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GERICHTSFALL: Rückkehr aus der Türkei endet in Handschellen

Der Kronzeuge im Mammutprozess Kümmertshausen wirft dem Vater einer kurdischen Familie vor, in St. Gallen Heroin verkauft zu haben. Auf einer Fahrt mit seiner Familie von der Türkei in die Schweiz habe er Drogen geschmuggelt.

Müslüm D., ein türkischer Kurde, als Flüchtling anerkannt, steht seit Februar vor Gericht. Er soll mit drei weiteren Beschuldigten am gewaltsamen Tod des IV-Rentners aus Kümmertshausen beteiligt gewesen sein. Jetzt muss er sich wegen Drogen vor den Richtern verantworten. Er habe Heroin in den Strassen von St. Gallen verkauft, wirft ihm ein Mitangeklagter vor: Yilmaz B., der Kronzeuge. Yilmaz B. sagt aus, sein früherer Kollege Müslüm D. habe im Sommer 2010 zehn Kilo Heroin aus der Türkei in die Schweiz geschafft. Das Heroin soll später der IV-Rentner bei sich in Kümmertshausen versteckt haben. Dieser habe sich geweigert, es wieder herauszugeben, und mit der Polizei gedroht. Das sei sein Todesurteil gewesen.

Müslüm D. bestreitet, Heroin aus der Türkei geschmuggelt zu haben. Es sei ein Familienbesuch gewesen. Drei Kinder und seine Frau sassen mit ihm im Opel. Das Gericht hat die heute 27-jährige Tochter als Zeugin geladen. In akzentfreiem Schwiizerdütsch schildert sie die bizarre Rückfahrt. Zum ersten Mal nach seiner Flucht sei ihr Vater 2010 wieder in der Türkei gewesen. Grund war der Tod seiner Mutter. Die Rückreise war schlecht organisiert. Mitten in der Nacht, wohl in den bulgarischen Bergen, hatten sie einen platten Reifen. Irgendwann sei ein Auto aufgetaucht. Nachdem der Pneu gewechselt war, seien sie praktisch durchgefahren bis zur Schweizer Grenze. Vier Tage. An der Grenze von Österreich zur Schweiz wurde der Opel gestoppt. Die Zöllner fanden an den Händen des Vaters und des Sohnes Spuren von Kokain. Sie nahmen das Auto auseinander. Vater und Sohn wurden in Handschellen abgeführt. Die Frauen seien einzeln durchsucht und befragt worden. Die Zeugin sagt: «Ich wusste von nichts.» Die Beamten fanden keine Drogen, nach vier Stunden konnten sie weiterfahren nach St. Gallen.

Für den Staatsanwalt weiss die Zeugin zu viel

Was die Familie nicht wusste: Die Grenzwächter hatten den Tipp von Yilmaz B. bekommen. Er ­verdingte sich als Informant für die Polizei. Nachdem die Grenzwächter nichts fanden, erklärte Yilmaz B., Müslüm D. habe vor der Grenze das Heroin umgeladen in das Auto eines Albaners. Die Zeugin sagt, sie wisse nichts von einem Albaner. «Wir haben in Österreich nie angehalten.» Für den Staatsanwalt ist ­sie als Zeugin nicht viel wert. Sie wisse zu viel über den Fall. Sie übersetzt die Schreiben des Verteidigers für die Eltern. Ob sie gewusst habe, dass ihr Vater Kokain konsumiert? Sie habe es vermutet. Davon, dass er mit Drogen gehandelt habe, wisse sie nichts. Der Staatsanwalt fragt sich, warum Yilmaz B. der Polizei den falschen Tipp hätte geben sollen. Zudem sei die Familie von Müslüm D. «erstaunlich zahlungskräftig». Die Eltern leben von Ergänzungsleistungen, trotzdem haben sie Grundstücke in der Türkei ­gekauft und zwei Audis. Der Verteidiger sagt, es handle sich um ­Occasionsautos. Die Familie lebe sehr bescheiden. Yilmaz B. habe einen Sündenbock gebraucht, um von sich abzulenken. «Der naive Gelegenheitsdrögeler Müslüm D. sei ein dankbares Opfer gewesen.» Urteile fallen nächstes Jahr.

Ida Sandl

ida.sandl@thurgauerzeitung.ch

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