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Geschäftsführerin der Kunstturner in Wil kündigt +++ Mutmassliches Opfer wird wieder trainieren +++ Verhafteter Cheftrainer entlassen

Das Regionale Leistungszentrum Ostschweiz in Wil hat dem verhafteten Cheftrainer gekündigt. Die Streitereien im Verein gehen weiter. Trotz Widerstand einiger Eltern wird das mutmassliche Opfer wieder am regulären Training teilnehmen.
Odilia Hiller, Christoph Zweili
Das mutmassliche Opfer des Cheftrainers am Regionalen Leistungszentrum für Kunstturnen durfte seit seiner Anzeige nur zu Randzeiten trainieren. (Bild: Rebecca Blackwell/AP)

Das mutmassliche Opfer des Cheftrainers am Regionalen Leistungszentrum für Kunstturnen durfte seit seiner Anzeige nur zu Randzeiten trainieren. (Bild: Rebecca Blackwell/AP)

Am Regionalen Leistungszentrum Ostschweiz RLZO für Kunstturnen in Wil hat die Geschäftsführerin, Murielle Zeller, per Ende September gekündigt. Es soll sich gemäss Informationen, die dieser Zeitung vorliegen, um eine Protestkündigung gegen die Vorgänge im Vereinsvorstand handeln.

Damit wäre sie die zweite Geschäftsführerin seit Jahresbeginn, welche die Stelle aufgrund von Differenzen mit dem Vorstand verlässt. Zuletzt hatte die Verhaftung des Cheftrainers wegen mutmasslicher sexueller Handlungen mit Minderjährigen das Spitzensportzentrum erschüttert. Sein Vertrag wurde nun gekündigt. Das bestätigt der Vereinsvorstand auf Anfrage, nicht jedoch die Kündigung der Geschäftsführerin.

Die Tage des Präsidenten sind gezählt


Die Tage des RLZO-Präsidenten Willi Aurich sind seit der Reorganisation des Vereins im Frühjahr 2019 gezählt. Im März wurde der Vorstand von drei auf sieben Mitglieder aufgestockt, nachdem eine Mediation zwischen den Zerstrittenen in und um den Verein gescheitert war.

Der St.Galler Kantonalturnverband nahm im Vorstand Einsitz, das Verbleiben des Präsidenten wurde auf eine Übergangszeit von einem Jahr festgelegt. Der Schweizerische Turnverband (STV) wählt nun klare Worte:

«Es ist wichtig, für das RLZ Ostschweiz eine Organisationsstruktur und einen neuen Vorstand zu finden, die eine breite Unterstützung der Ostschweizer Turnfamilie gewinnen können. Der STV unterstützt die laufenden Bemühungen und wird diese begleiten.»

Nach acht Monaten wirft die Geschäftsführerin das Handtuch - aus Frust

Die Liste der Probleme des Regionalen Leistungszentrums RLZO für Kunstturnen in Wil wird damit immer länger: Nach nur acht Monaten im Amt hat die Geschäftsführerin im Zuge der Geschehnisse rund um den mutmasslichen sexuellen Missbrauch einer minderjährigen Turnerin durch den Cheftrainer per Ende September gekündigt. Dies bestätigen diverse Quellen aus dem Umfeld des Spitzensportvereins. Mit Namen hinstehen möchte niemand, da alle Informanten Repressalien seitens des Vereinsvorstands befürchten, sollten sie öffentlich darüber reden, was am krisengeschüttelten Zentrum zurzeit vor sich geht.

Sven Bradke, den der Vereinsvorstand des RLZO nach der Verhaftung des Cheftrainers Mitte August als Mediensprecher engagiert hatte, will die Kündigung auf Anfrage weder dementieren noch bestätigen. Gemäss Informationen, die dieser Zeitung vorliegen, wäre die Geschäftsführerin vertragsgemäss noch drei Monate, also bis Ende 2019, im Amt. Die Geschäftsführerin selber nimmt keine Stellung und verweist an Bradke.

Ermittlungen könnten rund ein Jahr dauern

Seit vier Wochen sitzt der Cheftrainer des Regionalen Leistungszentrums Ostschweiz (RLZO) für Kunstturnen in Wil in Untersuchungshaft. Dies, nachdem ihn eine 17-jährige Kunstturnerin des Kaders wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt hatte. Die St.Galler Staatsanwaltschaft ermittelt seither wegen mutmasslicher sexueller Handlungen mit Minderjährigen. Mit einer Klageerhebung, einem Strafbefehl oder einer Einstellung des Verfahrens sei durchschnittlich nach einem Jahr zu rechnen, sagt Roman Dobler, Mediensprecher der Staatsanwaltschaft. Dass die Ermittlungen und Einvernahmen mittlerweile auf weitere Eltern und Turnerinnen ausgeweitet wurden, wie aus dem Vereinsumfeld zu hören ist, bestätigt die Staatsanwaltschaft mit Verweis auf das laufende Ermittlungsverfahren nicht.

