Generation Unbeschwert

Die 20-Jährigen Wie fühlt es sich an, 20 zu sein? Gilberte Graf, Melis Taskesen und Basil Oberholzer haben sich auf Facebook und in der Beiz über Themen wie Glück, ihre Beziehung zu Geld und zu ihren Eltern unterhalten. Ganz ohne Sorgen leben auch diese 20-Jährigen nicht, aber Zukunftsängste haben sie keine. Philippe Reichen

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Sie sind jung, dynamisch und seit kurzem Facebook-Freunde: Gilberte Graf (l.), Melis Taskesen und Basil Oberholzer. (Bild: Ralph Ribi)

Sie sind jung, dynamisch und seit kurzem Facebook-Freunde: Gilberte Graf (l.), Melis Taskesen und Basil Oberholzer. (Bild: Ralph Ribi)

Langwierige Verhandlungen, Verzögerungen, Absagen, abrupte Ausstiege: Es war nicht einfach, drei 20-Jährige von einem Gespräch über ihre Generation zu überzeugen. Diverse Male hiess es: «Ich möchte nicht in die Zeitung.» – Warum diese Scheu, wo man doch heute alles, teils auch intime Dinge, über «Facebook» verhandelt? Die Diskussion mit Gilberte Graf (20), Melis Taskesen (20), Basil Oberholzer (21) beginnt auf «Facebook», im virtuellen Raum also.

Am Samstag treffen wir uns im Restaurant Schwarzer Engel in St. Gallen zu einem Apéro. Wissen Sie schon, wohin Sie danach verschwinden?

Basil Oberholzer: Hallo zusammen. Vielleicht ist es am besten, wenn ich mich kurz vorstelle: Ich komme aus St. Gallen, studiere Volkswirtschaft an der Uni Zürich, arbeite zurzeit als Zivi im Kantonsspital Freiburg und entsorge da den Abfall. Und ich kandidiere für die Grünen im Herbst für den Nationalrat.

Sorry, das mit dem Vorstellen hab ich ganz vergessen. Ich kenne Sie natürlich schon, aber Sie sich untereinander nicht.

Gilberte Graf: Finde das mit dem Vorstellen eine gute Idee, deshalb hier ein kurzes Porträt meinerseits: Ich habe eine Lehre als Buchhändlerin gemacht, wohne in Balgach (noch bei meinen Eltern) und arbeite jetzt grad in der SFS in Widnau (Büro).

Melis Taskesen: Hallo zusammen! Zu mir: Ich komme aus St. Gallen, hole gerade die Berufsmaturität nach und arbeite nebenbei bei den KS Kaderschulen.

Also nochmals: Wissen Sie, wohin Sie nach unserem Treffen weiterziehen?

Oberholzer: Noch keine Ahnung. Vielleicht treffe ich gerade im «Engel» jemanden, die Beiz ist nämlich gut, oder sonst mal sehen.

Graf: Ich werde nach dem Gespräch wahrscheinlich noch was trinken gehen in St. Gallen und danach nach Trogen an eine Geburtstagsparty.

Taskesen: Habe auch noch keine Pläne. Ich werde mit Freunden vermutlich etwas trinken gehen oder auch gleich im «Engel» bleiben.

Braucht Ihr viel Geld in der Freizeit?

Oberholzer: Ich bin Student, verdiene das Jahr über nichts, ausser ich arbeite in den Ferien. Grundsätzlich bliebe neben dem Studium etwas Zeit für einen Nebenjob. Aber da bin ich vor allem politisch aktiv bei den Grünen.

Graf: Mit dem Geld ist das so ne Sache. Ist auf alle Fälle immer verschieden, wie viel ich brauche. Manchmal lass ich es mir gutgehen und geb mehr aus, ich kann aber auch gut verzichten und was auf die Seite legen, z. B. für meinen Spanienaufenthalt im Frühling. Oberholzer: Denkst Du, Du würdest mehr Geld ausgeben, wenn Du es zur Verfügung hättest, oder würdest Du sparsam leben?

Taskesen: Da geht es mir ziemlich ähnlich wie Gilberte. Wenn ich gerade auf etwas hinspare, kann ich mich sehr gut einschränken. Wenn dies nicht der Fall ist, gönne ich mir auch gerne etwas. Meine Ausgaben passe ich eigentlich meinem Einkommen an.

Wofür geben Sie am meisten aus?

Graf: Am meisten geb ich vermutlich fürs Zugfahren (hab im Moment nur Halbtax und Gleis 7) und für den Ausgang (Eintritte) aus.

Taskesen: Für mein GA (und es soll ja noch teurer werden ;-)). Ansonsten gebe ich wohl am meisten für den Ausgang aus (Eintritte und Getränke).

Mischen sich die Eltern in Geldangelegenheiten noch ein?

Graf: Nein, meine Eltern mischen sich nicht ein.

Oberholzer: Nein, aber wenn ich mich z. B. für irgendwelche abstrusen Konsumwünsche verschulden würde, würden sie wohl intervenieren.

Graf: Ich lebe mit meinem Vater. Der mischt sich nicht ein.

Wie ist das Verhältnis zu den Eltern? Beruhigt es sich, wenn man 18 Jahre alt, also volljährig ist?

Taskesen: Es hat sich absolut gar nichts verändert. Hin und wieder betone ich die Tatsache, dass ich jetzt eben volljährig bin. Es wird jedoch grosszügig ignoriert.

