Gedankenstrich-Kolumne
Walter Hugentobler: Weshalb ich stolz darauf bin, dass mich einige Menschen nicht normal finden

Eine Frage, die man sich in der heutigen Situation getrost stellen darf: Was ist normal, und was nicht? Ich bin überzeugt, dass ganz viele sagen werden: Heute ist ja überhaupt nichts mehr normal! Und ebenso überzeugt bin ich davon, dass ganz viele sagen werden: Ich bin bald der letzte normale Mensch auf dieser Welt.

Walter Hugentobler
Drucken
Teilen
Walter Hugentobler, Tagblatt-Kolumnist.

Walter Hugentobler, Tagblatt-Kolumnist.

Bild: Arthur Gamsa

Jeder hat von sich das Gefühl, dass er normal sei. Das ist wie beim gesunden Menschenverstand, jeder ist der Überzeugung, er habe ihn. Ist ja auch verständlich, alle haben ja nur ihren eigenen Verstand und der muss ja richtig sein, ich hab ja nur den einen. Glücklich wären wir, wenn wirklich alle einen hätten.

Als ich vor vielen Jahren das erste Mal ans Nordkap kam, war wunderbares Wetter. Blauer Himmel, kein Wölklein, strahlender Sonnenschein. Fasziniert konnte ich, zusammen mit Dutzenden anderen Beobachtenden, bestaunen, wie die Sonne sank, wie sie das Meer küsste, um dann – ohne zu versinken – wieder aufzusteigen. Mitternachtssonne, wunderschön! Und für mich war das der Eindruck von Normalität: so ist das hier am Nordkap, ich habe es ja so erlebt und selber beobachtet. Bestärkt wurde ich darin von den unzähligen Postkarten, Fotobildbänden, Postern und Plakaten, die man am Kiosk kaufen konnte. Sie alle vermittelten genau dieses Bild von der «Normalität» an diesem Ort: faszinierend, bildschön, blitzblau!

Dummerweise bin ich dann noch einen Tag und eine Nacht geblieben. Vierundzwanzig Stunden später ein ganz anderes Bild: neblig, grau, die Sonne durch den Nieselregen nur erahnbar, keine Faszination, kein Leuchten, unspektakulär. Und die Touristen, die in Dutzenden von Reisebussen nur für die Mitternachtssonne hergekarrt wurden, waren enttäuscht. Sie konnten zwar die Postkarten kaufen, die Realität aber, die sie selber erlebten, war eine ganz andere. Und was ist jetzt normal? Wie sieht die Normalität am Nordkap aus? Das Fazit: Sie ist für jeden anders, nämlich für jeden genau so, wie er oder sie sie selber erlebt und erfahren hat.

Normal ist also etwas, was wir selber erleben, erfahren, beobachten, sehen. Darum glauben auch viele von sich, sie seien normal. Weil wir uns selber am meisten erleben, weil wir mit uns selber von früh bis spät zusammen sind, weil wir uns selber am Besten kennen und von uns und unserer Lebens- und Denkweise überzeugt sind.

Die Vorstellung von Normen und Normalität entwickelt und verändert sich in uns, in unseren Familien, in unseren Lebensgemeinschaften, in unseren Vereinen und in unserer Gesellschaft. Sie dient dazu, uns und unsere Gruppen zu definieren und uns auch abzugrenzen. Das ist ja an und für sich nicht verwerflich. Wenn aber aus der Abgrenzung eine Ausgrenzung geschieht, wird es schwierig. Auch dann, wenn uns nicht bewusst ist, dass die Realität manchmal die Normalität verändert und wir sie immer neu definieren müssen.

Wir alle kennen Menschen, von denen wir sagen: die sind doch kein Gramm normal! Und trotzdem – oder gerade deshalb? – mögen wir sie. Das zeigt, dass wir durchaus fähig sind, Andersartige zu respektieren, sie als Gewinn und Bereicherung zu erkennen und ihnen mit Toleranz zu begegnen. Vincent van Gogh meinte:» Die Normalität ist eine gepflasterte Strasse; man kann gut darauf gehen – doch es wachsen keine Blumen auf ihr.» Das Abweichen von Normalitäten macht unser Leben in den verschiedensten Bereichen farbig und blühend, wenn wir die Grösse haben, dies zu respektieren und tolerieren.

In unserer Gesellschaft legen wir immer wieder gemeinsame Normen fest. Wir haben sogar die Möglichkeit, darüber abzustimmen, wie unsere Normalität aussehen soll. So auch am Sonntag. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, kenne ich die Resultate noch nicht, ich bin gespannt, wie wir in den vorgelegten Fragestellungen unsere künftige Normalität definieren.
Es gibt sicher Menschen, die mich nicht normal finden. Darauf bin ich sogar ein bisschen stolz. So wie alle, die eben nicht stets und überall der Norm angepasst sind, stolz darauf sein können! Denn, wie hat schon Bernard Shaw gesagt: «Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute. Seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben».

Walter Hugentobler ist Thurgauer SP-Urgestein und Direktor des Klosters Fischingen. Er schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Ulrike Landfester und Samantha Wanjiru.

Aktuelle Nachrichten