Geranien und Gartenzwerge am Open Air: Die Gangster mögen es spiessig

Zwei geschnitzte Geissböcke beim Eingang, ein Gartenhag und Geranien auf dem Tresen: Willkommen im «Bergbeizli». Ein paar Walliser schlürfen Bier an rotkarierten Tischen. Die Barfrau kommt mit den Bestellungen kaum nach.

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Rotlichtviertel à la Frauenfeld: Desperados-Dome am Open Air. (Bild: Reto Martin)

Rotlichtviertel à la Frauenfeld: Desperados-Dome am Open Air. (Bild: Reto Martin)

Zwei geschnitzte Geissböcke beim Eingang, ein Gartenhag und Geranien auf dem Tresen: Willkommen im «Bergbeizli». Ein paar Walliser schlürfen Bier an rotkarierten Tischen. Die Barfrau kommt mit den Bestellungen kaum nach.

Wir sind nicht etwa an einem Jodlerfest gelandet, sondern am Open Air Frauenfeld unweit der Bühne, wo Stars von Drogen, Gewalt und Zuhälterei rappen. Wer hätte gedacht, dass Hip-Hopper auch auf Gartenzwerge stehen?

«Auch mal Pause machen»

Open-Air-Sprecher Joachim Bodmer hat dieses Jahr einen speziellen Trend ausgemacht: «Es geht vermehrt in Richtung Chillout. Die Besucher wollen auch mal eine Pause machen.»

Zudem orientiert sich das Hip-Hop-Publikum im Winter an der Snowboarder-Szene, was die Vorliebe für Hüttenromantik erklärt.

Gemütlichkeit ist auch im Zelt des Labels «Freestyle.ch» angesagt, das sich erstmals am Open Air präsentiert. Dort fläzen sich Gymnasiastinnen aus Zürich in Liegestühlen. «Puh, ist das eine Hitze», sagt die eine. Sie trägt ein kurzes Sommerkleidchen und fächert sich Luft zu. «In meinem Zelt ist es jetzt mindestens 70 Grad heiss.» Ein paar nette Thurgauer hätten ihr beim Aufstellen geholfen. Die netten Thurgauer setzen sich ganz schön in Szene. Trugen vor ein paar Jahren vor allem die Frauen ihre Décolletés offenherzig zur Schau, sind es nun die Männer, die sich mit nacktem Oberkörper ins Getümmel stürzen. Adrian aus Weinfelden trägt nichts als Calvin-Klein-Unterhosen, Shorts und Strohhut. Dazwischen sieht man Muskeln, viele fein gemeisselte Muskeln. «Ich saufe nur am Open Air. Der Alkohol würde sonst meine ganze Arbeit zerstören», sagt er und deutet auf seinen Sixpack. «Ich habe eine krasse Linie, darf keinen Kuchen essen. Man muss besessen sein, um es zu etwas bringen im Leben.» Dann schaut er zwei Frauen nach, ob sie ihm nachschauen.

Frivol unterwegs

Ein armer Tropf, wer ein Dasein als Büromaus fristet und seinen Body nie trainiert. Das rächt sich am Frauenfelder Open Air, wo alle herzeigen, was sie haben. Auf einem Männerrücken kreisen zwei Spermien um einen Spruch: «Brustvergrösserung durch Handauflegen». Kommt das an? Der Typ grinst. «Hatte grad einen flotten Dreier.»

Um am Open Air seine wilde Party zu feiern, muss man sich aber ein wenig gedulden. Denn die beginnt erst spät nach Mitternacht, wenn die Lichter auf den grossen Bühnen erloschen sind. Dann lassen die Tänzerinnen im Desperados-Dome die Hüllen fallen – und zeigen an der Stange, dass in Frauenfeld doch nicht Jodlerfest ist. Melissa Müller

www.tagblatt.ch/festivals

Bürgerlich gemütlich: Das Bergbeizli kommt bei Hip-Hoppern gut an. (Bild: Reto Martin)

Bürgerlich gemütlich: Das Bergbeizli kommt bei Hip-Hoppern gut an. (Bild: Reto Martin)