Graf: Bei mir hat sich das Verhältnis auf alle Fälle beruhigt, seit ich 18 Jahre alt geworden bin. Meine Mutter hat sich früher mehr Sorgen um mich gemacht, wenn ich im Ausgang war. Vor allem wollte sie wissen, wie und wann ich nach Hause komme. Ich fand's irgendwie süss, aber es hat natürlich auch genervt.

Oberholzer: Ich würde mal sagen, so viel Ärger mache ich nicht. Ausser, dass ich endlich an Abstimmungen und Wahlen teilnehmen konnte, hat sich für mich mit der Volljährigkeit nicht besonders viel verändert.

Am Samstag dann also das Treffen im «Schwarzen Engel»: Erste Statusmeldungen treffen per SMS ein: «Hallo :) mein Bus hat leider eine kleine Verspätung. sorry!» Basil Oberholzer ruft an: «Bin gleich da!» Als die «Facebook-Freunde» beieinanderstehen, steht fest: Man kennt sich teils «vom Sehen». Die Selbstinszenierung fürs Foto fällt allen schwer. Erst während des Gesprächs wird die Stimmung locker.

Wir haben bisher über Facebook diskutiert. Ihre Generation gilt als «Generation Facebook». Zu Recht?

Graf: Es gibt viele ältere Nutzer, nicht nur 20- bis 30-Jährige. Aber Facebook ist schon ideal, früher hat man beim Reisen jemanden kennengelernt und später die Telefonnummer ausgetauscht, heute kann ich ihn einfach über Facebook anschreiben.

Oberholzer: Es ist tatsächlich schwierig, bei Facebook nicht dabei zu sein. Es ist aber auch mühsam. Die ganze Lebensorganisation ist unverbindlich geworden. Lädt jemand zu einer Veranstaltung ein, schreiben viele, sie kämen, und gehen dann doch nicht.

Graf: Es fühlen sich tatsächlich nicht mehr viele verpflichtet. Es erwartet auch niemand, dass, wer sich anmeldet, auch tatsächlich kommt.

Oberholzer: Früher hat man sich das überlegt und geplant. Die Leute werden unzuverlässig. Und trotzdem: Alle sind bei Facebook dabei.

Taskesen: Auch schreiben alle alles. «Bin gerade am Nachdenken» zum Beispiel. Es gibt Dinge, die gehören nicht auf Facebook.

Lassen wir das mal. Es scheint, Sie führen ein ziemlich sorgloses Leben.

Graf: Wir haben es gut in der Schweiz. Mich beunruhigen aber auch Dinge. Zum Beispiel, wie wir mit der Umwelt umgehen.

Taskesen: Mich bedrückt die Ausländerpolitik. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, trotzdem habe ich keinen Schweizer Pass.

Warum?

Taskesen: Der Hauptgrund ist: Ich habe nicht während fünf Jahren am Stück in der gleichen Gemeinde gewohnt. In der Türkei war ich nie länger als drei Wochen. Manchmal aber habe ich das Gefühl, als würde die Schweiz am liebsten alle Ausländer zurückschicken, wo sie herkommen oder wo ihnen ihr Pass ausgestellt wurde. Es gibt ein paar Gründe, Ausländer zu kritisieren, zum Beispiel beim Thema Integration, aber es gibt auch viele Schweizer, die etwas falsch machen.

Graf: Und wenn über Ausländer geredet wird, immer pauschal.

Oberholzer: Darüber könnten wir einen Abend lang reden. Die Migrationspolitik, falls es hier so etwas überhaupt gibt, ist zum Davonlaufen. Wenn das Thema so lange auf hetzerische Art beackert wird, dass am Schluss sogar eine Ausschaffungs-Initiative angenommen wird, zeigt das, wie sich das Stimmungsbild wandelt. Allerdings gibt es für mich keinen Grund für Apathie. Wir haben viele gute Leute, die sich beispielsweise für den Umweltschutz und die soziale Gerechtigkeit einsetzen. Ich bin mir sicher: Wir können etwas erreichen.

Engagieren sich genügend junge Leute in der Politik?

Taskesen: Ich finde, es sind zu wenig.

Oberholzer: Wir haben einige. Aber zu viel sind es sowieso nie.

Graf: Ich war mal in der Juso.

Da sind Sie also nicht mehr.

Graf: Egal. Ich möchte nicht in einer Partei politisieren. Ich glaube, viele junge Leute wären interessiert, aber wagen den Schritt nicht. Für mich war es immer ein Erfolgserlebnis, Leute zu überzeugen und ihre Unterschrift zu bekommen.

Sie sind sehr aktiv im Leben. Bleibt da Zeit für eine Beziehung, planen Sie heute schon Ihre Zukunft?

Graf: Ich habe einen Freund.

Oberholzer: Ich bin erst 20. Meine Lebensplanung ist nicht so vorangeschritten. Es ist gut, wie es jetzt ist.

Also macht bloss der Beruf oder die Liebe allein nicht glücklich?

Taskesen: Ich denke, es ist eine Mischung aus allem. Auch mein Job macht mich glücklich. Glücklich werde ich sein, wenn ich nach dem Sommer mein Diplom geschafft habe.

Graf: Ein schöner Tag am See mit guten Leuten und guten Gesprächen: Das ist Glück.

Oberholzer: Bekanntschaften mit interessanten Leuten zu schliessen, Diskussionen führen, neue Sichtweisen und Lebenswelten kennenlernen.

Graf: Also wenn ich im Lotto gewinnen würde, würde ich immer noch arbeiten. Ich habe gerade zwei Monate nichts gemacht. Es ist manchmal auch gut, sich mal zu langweilen.

Wie haben Sie sich «gelangweilt»?

Graf: Bücher gelesen und zu Hause mitgeholfen.