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GELEBTE GESCHICHTE: Wildwest in Wolfhalden

Auf den Spuren Karl Mays finden die Teilnehmer des "American Living History Camp" auch ein bisschen sich selber. Sie treffen sich alle zwei Jahre in Wolfhalden, diesmal waren rund 30 dabei.
Kaspar Enz
In Wolfhalden campierten während zehn Tagen rund 30 Wildwest-Fans. (Bild: Jil Lohse)

In Wolfhalden campierten während zehn Tagen rund 30 Wildwest-Fans. (Bild: Jil Lohse)

«Leinen los», heisst es vom Floss, ein Mann rennt die nasse Ufertreppe hinauf. Er trägt Federschmuck, Lendenschurz und Holzschuhe. «Man muss sich dran gewöhnen», sagt er. «Aber dann geht’s. Die sind warm und trocken, auch barfuss im Winter.» Die ganze Flossbesatzung scheint modisch Jahrhunderte verpasst zu haben: Mit Dreispitz-Hüten und Kniehosen, Lederwämsen und Federn, Schnallenschuhen und Säbeln stechen sie in den Rhein-Binnenkanal, statt mit Thermos-Unterwäsche und Gore-Tex- Regenjacke. Allerdings, solch zeitgenössisch und funktional gekleidete Matrosen hätte Mathias Wild von Bord gejagt. «Das ist ein Floss, wie es beim Pelzhandel in Amerika des 18. Jahrhunderts üblich war», sagt der «Clerk», der Buchhalter der Trappertruppe. Unter einer Blache stapeln sich Kisten und am Mast baumelt die Fahne der britischen Handelsflotte. Auch die Indianer gehören dazu. «Sie waren immer dabei», sagt Wild. «Als Ortskundige und Dolmetscher.» Nur beim Floss selber drückt er ein Auge zu. Styropor hält es über Wasser. «Es müssten Baumstämme sein.»

Die Prärie im Vorderland

Weit über dem Kanal, auf den Hügeln bei Wolfhalden, grasen Braunvieh und Ziegen, Bisons sind hier eher selten. Trotzdem ist hier alle zwei Jahre Wilder Westen. Vor einem Waldstück blitzen die Spitzen der Tipis auf und die Fahnen des «American Living History Camp». Hierhin, nahe seines festen Wohnsitzes, lädt Mathias Wild alle zwei Jahre Gleichgesinnte ein. Knapp 30 Pelzhändler, Indianer, Trapper oder Bürgerkriegssoldaten sind es dieses Jahr, etwas weniger als üblich. «Ein paar sind krank oder müssen arbeiten», bedauert er.

Der «Clerk», sitzt vor seinem Zelt auf einer Kiste. Ein Wasserfass hängt neben dem Eingang, mehr fliessendes Wasser gibt es im Lager nicht. Über dem Feuer hängen Pfannen. «Die hab ich selber geschmiedet. Nicht perfekt, aber brauchbar.» Daneben steht der Laptop des Trappers: Ein aufklappbarer Sekretär aus Holz, darauf Schreibfedern, in den Schubladen Drucke historischer Karten und Bücher. Die hat er genau zu führen. «Von der Hudson Bay Company sind Bücher überliefert.» Sie listen Mäntel, Decken und Sold für die Expeditionsteilnehmer auf, wie viele Pelze welchem Indianerstamm abgekauft wurden. «Viele lassen die Handys zu Hause, wenn sie an Camps wie diese kommen.» Wild kann das nicht. 2017 kann auch ein Trapper ohne iPhone kein Lager organisieren.

