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Generation Smartphone trifft sich lieber woanders: Ostschweizer Jugendtreffs kämpfen ums Überleben

Die Generation Smartphone stellt traditionelle Jugendtreffs vor neue Herausforderungen. Die einen schliessen ihre Türen, andere versuchen die Jugendlichen über soziale Medien zu erreichen.
Noemi Heule
Dank Smartphones sind die Jugendlichen heute mobiler als früher und kehren den stationären Jugendtreffs vielerorts den Rücken. (Bild: Keystone)

Dank Smartphones sind die Jugendlichen heute mobiler als früher und kehren den stationären Jugendtreffs vielerorts den Rücken. (Bild: Keystone)

Bleiben die Jugendlichen den Jugendtreffs fern, trifft diese oft ein unausweichliches Schicksal. Viele müssen ihre Türen schliessen. In Engelburg etwa bleibt der Treff häufig leer, manchmal schauen zwei, drei Jugendliche vorbei. Weil sich diese Entwicklung seit rund zwei Jahren verschärfte, überlegt sich der Gemeinderat, den Treff aufzulösen. Ein Schritt, der vielerorts in der Ostschweiz bereits vollzogen wurde, zuletzt in Romanshorn oder Rheineck. «Der Betrieb ist nicht mehr zeitgemäss», vermeldete der Romanshorner Stadtrat vor einem Jahr. Nach drei Jahrzehnten hat dort die Institution Jugendtreff ausgedient.

Als Grund für die Menschenleere in den Jugendtreffs führen die Verantwortlichen die Generation Smartphone ins Feld. Sie ist nicht mehr an feste Treffpunkte gebunden, vergnügt sich lieber im digitalen denn im realen Raum. «Die Jugendlichen ziehen sich aus der Öffentlichkeit zurück», sagt Marion Lucas-Hirtz. Sie leitet die Kinder- und Jugendarbeit in Rapperswil-Jona und ist Co-Präsidentin des Verbandes Offene Kinder- und Jugendarbeit des Kantons St.Gallen. Mit der Entwicklung hat sich die Jugendarbeit verändert:

«Früher versuchte man die Jugendlichen im öffentlichen Raum zu kanalisieren, heute will man sie dahin zurückholen.»

Gefragt ist nicht nur die offene Jugendarbeit, sondern auch die aufsuchende. Sie spürt die Jugendlichen dort auf, wo sie sich gerade aufhalten – bei Schulhäusern, auf Plätzen oder in Parks. Mobile Jugendarbeiter machen dieselbe Feststellung: Die Heranwachsenden sind heute weniger präsent oder schwieriger aufzufinden als noch um die Jahrtausendwende. Einige Jugendarbeiter haben ihren Radius deshalb ebenfalls auf den virtuellen Raum ausgedehnt.

Sozialarbeiter sind auf Social Media unterwegs

Vorreiterin ist die Stadt St.Gallen. Die Dienststelle Kinder Jugend Familie ist seit Jahren auf Social Media präsent. Zuerst auf Facebook, wo sie mittlerweile nur noch die Elterngeneration erreicht. «Heute gelangen wir über Instagram oder Snapchat an die Jugendlichen», sagt Sozialarbeiterin und Medienpädagogin Hilal Iscakar. Was früher über Flyer kommuniziert wurde, macht die Jugendarbeit nun zusätzlich über digitale Kanäle bekannt:

«Die Jugendlichen wollen alle Informationen auf einem Gerät.»

Über soziale Medien informieren sich die Sozialarbeiterin und ihre Kollegen darüber, was in der Welt der Jugendlichen vor sich geht. Was teilen sie, was liegt im Trend? Finden sie gefährliche Inhalte, freizügige Fotos etwa, sprechen sie die Jugendlichen darauf an. Dennoch will Iscakar die sozialen Medien nicht verteufeln. «Wir versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen und zu zeigen, dass man diese Kanäle auch positiv nutzen kann.» Gleichzeitig lernen die Sozialarbeiter von ihrer Klientel.

«Die Jugendlichen sind im Internet mutiger unterwegs als wir Erwachsenen.»

