Gedankenstrich-Kolumne
Walter Hugentobler: «Willkommen im Land der Heldinnen und Helden!»

Die Schweiz feiert gerade ihre Fussballer, die das direkte Ticket an die WM gelöst haben. Und was ist mit dem Pflegepersonal?

Walter Hugentobler
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Walter Hugentobler, «Tagblatt»-Kolumnist.

Walter Hugentobler, «Tagblatt»-Kolumnist.

Bild: Arthur Gamsa

Wer sind denn unsere Helden? Früher war das ja noch einfach. Man wusste von Menschen, die eine besondere, ausseralltägliche Leistung vollbracht haben. Da gab es den Wilhelm Tell, der mit seinem Geschoss Gessler aus der Weltgeschichte weggespickt hat. Oder den Arnold von Winkelried: «Sorget für mein Weib und meine Kinder» – die Lanzen gepackt und tot war er! Und die Bresche geschlagen, die Habsburger gebodigt, Sempach gewonnen. Oder etwas internationaler, zum Beispiel Odysseus. Held schon mit dem hölzernen Pferd im Krieg gegen Troja. Dann auf der Heimreise, irrfahrend von Heldentat zu Heldentat, zehn Jahre lang! Wir kennen sie, die alten Heroen!

Und heute? Das war ja ein unglaubliches Spiel! Schweiz gegen Bulgarien (als Held des Geografieunterrichts können Sie mir bestimmt die Nachbarländer aufzählen). Ich bin bekennender Fussball-Laie – und trotzdem. Die haben gespielt, wie es sich die Fussballgötter im Fussballverbandsolymp und in Schweizer Stuben nicht mal erträumt hatten! Unglaublich. Gerne schaue ich normalerweise Spiele an Europa- oder Weltmeisterschaften. Begeistert bin ich, wenn Spitzenmannschaften aufeinandertreffen oder auch wenn die Schweiz irgendwie dann auch mitkügelt.

Letzten Montag hatte ich noch zu arbeiten und die erste Halbzeit gegen Bulgarien lief parallel dazu, im Hintergrund auf dem Bildschirm. Da musste ich ab und zu hinschauen, weil der Kommentator lauter wurde, und das war doch häufig, auffällig häufiger als sonst der Fall. Aus Erfahrung erwartete ich aber: ja, ja, ist wie immer, die rennen und versuchen und am Ende wird es nichts. Meine grosse Befürchtung war, dass sie dann in der zweiten Halbzeit erschöpft sind und das Unvermeidliche geschehen wird. Und dann das!

Sechs Tore! Zwei davon aberkannt, dazu noch Pfostenschüsse und dann der Schlusspfiff. Unglaublich, wahnsinnig: Das direkte Flugticket nach Katar war gewonnen. Das sind unsere Helden!

Danach Diskussionen, ob denn erfolgreiche Fussballer überhaupt an diese umstrittene WM in dieses autokratische Land mit all diesen Vorbelastungen reisen sollten oder dürfen. Wie gesagt, ich bin bekennender Fussball-Laie. Und frage mich, ob denn diese Diskussion nicht auf einer anderen Ebene stattfinden müsste oder hätte stattfinden müssen und dort diese Entscheide gefällt werden müssten. Die Fussballer machen nur ihren – zugegebenermassen exorbitant gut bezahlten – Job, politische Entscheide liegen nicht in ihrer Verantwortung. Das wäre ein anderes Thema.

Und vor einem Jahr? Wer waren damals unsere Heldinnen und Helden? Ich sehe noch die bunten Balkonbilder, ich höre noch den quartierweiten Applaus, das dankbare Klatschen. Unisono Anerkennung gegenüber dem Pflegepersonal! An einstimmende Trychler kann ich mich zwar nicht erinnern, obwohl es ihnen gut angestanden hätte, in die lautstarken Dankbarkeitsbezeugungen miteinzustimmen. Politikerinnen und Politiker hüben und drüben haben das übernommen und die Situation genutzt. Über fein säuberlich geschminkte Lippen und aus angegrauten politischen Bärten flossen Lobgesänge auf das Pflegepersonal! Es war gerade en vogue und stimmengenerierend. Wählerinnen- und Wählerstimmen heischend. Und heute stehen wir vor der Abstimmung über die Pflege-Initiative. Diese Diskussion findet auf der richtigen, auf der politischen Ebene statt. Denn das Pflegepersonal macht nur seinen – zugegebenermassen schlecht bezahlten – Job, politische Entscheide liegen nicht in seiner Verantwortung. Aber in unserer. Nach Lippenbekenntnissen können jetzt Taten folgen. Und hoppla: Plötzlich könnten wir alle zu stillen Heldinnen und Helden werden, könnten wir alle heroisch dastehen, indem wir denjenigen, die es verdienen, das geben, was ihnen zusteht!

Dazu braucht es keine Armbrust, es braucht keine Lanze, keine List, keinen Ballzirkus oder Dribbelzauber. Es braucht nicht einmal besonders Mut. Es braucht nur den Willen, den Worten Taten folgen zu lassen. Willkommen im Land der Heldinnen und Helden!

Walter Hugentobler ist Thurgauer SP-Urgestein und Direktor des Klosters Fischingen. Er schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Ulrike Landfester und Samantha Wanjiru.

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