Geflügelpest

«Wie die Vogelgrippe 2016, aber ohne Gefahr für den Menschen»: Die Tierseuche hält Kurs auf die Ostschweiz

Seit in dieser Woche der erste Fall von Geflügelpest im Bodenseeraum festgestellt wurde, ist es eine Frage der Zeit, bis die Seuche die Ostschweiz erreicht. Was das für die Vogelbestände, Geflügelproduzenten und Konsumenten bedeutet.

Viola Priss
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Mit den Zugvögeln aus dem Norden Europas flog auch die Grippe ein.

Mit den Zugvögeln aus dem Norden Europas flog auch die Grippe ein.

Bild: Regina Kuehne / KEYSTONE

Die Meldung eines verendeten Schwanes am Bodensee kündigte sie am Montag an: Die Vogelgrippe kommt näher. Auch der Bund warnt in einer Medienmitteilung vom Dienstagabend:

«Die Wahrscheinlichkeit, dass die Vogelgrippe auch in die Schweiz kommt, ist hoch.»

Diesmal betrifft sie insbesondere Wasservögel wie Gänse, Enten und Möwen. Denn die aviäre Influenza, wie die umgangssprachlich genannte Vogelgrippe im Fachjargon heisst, ist eine virale Infektionskrankheit, die ihren natürlichen Wirt im wilden Wasservogel hat.

Diesmal kam das Virus aus dem Norden

Albert Fritsche, Kantonstierarzt St.Gallen

Albert Fritsche, Kantonstierarzt St.Gallen

Bild: Ralph Ribi

Seit Ende Oktober haben die Fälle von Vogelgrippe bei wildlebenden Wasservögeln im Norden Europas stark zugenommen, wie Albert Fritsche, Leiter des St.Galler Veterinärdienstes, erklärt. Anfang November sind dort auch erste Fälle in Geflügelbetrieben aufgetreten. Wie jedes Jahr, wenn die Temperaturen in Sibirien, Finnland und Schweden in den zweistelligen Minusbereich sinken, treten die Zugvögel ihren Weg in den milderen Westen und Süden Europas an:

«Wie letztmals im Winter 16/17 haben sie wiederum das hochinfektiöse Vogelgrippevirus so an den Bodensee gebracht.»

Wem nun die Schreckensbilder von 2016/2017 in den Sinn kommen, von flächendeckenden Nottötungen ganzer Geflügelbetriebe, von monatelanger Angst vor Federtier und vom Meiden aller Geflügelprodukte, der sei vorerst entwarnt. Zwar sei davon auszugehen, dass es sich beim aktuellen Vogelgrippe-Subtyp um H5 und damit höchstwahrscheinlich um den gleichen wie 2016/17 handele, ergänzt der Thurgauer Amtskollege Robert Hess. Die abschliessende Typisierung stehe aber noch aus und eine sogenannte Zoonose, also eine von Wirbeltieren auf den Menschen übertragbare Krankheit, könne derzeit ausgeschlossen werden:

Robert Hess, Leiter des Veterinäramts Thurgau

Robert Hess, Leiter des Veterinäramts Thurgau

Bild: PD
«Nach dem jetzigen Kenntnisstand ist nicht davon auszugehen, dass die im Raum Konstanz aufgetretene Form der Vogelgrippe auf den Menschen übertragbar ist.»

Ob das Bodenseeufer und andere Gewässer nun zu einem Friedhof für Schwäne, Möwen und Enten werden? Auch damit rechnen die Veterinärdienste St.Gallen und Thurgau derzeit nicht. Nichtsdestotrotz rufen sowohl Hess als auch Fritsche im Namen der Veterinärämter St.Gallen und Thurgau zur Meldung toter oder kranker Wildvögel auf. Wie generell bei toten Wildtieren solle aber direkter Kontakt unbedingt vermieden werden.

Fütterung im Schutzanzug

Für Geflügelbauer, aber auch Privatpersonen mit Hühnern im eigenen Garten, gilt seit Dezember: Gefüttert werden darf nur in einem für Wildvögel nicht zugänglichen Geflügelstall. Dies auch nur unter strikter Einhaltung der Biosicherheitsmassnahmen. Das heisst, vor dem Betreten der Stallungen müssen die Schuhe gewechselt, ein Überkleid angelegt und die Hände desinfiziert werden. Ob nun alles, was fliegen kann, eingesperrt werden müsse? «Die Freilandhaltung und der Weideauslauf sind weiterhin möglich, in einem geschützten und auf Löcher überprüften Aussenbereich», so Robert Hess.

Ab jetzt kein Gänsebraten?

Auf Geflügelfleisch sowie Geflügelprodukte müssen Ostschweizer wegen der Grippe nicht verzichten, sagt Hess:

«Erkrankte Tiere gelangen nicht in die Lebensmittelkette.»

Bisher sind keine Fälle infizierter Tiere im Kanton St.Gallen, Thurgau oder Appenzell aufgetreten, sagen die Ämter aller drei Kantone. Doch ein einziges Tier in einem Betrieb hätte weitreichende Folgen: Die Tierseuchengesetzgebung sieht in einem solchen Fall vor, dass alle für die betreffende Seuche empfänglichen Tiere des Bestandes unverzüglich getötet und fachgerecht entsorgt werden: «Um dies zu verhindern, ist es entscheidend, dass die erforderlichen Biosicherheitsmassnahmen von den Geflügelhaltern eingehalten werden», appelliert Hess.