Bild: Jil Lohse
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Der Wilde Westen in Wolfhalden

Organisiert hat Wild einiges für die historischen Darsteller aus dem ganzen deutschsprachigen Raum. So zogen sie am Montag mit ihren Vorderladern nach Altstätten auf den Schiessplatz, und am Mittwoch an den Rheinkanal. So gefährlich wie die Gewässer zwischen Hudson Bay und den grossen Seen ist der zwar nicht. Aber ein bisschen Neuland war er für die Mannschaft schon. «Wir wurden für jeden Fehler bestraft», lacht Wild. Ein Ast einer Uferböschung warf so «Captain Two Nails» ins Wasser. Einen echten Trapper haut das vielleicht um, aber unterkriegen lässt er sich davon nicht. «Die waren oft zwei Jahre lang in der Wildnis unterwegs. Auf der Suche nach Biberpelzen gingen sie los, in Gebiete, die niemand kannte», sagt der Gemeindearbeiter aus der Oberpfalz. Da muss man mit Verlusten rechnen. Sein flacher Zylinderhut blieb im Kanal, schwimmt jetzt wohl im Bodensee. Abgewetzt war er, und voller Beulen, doch das Verkleidungsstück war ihm lieb geworden. «Der war sicher 100 Jahre alt.» Es waren Hüte wie dieser, die die Trapper und Pelzhändler einst in die Wildnis trieben. «Echte Zylinder wurden aus dem Unterfell von Bibern hergestellt.» Die Oberschicht kaufte sie, deshalb waren die Felle lukrativ.

Glasperlen aus Venedig

Vor Rainers Zelt sind Ketten aufgereiht. Glasperlen, doch kein wertloser Tand. «Da hängt ein Auto dran», sagt er. Auch der Bayer tut viel für die originalgetreue Ausrüstung, und er kennt die Geschichten jedes unscheinbaren Werkzeugs, wie Geschichte und Geschichten der Wildnis: Die abenteuerlichen Expeditionen berühmter Trapper und Pelzhändler wie Alexander MacKenzie oder Pierre Radisson. Er nimmt eine Kette aus der Reihe, daran hängt eine besondere Perle, blau mit hellem Muster. «Sie stammt aus einem Schiff, das 1532 in der Bucht von Venedig gesunken ist.» Solche Ketten tauschten Pelzhändler bei den Indianern gegen Biberfelle ein, und da kommt auch einer zu Rainers Zelt. «Hast Du die zum Verkauf», fragt der Irokese mit ostdeutschem Akzent. «Manche schon.» Die Indianer aus der sächsischen Prärie wollen einen Tauschhandel organisieren. Nicht ungewöhnlich an solchen Lagern, von denen es im deutschsprachigen Raum einige gibt, sagt Rainer. Er kennt sich aus. Mit sechs las er Karl May, bekam ein Taschenmesser, bald nähte er eigene Messerscheiden. Dann kamen ernsthaftere Kostüme, «ich begann mit den Indianerkriegen», er besuchte die ersten Lager. Seither drang er tiefer ein in die Materie und weiter zurück in der Geschichte. Ob er mal selber in Amerika leben will oder in Kanada? «Ich bin jetzt 54», sagt er. «Da ist es schwierig, etwas Neues zu beginnen.»

Wider die Western-Klischees

Bücher und Filme mit Lederstrumpf und Winnetou infizierten einst die meisten hier. «Doch aus Hollywood kam viel Nonsens», sagt der Pelzhändler aus Zwickau, der neben Rainer sein Zelt aufgeschlagen hat. Cowboys gegen Indianer, die Whiskeysauferei im Saloon. «Klischees. Whiskey konnte sich ja keiner leisten.» Wie es wirklich war, wollen sie ergründen, und für eine Zeit so leben. Frank heisst er, hier im Lager ist er «Gordon», schottischer Einwanderer, Seiler und Schmied. Die Resultate seiner Arbeit stehen im ganzen Zelt, vom Werkzeug bis zur Hundeleine. Eine Pause von der Hightech-Welt sucht das Ehepaar aus Sachsen, in Verkleidung. «Klar sind wir ein bisschen verrückt hier, aber auf gesunde Art.» Die zehn Tage im Appenzellerland sind ihre längsten Ferien dieses Jahr. Sie begannen mit einem Unwetter. «Wir sind seit 20 Jahren dabei, aber das haben wir noch nie erlebt.» Als sie vor zehn Tagen ankamen, regnete es in Strömen. Die Wolle der Trappermäntel und die Baumwolle der Zeltdächer halten das Wasser zwar zurück. «Aber es dauerte Tage, bis alles wieder trocken war.» Ein Problem vielleicht für Frank, keines für den schottischen Abenteurer und seine Frau. «Durch unser Hobby sind wir uns einiges gewöhnt», sagt er. Doch heute noch so leben wie damals? Nein. «Dafür sind wir zu verweichlicht.»

