica)

Michael Blatter will keine Pauschalurteile gegenüber Fussballfans. (Bild: Michel Canonica)

ST. GALLEN. «FCSG-Chaoten wüten in Wil»; «FCSG-Anhänger verletzen mehrere Polizisten»: Solche Schlagzeilen haben in den vergangenen Jahren auch in St. Gallen zu einer Verschärfung des Klimas gegenüber Fussballfans geführt. Michael Blatter, Sprecher des Dachverbandes 1879, des Zusammenschlusses der FCSG-Fans mit knapp 1000 Mitgliedern: «Es ist unangenehm, überall auf solche Vorfälle angesprochen zu werden. Weil ich aber Einblicke in die Fanszene habe, kann ich gut Gegensteuer geben.»

Beim Treffen nahe der AFG Arena will Michael Blatter so gar nicht ins Bild des tumben Fussballfans passen. Der gelernte Polymechaniker arbeitet im Marketingbereich und absolviert die höhere Fachschule für Betriebswirtschaft. Der 24-Jährige, FCSG-Fan von Kindsbeinen an, wirkt ruhig, fast schon zurückhaltend. Trotzdem hat er seine Überzeugungen. Etwa jene, dass den Fussballfans das schlechte Image zu Unrecht von den Medien aufgedrückt werde. «Die Presse fokussiert einseitig auf Chaos und Gewalt – bad news are good news», sagt er. Um gleichzeitig einzuräumen, dass es der Dachverband in den vergangenen Jahren auch verpasst habe, aktiver zu kommunizieren, um seine Sicht der Dinge darzustellen. «Wir hofften, es werde weniger berichtet, wenn wir keine Stellung nehmen. Aber es wurde dann über uns geschrieben», so Blatter.

«Würden Einfluss verlieren»

«Es ist immer schwierig, eine ganze Gruppe als chaotisch und gewalttätig zu bezeichnen», wehrt sich Michael Blatter gegen Pauschalurteile. Die grosse Mehrheit der Fans habe diese Charakterisierung nicht verdient. Womit sich die Frage stellt, weshalb es diese Mehrheit nicht schafft, die kleine Minderheit unter Kontrolle zu haben. «Wenn sich bei einem Fanmarsch wegen etwas Unvorhergesehenem ein paar Leute verselbständigen, entsteht eine fast nicht mehr zu kontrollierende Eigendynamik», hält Michael Blatter fest.

Aber weshalb liefert der Dachverband fehlbare Fans nicht an die Polizei aus? «Zum einen ist es nicht unsere Aufgabe, Polizei zu spielen», sagt Blatter. Zum anderen würde der Dachverband sofort jeglichen positiven Einfluss in der Kurve verlieren, wenn er jemanden überstellen würde. Ist dies ein Indiz dafür, dass das gemeinsame Feindbild Polizei die Fans eint? «Das ist zu viel gesagt», antwortet Blatter. Klar gebe es aber Fans, die ob all der Repression am Rechtsstaat zweifelten.

Erfolgserlebnisse als Motivation

«Es gibt schon genug Leute, die Repression machen. Wir wollen einen anderen Weg gehen», so Michael Blatter. Der Dachverband erläuterte seine Philosophie kürzlich auch Vertretern des FC Wil: Er kontaktierte den Verein, weil Wil-Präsident Roger Bigger nach den Schmierereien von FCSG-Chaoten im Bergholz auch den Dachverband in die Pflicht genommen hatte. Blatter und seine Mitstreiter legten Bigger im Gespräch ihre Überzeugung dar, dass es nachhaltiger sei, das Gespräch mit fehlbaren Fans zu suchen, um so eine Verbesserung zu erreichen, als sie einfach zu bestrafen. «Wir werden weiterhin versuchen, Einfluss zu nehmen, dass solche Aktionen nicht mehr passieren», sagt Blatter, der sich klar gegen Sachbeschädigungen ausspricht.

Eine Gruppierung, an die man überhaupt nicht herankomme, gebe es nicht, sagt Blatter und zählt diverse Erfolge auf, die der Dachverband mit seiner Strategie bereits erreicht habe: «Aus unseren Extrazügen fliegen keine Flaschen oder Böller mehr wie früher», so Blatter. Solche Erfolgserlebnisse sind es, die Michael Blatter und seinen Kollegen vom Dachverband jeweils nach Rückschlägen neuen Mut machen. Eine besondere Genugtuung für den Dachverband war es, dass der Fanmarsch vor dem St. Galler Stadtderby problemlos verlief. Die entsprechende Schlagzeile lautete: «Friedlicher Fanmarsch ans Stadtderby». Sie dürfte dem Dachverband für einmal gefallen haben. seite zwei 2

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