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GESCHICHTE: Der Rhein, die Grippe und der Krieg

Überschwemmung, Epidemie, Flüchtlingswelle: 2018 jähren sich mehrere Ereignisse, die den Kanton St. Gallen geprägt haben. Andere historische Zäsuren spürte die Region dagegen kaum.
Roman Hertler
Mal mittendrin, mal nur am Rand: die Ostschweiz und die Weltgeschichte. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Mal mittendrin, mal nur am Rand: die Ostschweiz und die Weltgeschichte. (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Roman Hertler

roman.hertler@tagblatt.ch

In einer Ausgabe des «St. Galler Tagblatts» vom Januar 1868 findet sich die aussergewöhnliche Geschichte einer Frau Fürer. 100-jährig war das «heitere, alte Weibchen» im Spital in Rapperswil verstorben. Für damalige Verhältnisse ein extraordinär hohes Alter: Die Lebenserwartung betrug in der Schweiz im 19. Jahrhundert rund 35 Jahre. Vor allem die Kindersterblichkeit war hoch: Um 1870 starb im Kanton St. Gallen jedes vierte Kind, bevor es ein Jahr alt wurde. Von Frau Fürer wird berichtet, ihre elf Kinder seien «alle bis auf eins zu Engeln geworden». Auch sonst hatte die Frau ein bewegtes Leben. Ein Jahr vor Ausbruch der Französischen Revolution heiratete sie den Rapperswiler Webermeister Xaver Fürer. Das Paar zog nach Genua, wo der Mann in einer grossen Seidenweberei arbeitete. Im Revolutionsjahr 1789 belagerte England das französisch besetzte Genua. Die Fabrik wurde geschlossen, Familie Fürer musste die Stadt verlassen. Nach einigen Monaten in Rom und drei Jahren in Neapel kehrten Fürers nach Rapperswil zurück. Die Familie zog erneut los und suchte in Österreich vergeblich nach einem Auskommen. Und wieder kehrte sie nach Rapperswil zurück, wo der Gatte 1825 starb. Mit Spularbeit und einem Jahreszins von 30 Franken fristete Fürer ihr Leben. 1855 trat sie in das Bürgerspital ein, wo die «sehr magere, aber zähe» Frau noch 13 weitere Jahre lebte.

Fürer erlebte es nicht mehr, als es im Herbst 1868 zur Überschwemmungdes St. Galler Alpenrheintals kam. Neun Menschen fanden dabei den Tod, der Schaden an Brücken, Strassen, Feldern und Gebäude war enorm. Schon in den Jahrzehnten zuvor war der Rhein – klimatisch bedingt und durch den Raubbau an den Wäldern begünstigt – über die Ufer getreten. In den 1850er-Jahren hatte der St. Galler Baudirektor Matthias Hungerbühler die Rheinkorrektion vorangetrieben. 1862 begannen die Bauarbeiten. Die Hochwasser von 1868 und 1871 beschädigten allerdings die halbfertigen Schutzbauten und warfen die Arbeiten um Jahre zurück. Heute sollen Teile des begradigten Rheins renaturiert werden – unter anderem für den Hochwasserschutz.

Vorwärts ging es hingegen bei der 1868 gegründeten St. Galler Kantonalbank. Mit der Ausgabe von Noten versorgte sie die blühende Textilwirtschaft mit dem nötigen Bargeld und wurde so rasch zum grössten Bankunternehmen am Platz St. Gallen. Ab 1907 wurden die Notenausgabe zentralisiert und in St. Gallen eine Nationalbankfiliale eröffnet. Die Kantonalbank hatte inzwischen im Hypothekarmarkt Fuss gefasst und die Mittel für den Bauboom ab Ende des 19. Jahrhunderts bereitgestellt.

1918: Soziale Frage, Landesstreik und Spanische Grippe

Auf die Boomjahre folgte mit dem Ersten Weltkrieg der jähe wirtschaftliche Sinkflug. Die weltweite Nachfrage nach St. Galler Stickerei versiegte und stürzte die Region in die Krise. Die Soziale Frage verschärfte sich. Im Frühjahr 1918 nahm das Kantonale Einigungsamt den Betrieb auf mit dem Ziel, die Interessen der Unternehmer und der Arbeiterschaft aussergerichtlich zu verhandeln. Eine der ersten Auseinandersetzungen vor dem Amt war jene der Schokoladearbeiter der Maestrani AG in St. Georgen. Das Amt schlug vor, den Zehnstundentag einzuführen, einen sechstägigen bezahlten Urlaub nach einjähriger Anstellung zu gewähren, eine Teuerungszulage von 15 Prozent sowie Wehrdienstersatz von 50 Prozent zu bezahlen. Die Firma weigerte sich zunächst und trat erst nach einem eintägigen Belegschaftsstreik auf den Vorschlag des Einigungsamtes ein. Zusätzlich gewährte sie dann sogar noch eine Erhöhung der Akkordlöhne um 15 Prozent, obschon einige Streikende – besonders die italienische Fraktion – eigentlich die Abschaffung der Akkordarbeit gefordert hatten.