Sollte den Trappern und Indianern doch etwas passieren, die Sanität wär zur Stelle. Dorothee Wagner und ihr Mann sind ein Sanitätsposten aus dem Bürgerkrieg. «Ohne Partner, der mitmacht wäre das ein schwieriges Hobby.» Sie hat ihn gefunden, seine Uniform hängt im Zelt, blaue Jacke mit Sanitätsabzeichen, karierte Uniformhose. «79. New York Highlander». Sie schneidet Wurst, in originalgetreuem Geschirr. Originalgetreu auch die Binden, das Operationswerkzeug, metallene Spritzen und Katheter.

Sie ist selbst Sanitäterin, sie wäre bei einem Unglück zur Stelle, auch mit moderner Ausrüstung. Zum Glück. Die Hygiene war ein Problem, auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs. Aber es ist nicht der Krieg, der sie fasziniert. Dorothee Wagner folgt den Spuren von Dorothea Dix, einer Pionierin im amerikanischen Gesundheitswesen. Und «im Lager kann man der Zivilisation etwas entfliehen. Entkommen kann man ihr ja nicht.» Das 21. Jahrhundert ist zu stressig. «Man regt sich auf, weil beim Auto was kaputt ist oder so. Unwichtige Dinge.» Was wichtig sei, lernt man im Zelt, ohne Strom, Wasser und Internet: Freundschaften, das echte Leben. Wie Mathias Wild hat sie eine Hütte im bayrischen Freizeitpark Pullman City, wo sie den Besuchern an den Wochenenden die Geschichte näherbringt, sie zieht von Lager zu Lager. «Danach dauert es jeweils zwei bis drei Tage, bis man wieder im 21. Jahrhundert ankommt.» Und ein bisschen bleibe man im andern echten Leben. «Schleppt man in den Ferien Wasser , spart man es zu Hause.»

Vielleicht geht Norbert Keller deshalb alle zwei Jahre ans «American History Camp» in Wolfhalden. Der Bäcker aus Au hat zwar den Ofen gebaut, der in der Mitte des Lagers steht, aber er gehört nicht wirklich zu den «gesund Verrückten» hier. Er hat kein Zelt, sondern ein Blockhaus, auf einem Autoanhänger montiert. «Als es letzte Woche regnete, war mein Haus der Treffpunkt», lacht er. An seiner Verkleidung fänden viele Teilnehmer wohl etliche Ungenauigkeiten, «aber ein bisschen verrückt bin ich auch. Ich mach auch sonst Ferien, bei denen andere abwinken.» Mit einem Pontonierboot von Altenrhein bis ins Friesland zum Beispiel. Denn «was arbeiten wir jahrein jahraus für Dinge, die wir nicht brauchen? Hier gibt’s wenig, aber Leute, die einem passen.»

Wie sein Freund Mathias Wild, der das Lager organisiert hat. Dass er mal als Trapper verkleidet vor einem Zelt sitzt, hätte er sich vor 15 Jahren nicht vorstellen können. «Auch wenn ich schon als Kind Amerika-Fan war. Das hab ich vom Vater.» Bei einem Treffen von Ami-Schlitten-Fans in Pullman City tat sich eine Tür auf in eine neue Welt. Die historischen Darsteller in ihren Hütten faszinierten ihn. «Und wenn ich was mache, dann richtig.» Dabei hat er etwas mit Karl May gemeinsam: Er war noch gar nie drüben. «Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden.»

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