Gegentribüne: 16 Freunde müsst ihr beim FCSG sein 

13 Abgänge, 11 neue Spieler – noch selten hat eine Mannschaft des FC St.Gallen ihr Gesicht in so kurzer Zeit so stark verändert. Nun steht das Kader, den Trainer Peter Zeidler wollte. Nun heisst es: Vogel friss oder stirb.

Fredi Kurth
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Das Kader steht, die Mannschaft noch nicht. (Bild: Keystone)

Das Kader steht, die Mannschaft noch nicht. (Bild: Keystone)

Als in Neuenburg der Schiedsrichter zur Halbzeit pfiff, dachte ich mir: «Wenn das nur gut kommt mit dieser Mannschaft und diesem halbbatzigen Vorwärtsdrang.» Am Ende winkte St.Gallen auf Platz zwei der Tabelle. Das sagt einiges aus über das aktuelle Erscheinungsbild sowohl der Espen als auch der Liga, die sich hinter den entflogenen Young Boys noch ausgeglichener präsentiert als bisher.

FC-St.Gallen-Viertelstunde

Es war ein Spiel, in dem St.Gallen dem Gegner in der 13. Minute schon die fünfte Torchance zuliess. In dem es dort anknüpfte, wo es gegen Luzern aufgehört hatte, dann aber allmählich den Schock überwand und selber die Initiative ergriff. 8:8 (6:3) lautete am Schluss meine Torchancenstatistik. Das heisst, Xamax kam einmal in Führung, gerade noch zu drei gefährlichen Abschlüssen, den Phantompenalty miteingerechnet. Im Umkehrschluss war St.Gallen sehr effizient mit drei Toren aus fünf Chancen. Jetzt müsste es nur noch seine schon gegen Thun und Luzern gezeigte Spezial-Viertelstunde abwenden.

Dereck Kutesa: Note 4,5. Bringt nach seiner Einwechslung auf der linken Seite neuen Schwung. Läuft sich vor dem 3:2 stark in Position.
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Nicolas Lüchinger: Note 3. Oft einen Schritt zu spät in der Defensive. Nach vorne mit Willen, aber wenig Genauigkeit.
kekuta Manneh: Note 4. Bringt über links weit mehr Dampf als Tafer zuletzt. In seinen Aktionen aber zuweilen etwas zu umständlich.
Leonel Mosevich: Note 4. Bei seinem ersten Spiel mit Anlaufschwierigkeiten, kommt dann immer besser ins Spiel. Solid.
Jordi Quintilla: Note 4,5. Sehr abgeklärt und ruhig bei seinem Tor. Im Aufbau mit Ideen, arbeitet auch defensiv viel.
Vincent Sierro: Note 4,5. In der ersten Hälfte der stärkste St.Galler. Technisch überragend, mit Übersicht. Baut am Ende etwas ab.
Yannis Tafer: Note 3,5. Kommt für die letzte Viertelstunde – findet dabei aber nicht ins Spiel. Keine nennenswerte Aktion.
Andreas Wittwer: Note 3,5. Unscheinbar, in der Defensive aber meist präsent. Nach vorne erwartet man von ihm mehr.
Dejan Stojanovic: Note 4. Bei den Gegentoren ohne Chance. Sonst nicht oft geprüft. Behilft sich zu oft mit hohen Abschlägen.
Majeed Ashimeru: Note 4,5. Taucht erst in der zweiten Halbzeit auf. Dann jedoch einmal mehr ein Aktivposten mit viel Übersicht und auch defensiven Stärken.
Roman Buess: Note 4. Mannschaftsdienlich, kämpft leidenschaftlich und legt öfters gut ab. Zu Beginn wenig ballsicher. Ohne nennenswerte Torchance.
Silvan Hefti: Note 4,5. Beim Gegentor nicht auf der Höhe – danach aber äusserst stabil, mit sehr abgeklärtem und kreativem Spiel im Aufbau.
Cedric Itten: Note 5. Sein Assist vor dem Siegestor ist grosse Klasse. Trifft zum 2:1. Vergibt in der ersten Hälfte aber zweimal in aussichtsreicher Position.

Dereck Kutesa: Note 4,5. Bringt nach seiner Einwechslung auf der linken Seite neuen Schwung. Läuft sich vor dem 3:2 stark in Position.

