Gedankenstrich-Kolumne
Toni Brunner: Eine Woche Terrasse zeigt mir – die Menschen wollen wieder leben

Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass in unserem Land der Staat diktiert, dass man sein Geschäft schliessen muss, auch wenn man nichts verbrochen hat. Das gab es nicht einmal während der zwei Weltkriege.

Toni Brunner
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Toni Brunner, Tagblatt-Kolumnist.

Toni Brunner, Tagblatt-Kolumnist.

Bild: Michel Canonica

Die Terrassen der Restaurants sind seit einer Woche wieder geöffnet. Es ist ein erster kleiner Schritt zurück zur Normalität. Der Bundesrat hat gemerkt, dass man eine ganze Branche nicht ewig hinhalten kann, sonst gibt es Kollateralschäden.

Ganz freiwillig hat unsere Landesregierung diesen Schritt nicht gemacht. Zum einen hat die grösste Partei der Schweiz – die SVP – Druck gemacht, und zum anderen wurde es in der Bevölkerung zunehmend unruhiger. Da und dort eine Demonstration, wachsendes Unverständnis, immer mehr heimliche Partys und immer mehr psychische Probleme Vereinsamter.

Als selbstständiger Unternehmer, der einen kleinen Landgasthof in den Schweizer Bergen betreibt, war der Eingriff drastisch. Der Staat hat mir von einem Tag auf den anderen verboten zu geschäften. Sämtliche Restaurants, Gasthöfe und überdies auch viele andere Betriebe aus unterschiedlichsten Branchen wurden noch vor Weihnachten 2020 zwangsgeschlossen. Kulturelle Veranstaltungen verunmöglicht, Amateurvereine durften nicht mehr trainieren, Chöre und Musikgesellschaften nicht mehr proben, der Profisport keine Zuschauer mehr reinlassen und, und, und … Viele Einschränkungen dauern an.

Ich wähnte mich in den letzten Monaten mehr als einmal im falschen Film. Wie konnte es nur so weit kommen? Im letzten Herbst, als die Corona-Ansteckungen massiv angestiegen waren und der Bundesrat sich gezwungen sah, irgendetwas zu tun, da hatte er sich für die Schliessung sämtlicher Restaurants entschieden. Der Eingriff – auch in andere Branchen – war massiv. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass in unserem Land der Staat diktiert, dass man sein Geschäft schliessen muss, auch wenn man nichts verbrochen hat. Das gab es nicht einmal während der zwei Weltkriege.

Ich habe geglaubt, wenn man sich an alle strengen Vorgaben hält, sämtliche Auflagen umsetzt, dass man dann in Ruhe gelassen wird. Weit gefehlt. Um Kontakte zu vermeiden, hat man die Gastronomie als potenziellen Sündenbock ausgemacht. Zwar ohne wissenschaftliche Beweise, aber immerhin. Genauso gut hätte man den öffentlichen Verkehr stilllegen können oder die Grenzen schliessen. Das hat man aber nie.

Der Preis für das Erlebte wird hoch sein. Selbst wenn einige Ansteckungen vermieden werden konnten, man hat neue Probleme geschaffen. Ich wage nicht, daran zu denken, wie viele Milliarden Schweizer Franken an neuen Schulden angehäuft wurden. Denn, es ist klar: Wer so mit seinem Mittelstand umgeht, der ist in der Verantwortung. Da nützt es auch nicht viel, wenn unsere letztjährige Bundespräsidentin sagt: Wir schauen euch, wir helfen euch. Am Schluss müssen wir uns selbst schauen. Der Bundesrat wird die Schulden nicht selber begleichen. Anträge für höhere Steuern wurden im Bundeshaus bereits eingebracht.

Und jetzt also die Öffnung der Terrassen. Der Bundesrat zeigt sich gnädig, grosszügig und wir sollten Freude zeigen. Herrscht Freude?

Eine Woche Terrasse zeigt mir: Die Menschen wollen wieder raus, sie wollen sich wieder sehen, wieder leben. Und die letzte Woche hat mir auch gezeigt: Wir Ostschweizer sind hart im Nehmen. Ob hartnäckige Bise oder Regen, der Terrassenbesucher trotzt auch widrigen Bedingungen. Lässt man uns nicht rein, bleiben wir halt draussen. So auch letzten Donnerstag. Vier Stunden Dauerregen am Wintersberg, unsere Gäste schon dick in Schweizer Armeewolldecken eingepackt, zügelten anstandslos ihren Platz unter das provisorische Zeltdach, um matschige Pommes frites zu vermeiden. Dann das Wochenende, schönstes Terrassenwetter. Dem Herrgott sei Dank, ein erstes Stück Freiheit ist zurück.

Die Terrassen sind jetzt offen. Der nächste Schritt muss folgen. Wer die Regeln einhält, soll wieder ganz normal geschäften dürfen. Kehren wir zurück zur Normalität. Zurück in den Kybunpark, ins Rheinpark-Stadion, ins Sittertobel oder auf die Schwägalp.

Niemand muss, aber alle sollen dürfen.

Toni Brunner, der ehemalige Präsident der SVP Schweiz, ist Gastwirt und Bergbauer im Toggenburg. Er schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Ulrike Landfester, Samantha Wanjiru und Walter Hugentobler.