Die grösste Herausforderung sei, rasch auf Veränderungen im Netz zu reagieren. Denn: «Trends können wöchentlich wechseln.» Für Hilal Iscakar ist allerdings klar: Die digitale Präsenz ersetzt die persönliche Begegnung nicht. Der klassische Treff bleibe unersetzbar. In St.Gallen ist er im Gegensatz zu ländlichen Gegenden gut besucht.

«Wir versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen und zu zeigen, dass man diese Kanäle auch positiv nutzen kann.» Gleichzeitig lernen die Sozialarbeiter von ihrer Klientel. «Die Jugendlichen sind im Internet mutiger unterwegs als wir Erwachsenen.» Die grösste Herausforderung sei, rasch auf Veränderungen im Netz zu reagieren. Denn: «Trends können wöchentlich wechseln.» Für Hilal Iscakar ist allerdings klar: Die digitale Präsenz ersetzt die persönliche Begegnung nicht. Der klassische Treff bleibe unersetzbar. In St.Gallen ist er im Gegensatz zu ländlichen Gegenden gut besucht.

Stets darüber informiert zu sein, was die Jugendlichen gerade beschäftigt, ist auch für Stephan Schlenker wichtig. Er ist Professor für Soziale Arbeit an der Fachhochschule St.Gallen mit Schwerpunkt Jugendarbeit. «Die Jugendlichen brauchen Unterstützung rund um das Thema Digitalisierung», ergänzt er. Fielen sie früher in der Öffentlichkeit eher durch Alkoholkonsum, Vandalismus oder Ruhestörung auf, heissen die Schlagworte heute Cybermobbing oder Sexting. Dass die digitale Welt kein rechtsfreier und unproblematischer Raum sei, müssten auch Digital Natives erst lernen.

Grundbedürfnis: Freunde treffen

Wie es um die Jugendtreffs in der Ostschweiz tatsächlich steht, ist für Stephan Schlenker schwierig auszumachen. Sie werden von Gemeinden oder Kirchgemeinden weitgehend selbstständig organisiert. Es herrsche aber eine «hohe Dynamik» und «grosse Unsicherheit». Die Frage, wie man die Jugendlichen heute erreichen könne, beschäftige allerorts. Dabei hätten sich diese nicht einfach zurückgezogen, sondern seien mobiler geworden. Schlenker spricht von «Partyhopping» und «fluiden Treffpunkten» – über das Smartphone sind Verabredungen ad hoc möglich, die Standorte wechseln innert kurzer Zeit häufig. Zugleich würden die Jugendlichen aus dem öffentlichen Raum verdrängt.

Zwar habe sich das Freizeitverhalten der Jugendlichen ohne Zweifel verändert. «Ihre Grundbedürfnisse bleiben aber dieselben», sagt Schlenker. Dazu gehöre, sich vom Elternhaus zu lösen und Freunde zu treffen. Dafür brauche es einen Ort, «ein zweites Zuhause», von welchem die Jugendlichen nicht vertrieben würden. Schlenker plädiert an die Gemeinden, die Treffs nicht einfach zu streichen, sondern zusammen mit den Jugendlichen Alternativen zu schaffen. In Romanshorn ergriffen die Jugendlichen gleich selbst die Initiative und sammelten Unterschriften für die Wiedereröffnung ihres Jugendtreffs.

Zweieinhalb Stunden täglich am Handy

(nh) Nur eins von 100 Schweizer Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren besitzt kein eigenes Smartphone. Bei den Zehn- bis Elfjährigen sind es 62 Prozent, wie die Internetplattform Jugendundmedien.ch schreibt. Sie beruft sich auf zwei Studienreihen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Im Durchschnitt nutzen die Jugendlichen das Handy an einem normalen Wochentag 2,5 Stunden; am Wochenende sind es rund 3 Stunden. Am beliebtesten sind dabei Nachrichtendienste wie Whatsapp, gefolgt von Sozialen Netzwerken wie Snapchat oder Instagram. 94 Prozent der Jugendlichen sind auf mindestens einem sozialen Netzwerk aktiv. Während das Smartphone eindeutig das Lieblingsmedium der Oberstufen­schülerinnen und -schüler ist, bevorzugen Primarschulkinder das Tablet. 47 Prozent von ihnen nutzen es mindestens einmal pro Woche.

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