Gegentribüne: Beim FCSG werden die Fragezeichen immer mehr zu Ausrufezeichen

Es war erneut ein Tanz auf dem Vulkan für den FCSG. Lugano hatte ihn erstickt. Gegen die Grasshoppers brach das Feuer der Begeisterung wieder aus, als es erloschen schien. Ja, was soll man von diesem FC St.Gallen halten?

Fredi Kurth
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(Bild: Urs Jaudas)

(Bild: Urs Jaudas)

Das Auf und Ab seiner Mannschaft werde noch eine Weile andauern, sagte Peter Zeidler vor ein paar Wochen in einem längeren Gespräch, einem Austausch, den er als kommunikativer Mensch angestrebt hatte. Das Auf und Ab zeigte sich in der vergangenen Woche mit drei Spielen in sieben Tagen auf besonders eindrückliche Weise. Im Match gegen Lugano als Drama, wie wir es nie mehr erleben möchten, gegen die Grasshoppers als eines mit Happy End.

Zur Pause schon abgeschrieben

«Und jetzt, was schreibst du?», fragte mich am Spiel gegen die Grasshoppers ein treuer Besucher und Leser der Gegentribüne zur Pause. Das werde nicht einfach sein, entgegnete ich ihm. Was meine Kollegen zu jenem Zeitpunkt am meisten ärgerte, war diese unglaubliche Schwäche in einem weiteren Heimspiel. Ein einziger Sieg im Kybunpark im ersten Meisterschaftsviertel hatte dieses eklige Gefühl nicht beseitigen können, nämlich, dass die Anhänger immer wieder treu zu den Spielen erscheinen und ebenso oft enttäuscht wieder den Heimweg antreten – Auswärtserfolge hin, spannende Spiele her. Eines schien sicher: Der Match ist verloren. Nicht eine Torchance hatte sich St.Gallen in der ersten Halbzeit erspielt, nicht einen Schuss musste Österreichs Nationaltorhüter Heinz Lindner parieren.

Rabatt in den Blöcken C5 und C6?

Was tun? «Ich würde Manneh aufs Feld schicken», sagte ich. «Der hält wenigstens die Position auf der linken Seite.» Dort war Nassim Ben Khalifa angedacht. Doch die Zuschauer in den Sektoren C5 und C6 sahen immer eine leere Wiese vor sich, dort hätten Kühe ungestört weiden können. Dass der Fussball zuletzt allgemein wieder attraktiver geworden ist, auch in der Bundesliga, in der Champions League sowieso, hat nicht nur mit schnellerem Umschaltspiel zu tun, sondern auch, dass der Aufbau wieder breiter angelegt ist, dass so wieder mehr Räume entstehen.

Niemand glaubte an Papa Barnetta

Tranquillo Barnetta hatte niemand auf dem Zettel – ausser Peter Zeidler. Und Ben Khalifa schlug den Ball zum Ausgleich just von der rechten Flanke. Ich könnte mir denken, dass sich Papa Barnetta, dessen Sohn erstmals im Stadion zugegen war, ähnlich freute wie bei jenen zwei Freistossstoren, die er 2011 gegen England erzielt hatte, im Wembley innerhalb von drei Minuten. Die Verdienste Barnettas auf der einen Seite, dessen verletzungsbedingten Rückschläge, die fehlende Dynamik auf der andern – dieses Dilemma beschäftigte Zeidler. Ich sagte ihm, die Anhänger hätten Verständnis, hielten das Ansehen Barnettas in allen Ehren hoch, aber seine besten Zeiten lägen halt hinter ihm. Wahrscheinlich haben wir uns alle getäuscht. Denn Barnetta liess gegen GC vor allem eines nicht vermissen: Schnelligkeit.

Leihspieler als Risiko oder Modell?

Spektakel hat St.Gallens Führung versprochen – warum gelingt dies im Gegensatz zu früheren Zeiten viel öfter? Weil Zeidler und Sportchef Alain Sutter auch die Spieler gefunden haben, die solches Vorhaben umsetzen können. Die radikale Erneuerung betraf das Mittelfeld. Ashimeru, Quintilla, Sierro und Kutesa – da haben alle die Erwartungen erfüllt oder ihre grossen Möglichkeiten zumindest angedeutet. Den andern, es waren vor allem Verteidiger (Mosevich, Vilotic) und Stürmer (Manneh und Bakayoko), fehlten regelmässige Einsätze oder sie kamen wie Kchouk oder Nuhu noch gar nicht zum Einsatz.