Sturm und Drang statt Routine

Sportchef Alain Sutter hatte angedeutet, dass der Ablösungsprozess mit unerfahrenen, wenig bekannten Spielern risikobehaftet sei. Viel Routine, aber wahrscheinlich auch einiges an Budgetbelastung hat der FC St.Gallen abgegeben: Sigurjonsson, Toko, Aleksic, Kukuruzovic, Aratore, dazu Wiss und Barnetta auf der Bank oder Tribüne. Bei fast allen Abgängern hiess es, man hätte sie gerne behalten. Doch ihnen wurde nicht die Gage offeriert, die sie wollten, oder sie wollten trotz Vertrag weg ins Ausland. Einige von ihnen erkannten auch, dass sie nicht mehr erste Wahl waren, weil sie nicht so ganz ins Zeidlers System von Tempofussball passten.

Quintilla – the Leader of the Pack

Frische, freche und filigrane Fussballer wollte Zeidler. Er hat sie gefunden, wo andere nicht unbedingt suchen, Talente, die sich noch nicht durchgesetzt haben. Für die nun gilt: Vogel friss oder stirb. Es mag an dieser Jugend liegen, dass die Mannschaft noch so flatterhaft auftritt.  Aber auch innerhalb dieser jungen Garde gibt es Unterschiede: Jordi Quintillà, 24-jährig, neben Cedric Itten mit einem Tor und dem entscheidenden Steilpass zum Siegtreffer Matchwinner in Neuenburg, hat schon viel Spürsinn für die Spielentwicklung, ist der Leader des jungen Packs. Ein interessanter Mann ist auch Dereck Kutesa. Basel hat den Westschweizer definitiv abgetreten. Er scheint mir von der Klasse her nicht weit von Dimitri Oberlin, einem ähnlichen Typen, entfernt zu sein. Sein «Nachteil» vielleicht: Er ist mit seiner Rasanz prädestiniert für Joker-Einsätze.

Aber personell ist ja alles im Fluss. Jetzt steht das Kader, aber noch nicht die Mannschaft. Dachten wir doch, deutliche Konturen einer Stammformation entdeckt zu haben. Da verzichtet Zeidler in der Startelf auf die bisher bevorzugten Vilotic, Ben Khalifa und Tafer.

16 Freunde müsst ihr sein

Dennoch brachte Zeidler diese «Elf» vergangene Woche ins Gespräch, bei den Ehemaligen des FC St.Gallen. «Elf Freunde müsst ihr sein», zitierte er das Jugendbuch von Sammy Drechsel aus dem Jahr 1955. Er appelliert damit an den Teamgeist seiner Leute, der für ihn extrem wichtig ist. Nur das mit den elf Spielern funktioniert nicht mehr. 16 müssten es schon sein. Zeidler lobte diesbezüglich Tranquillo Barnetta für dessen sehr kollegiale Einstellung. «Da knallte ihm im Training ein frustrierter Spieler den Ball unabsichtlich aus kurzer Distanz an den Kopf. Ein anderer Star hätte daraus eine Affäre gemacht. Er wand sich kurz und sagte dann: ‚Ist schon gut‘. Das nenne ich Spielerpersönlichkeit.» Zeidler lobte auch Alain Wiss für seine Leistungen im Training und bemerkte: «Ich könnte ihn jederzeit bringen.» Natürlich wurde Zeidler unter dem Eindruck der Niederlage gegen Luzern von den ehemaligen Weisen kräftig in die Mangel genommen, doch der ehemalige Mittelschullehrer für Turnen und Französisch verteidigte sich souverän und charmant.

Das Tor steht in der Mitte

Auf die Frage, weshalb seine Spieler so oft durch die Mitte drängen, antwortete er: «Da sei schon auch Absicht dabei. Das Tor steht schliesslich in der Mitte.» Da war er wieder dieser Satz, den ich erstmals irgendwann in den 1970-er-Jahren erstmals gehört hatte. Als St.Gallen überraschend in Basel punktete, erlaubte mich mir als junger Journi FCB-Trainer Helmut Benthaus sanft auf mangelndes Flügelspiel aufmerksam zu machen. Ich hatte nicht gedacht, einen so gesetzten Herrn damit in Rage zu bringen. «Flügelspiel! Flügelspiel! Ihr mit eurem Flügelspiel. Das Tor steht doch in der Mitte», entfuhr es ihm. Na ja, es war die Zeit des Doppelpasses. Gerd Müller – Franz Beckenbauer – Gerd Müller – Tor.