Mit dem RLZ Ostschweiz ist eines von sechs Leistungszentren für Frauenkunstturnen des Schweizerischen Turnverbandes (STV), Dachverband des Schweizer Turnsports und mit 380000 Mitgliedern grösster nationaler Sportverband, vom Fall betroffen. Das Wiler Zentrum, das den Auftrag hat, Nachwuchskaderturnerinnen und -turner an die nationale Spitze zu bringen, steckte zuvor seit Monaten in einer Führungskrise und stand schon vor der Anzeige gegen den Trainer vor einer ungewissen Zukunft.

Der Verein hat den Vertrag des Cheftrainers nun gekündigt. Unklar scheint nach wie vor die sportliche und persönliche Lage des mutmasslichen Opfers. An einem Elternabend im Zentrum soll es vergangene Woche um die Frage gegangen sein, ob die Kunstturnerin wieder am regulären Training teilnehmen kann.

Seit die junge Frau sich mit der Anzeigeerhebung gegen den Trainer in den Augen gewisser Vereinsmitglieder und Eltern der Illoyalität schuldig machte, darf sie laut diversen Quellen nur zu Randzeiten am Morgen trainieren – wenn sonst niemand in der Halle ist. Eine für den Vereinsvorstand anscheinend nicht unmassgebliche Elterngruppe möchte verhindern, dass das Mädchen wieder mit der angestammten Spitzengruppe trainiert. Aus Angst, die Turnerin könnte einen schlechten Einfluss auf ihre Kinder oder deren sportliches Fortkommen haben. Und weil sie der Ansicht sind, das Mädchen lüge.

Anwesenheit des nationalen Verbands am Elternabend

Der Vereinsvorstand geht auf Fragen zum Elternabend nicht ein. Auch nicht auf die Anwesenheit von Felix Stingelin, Chef Spitzensport beim Schweizerischen Turnverband STV, welcher den Eltern klarmachen sollte, dass das mutmassliche Opfer wieder regulär trainieren soll.

«Wir informieren die Eltern immer wieder über den Stand der Dinge, sobald es etwas zu informieren gibt», sagt Bradke. Was wurde besprochen?

«Es ging vor allem um organisatorische Fragen.»

Vom Dreierteam, das die Spitzenturnerinnen trainierte, ist noch eine Trainerin übrig – der Trainer sitzt in U-Haft, seine Frau ist krankgeschrieben. «Diese Trainerin macht einen Superjob. Sie hat eine Mehrfachbelastung zu bewältigen», so Bradke.

Ergänzend habe man Unterstützung vom benachbarten Leistungszentrum in Zürich erhalten: «Teilweise werden die Mädchen auch in Zürich trainiert. Alle schauen, dass sie ein bestmögliches Trainingsumfeld haben.»

Entschieden, dass die junge Turnerin wieder am ordentlichen Training teilnimmt

Was ist mit dem Mädchen, das den Trainer angezeigt und seither ausserhalb des regulären Trainings trainierte? «Das kommentiere ich nicht. Elterngespräche sind vertraulich. Der Vorstand wird zu gegebener Zeit entscheiden und informieren.»

Auf weiterführende Fragen antwortet Bradke zunächst nicht. Am Wochenende dann die Mitteilung: «Der Vorstand hat nach Anhörung der Eltern der Kaderturnerinnen entschieden, die junge Turnerin wieder ins ordentliche Kadertraining aufzunehmen.» Die Wiederaufnahme werde «in den nächsten Tagen» unter psychologischer Begleitung erfolgen.

Die Rolle des Schweizerischen Turnverbands STV

Zur Rolle des STV lässt sich sagen: Der nationale Verband ist Vertragspartner und Beitragszahler am Leistungszentrum. In einem Communiqué nach der Festnahme des Frauentrainers kommunizierte er «Nulltoleranz bei sexuellen Übergriffen».

Der STV habe im Mai die Schaffung einer Ethikkommission beschlossen. Turnerinnen und Turner sowie Mitglieder und Gremien sollten sich «bei Vorfällen» an diese wenden und sich von ihr beraten lassen. Die Konfliktlösung in Wil überliess er dem St.Galler Kantonalturnverband. Bisher offensichtlich ohne Erfolg, weshalb der STV nun nochmals klargemacht hat, in welche Richtung es seiner Meinung nach gehen muss.

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