Am 11. November 1918, am Tag, als das Deutsche Reich und Frankreich den Waffenstillstand von Compiègne unterzeichneten und damit den Ersten Weltkrieg beendeten, kam die Schweizer Armee zum Einsatz. Das Oltner Komitee hatte zum Landesstreik ausgerufen. Auch die Ostschweizer Arbeiterschaft war dem Aufruf gefolgt. Vor allem in Rorschach kam es zu Scharmützeln. Während des Eisenbahnerstreikes besetzte die Armee den St. Galler Bahnhof. Die Protestierenden verhinderten während der Streiktage den Druck der bürgerlichen Tagespresse. Erst am 15. November erschien das «St. Galler Tagblatt» wieder. Unter dem polemischen Titel «Sieg der Demokratie über den Bolschewismus» stand, es sei wichtig gewesen, dass in dieser Zeit wenigstens Kurznachrichten gedruckt werden konnten, «während andererseits die sozialdemokratische Presse, die Situation ausnützend, das Publikum mit unwahren und tendenziösen Mitteilungen überschwemmte». Zusammen mit der Unterbrechung des Eisenbahnverkehrs sei diese «Knebelung der Pressefreiheit» die «traurigste Erscheinung der Streikperiode» gewesen. Insgesamt blieb die Lage in der Region ruhig, was wohl auch auf das gemässigte Auftreten von Polizei und Militär zurückzuführen ist. Nach Streikende wurden die Soldaten in St. Gallen mit Bratwurst und Wein und einem Ehrensold aus einer privaten Sammelaktion verabschiedet.

Weit mehr Todesopfer als der Erste Weltkrieg forderte die Grippeepidemie, die 1918 auch in der Schweiz grassierte. Das Virus breitete sich von Spanien her aus und forderte weltweit über 20 Millionen Tote. Wehrmänner schleppten die Krankheit aus der West- und der Zentralschweiz in den Kanton St. Gallen. In der letzten Juliwoche wurden rund 1400 Fälle gemeldet, ein Drittel davon in St. Gallen, der Rest überwiegend in den grösseren Ortschaften des Kantons. Die Anzahl Neuerkrankungen erhöhte sich bis Mitte Oktober auf knapp 7000 Fälle pro Woche. Nach einer kurzen Entspannung flackerte die Epidemie während des Landesstreiks nochmals auf. Im gesamten Kanton wurden 64680 Erkrankungen angezeigt, wovon 1436 tödlich endeten. Meist starben die Infizierten an Lungenentzündung. Heute ist historisch anerkannt, dass vor allem das kriegswirtschaftliche Versagen des Staates das verheerende Ausmass der Grippewelle verursacht hatte. Doch damals machten Landesregierung, Armeeführung und Bürgerpresse die Arbeiterbewegung für die Katastrophe verantwortlich.

1968: Flüchtlingswelle, «68er», neues Theater

In der Nachkriegszeit blieb St. Gallen weitgehend von grösseren Katastrophen verschont. Weltpolitische Ereignisse tangierten die Region nur noch indirekt. So gelangten im Spätsommer 1968 im Zuge des Prager Frühlings rund 12000 tschechoslowakische Flüchtlinge bei Buchs und St. Margrethen über die Grenze. Sie hatten desillusioniert ihr Land verlassen, nachdem Alexander Dubceks Vision eines «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» von Truppen des Warschauer Paktes zerschlagen worden war. Über die Hälfte der Tschechoslowaken verfügte über einen Hochschulabschluss. Dank guter Konjunkturlage gelang die Inte­gration der Flüchtlinge rasch. Nach dem Ungarischen Volksaufstand 1956 hatte die Schweiz damit zum zweiten Mal die Grenzen für osteuropäische Flüchtlinge geöffnet. Diese schweizerische Willkommenskultur beruhte aber nicht einzig auf der humanitären Tradition, sondern ebenso auf blockpolitischen Überlegungen im Kontext des Kalten Krieges.

Während sich in den USA, Frankreich und Deutschland die Jugend gegen den Vietnamkrieg und die gesellschaftliche Verkrustung auflehnte, blieb es in der Ostschweiz relativ ruhig. Von «1968» kann in St. Gallen frühestens 1969/70 die Rede sein, als Gymnasiasten gegen den Ausschluss eines Schülers und einer Schülerin protestierten, die eine intime Beziehung geführt hatten («Aktion rotes Herz»).

Während die alternative Jugendkultur in St. Gallen noch in den Kinderschuhen steckte, setzte sich die «etablierte Kultur» in St. Gallen ein Denkmal. Am 15. März 1968 wurde zur Eröffnung des Neubaus des St. Galler Stadttheaters Beethovens «Fidelio» aufgeführt. Die Kosten für das Gebäude des Zürcher Architekten Claude Paillard waren auf 10,6 Millionen Franken veranschlagt, wovon 2,5 Millionen auf die Stadt entfielen. Der Bau war von den Gegnern als «hässlicher Betonklotz» bezeichnet worden. Auch spätere Projekte Paillards waren umstritten: Das 1984 erweiterte Zürcher Opernhaus erhielt im Volksmund wegen seiner rosafarbenen Fassade den Übernamen «Fleischkäse». Zum Jubiläum der Eröffnung des Stadttheaters ist erneut eine Galavorstellung des «Fidelio» geplant. Heute sagt der St. Galler Baudirektor Marc Mächler, das Theatergebäude sei «wirklich schitter dran». Der 48-Millionen-Kredit für die Sanierung kommt am 4. März vors Volk.

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