Ruhe im Kybunpark

Am Treffen der Ehemaligen plaudern die Gäste gerne ein wenig aus der Schule. Zeidler hielt sich zurück. Immerhin: Die von den Medien genannten Transfersummen für Marco Aratore und Stjepan Kukuruzovic seien nicht zutreffend gewesen. Es seien weniger Batzen geflossen. Viel weniger kann es allerdings nicht gewesen sein... St. Gallen ist trotz Rang zwei immer noch eine kleine Nummer im Fussball. Aber Rang zwei erlaubt allen Werktätigen im Kybunpark wenigstens ruhigeres Schaffen in den drei Wochen bis zur nächsten Meisterschaftsrunde.

Aufgefallen

Der Goodwill der Anhänger des FC St.Gallen hat sich wieder auf das frühere Mass verringert, das heisst auf jenes, wie es vor einem Jahr in der kurzen Ära Hernandez bestanden hat. Zumindest, wenn man die Zuschauerzahlen zum Mass nimmt. Zufällig hiess im ersten Heimspiel der Gegner beide Male Sion. Diesen Sommer kamen mit 11'262 Fans sogar genau 500 weniger Fans in die Arena, gegen Thun waren es 11'272 (Vorjahr 11'933) und gegen Luzern mit 12'076 ein paar mehr als im vergleichbaren Match vor einem Jahr (11'815). Im Frühjahr allerdings, als der FC St.Gallen in den letzten zehn Spielen neun verlor, erlebte St. Gallen einen enormen Boom, zurückzuführen auf die Aufbruchstimmung durch die neue Leitung mit Matthias Hüppi und Alain Sutter und die spannende Ausgangslage um Rang 3: Grasshoppers 14'078 Fans, Young Boys 17'572, Thun 11'047, Basel 15'594, Luzern 14'026 und gegen Absteiger Lausanne 14'397. Der Misserfolg auf dem Rasen hat wahrscheinlich entscheidend dazu beigetragen, dass der angestrebte Abonnementverkauf von 10'000 Dauerkarten bei weitem verfehlt wurde. Die Zahlen im Frühjahr beweisen aber auch: Die Fussballfreunde in der Ostschweiz wären immer noch für den Besuch im Kybunpark zu begeistern, wenn...

Leonid Slutski, der Trainer von Vitesse Arnhem, hatte in den Begegnungen mit dem FC Basel das Talent von Albian Ajeti rasch und wesentlich rascher als Nationalcoach Vladimir Petkovic richtig eingeschätzt: „Er ist einer der talentiertesten jungen Stürmer in Europa.“ Die Bemerkung zwingt einen nochmals auf den aussergewöhnlichen Werdegang des Basler Eigengewächses zurückzukommen. Am Rheinknie verkannt und für eine Million Euro nach Augsburg transferiert, hatte für Ajeti auch der Bundesliga-Verein nicht einmal in seiner zweiten Mannschaft Verwendung. Die Fortsetzung kennen wir: Der zweikampf- und abschlussgewandte Stürmer schlug in St.Gallen sofort ein, eine Million war der Klubführung nicht zu viel, worauf man in Basel wieder hellhörig wurde. Einen Transfergewinn soll es für St. Gallen gegeben haben. Nun ist nicht auszuschliessen, dass die Basler wieder Millionen scheffeln werden, sollte Albian Ajeti der Einschätzung Slutzkis gerecht werden, und zu hoffen, dass sich die St. Galler auf ganz baslerische Art noch einen fetten Prozentanteil bei Wiederverkauf gesichert haben... (th)

St.Galler Dominanz auf dünnem Eis

Mit einem hart erarbeiteten 3:2-Sieg in Neuenburg hievt sich der FC St.Gallen auf den zweiten Platz. Die Ostschweizer machen vieles richtig – zeigen aber zu Beginn haarsträubende Schwächen in der Defensive.
Ralf Streule, Neuenburg