Was zu denken gibt, sind die vielen Leihspieler, die eine langfristige Planung verunmöglichen. Vielleicht aber entwickelt sich das, was sich vergangenen Sommer bewährt hat, zu einem kostengünstigen Modell. Sutter und Zeidler scheinen noch schlummernde oder verkannte Talente richtig einschätzen zu können. Sie müssen ja nicht so alt werden wie Barnetta.

Nie richtig eingebrochen

Spass beiseite. Insgesamt hat St.Gallen bisher erreicht, was aufgrund des missglückten Saisonschlusses 2018 höchstens erhofft, aber nicht unbedingt erwartet werden durfte. Und wenn es in gleichem Stil weiter geht, bei etwas mehr Stabilität in den Heimspielen, darf die erste von drei geplanten Saisons mit dem neuen Trainer als erfolgreich bezeichnet werden. Bei allen, auch Absenzen bedingten Schwankungen hat die Mannschaft doch eine Konstanz gezeigt: Sie ist unter dem Strich nie in einem Spiel vollständig eingebrochen, nicht einmal gegen die Young Boys, und sie hat dem Gegner oft Kopfzerbrechen bereitet.

Gegen Sion (2:4) war der Spielverlauf unglücklich so wie er gegen Thun oder bei der Wende gegen die Grasshoppers etwas glücklich ausfiel. Die schwächste Partie blieb jene gegen Luzern, als St.Gallen nicht reagieren konnte, die aber (Pfostenschuss von Cedric Itten) auch in eine andere Richtung hätte gehen können. Die besten Leistungen gelangen in Basel, bei der Wende in Neuenburg und dann halt doch in der ersten Halbzeit gegen Thun und in der zweiten gegen die Grasshoppers.

Der FC Basel kommt wie an der Olma

Nun ist das Heimspiel gegen Basel lanciert, der FC St.Gallen im Stimmungshoch gegen den ehemaligen Serienmeister mit Marcel Koller im Tief, um nicht zu sagen in der Krise. Eine solche Ausgangslage im vorgezogenen Olma-Match hat es schon lange nicht mehr gegeben. Die Affiche müsste eigentlich einen Zuschauersog in die schliesslich gut gefüllte Arena auslösen. Schon wegen Barnetta. Zeidler ist mit ihm ein ähnlicher Überraschungscoup gelungen wie gegen Thun mit dem zweifachen Torschützen Stjepan Kukuruzovic.

Barnetta dürfte nun im Gegensatz zum zu Lausanne abgewanderten Kukuruzovic weiterhin eine Chance erhalten. Die Frage ist: Spielt er gegen Basel von Beginn oder hält ihn Zeidler wieder als Joker in der Hinterhand? Oder war der grosse Auftritt von Barnetta nur das letzte Aufflackern eines erlöschenden Vulkans, wie mir ein Kollege in düsterer Ahnung weismachen wollte?

Noch ist beim FC St.Gallen nicht alles geklärt. Aber Fragezeichen werden immer mehr zu Ausrufezeichen.

Aufgefallen

Das Fernsehprogramm von Swisscom mit Teleclub kann inzwischen vollumfänglich auch im Ausland empfangen werden, allerdings erst dann, wenn die Sendung oder der Match beendet ist. Immerhin: Das ermöglichte mir erstmals, den FC St.Gallen auch in den Ferien in Italien vollumfänglich zu beobachten. Meine Optik war somit eine andere, nämlich jene von der Haupttribüne, und mir fiel auf, wie sehr sich die Reihen auf der Gegentribüne im Laufe der Jahre gelichtet haben.

Wenn es so weiter geht, kann bald das grün-weisse FCSG-Signet auf den Stühlen erkannt werden. Besser besetzt als auch schon ist hingegen der Block hinter dem Tor neben dem Gästesektor (ob dort viele ehemalige Abonnenten Einzeltickets lösen?) und natürlich der Espenblock, wo immer noch unglaubliche Dichte herrscht. Ja, es darf anderswo ein Bisschen mehr sein, wie die Choreographie zu Beginn des GC-Spiels suggerierte.

Ebenso verblüffte die Darstellung des Mafia-Bosses, der einen Stumpen raucht, die Glut entzündet durch ein Pyrofeuer. Genau in diesem Spannungsfeld bewegen sich die Protagonisten des Fanblocks, zwischen Faszination und Ärgernis – in diesem Fall war die Rauchentwicklung als «Quantité négligeable» zu betrachten, wie sich der frankofone Peter Zeidler vielleicht ausdrücken würde. (th)