Gedankenstrich-Kolumne
Walter Hugentobler: Heisst es «die Rösti» oder «der Rösti»?

Rohe oder gekochte Kartoffeln? Mit oder ohne Speck? Das sind entscheidende Fragen. Ob es «die Rösti» oder «der Rösti» heisst, dürfte die Kartoffelspeise dagegen kaum interessieren. Für Herrn Rösti dagegen dürfte es wichtig sein, dem richtigen Geschlecht zugeordnet zu werden.

Walter Hugentobler
Drucken
Teilen
Walter Hugentobler, Tagblatt-Kolumnist.

Walter Hugentobler, Tagblatt-Kolumnist.

Bild: Arthur Gamsa

Zugegeben, dem Substantiv dürfte es ziemlich egal sein, durch welchen Artikel es angeführt wird. Ihm ist wichtig, dass es eine Bedeutung hat, etwas benennen und damit zur menschlichen Kommunikation beitragen kann.

Ebenso wird es der Kartoffelspeise, unserem heimlichen Nationalgericht, nicht wichtig sein, welchem grammatikalischen Geschlecht sie zugeordnet wird. Ihr Stolz ist es, richtig zubereitet zu werden. Fragen wie «Rohe oder gekochte Kartoffeln?», «Mit oder ohne Speck?» sind für sie existenziell. Sie will goldbraun und knusprig – wie es schon Gotthelf zu schätzen wusste – dampfend auf dem Teller daherkommen.

Für den Herrn Rösti, könnte ich mir vorstellen, wird es von Bedeutung sein, dem richtigen Geschlecht zugeordnet zu werden, dem wird durch «der Rösti» Nachachtung verschafft.

Herr Rösti ist übrigens nicht der Erfinder oder der Entdecker des gleichnamigen Grabens. Was aber durchaus sein könnte, gehört er doch einer politischen Gruppierung an, die es immer wieder darauf anlegt, Gräben zu entdecken oder auch zu erfinden, auszuheben und zu festigen. Gräben zu erfinden und propagandistisch zu verwerten, Probleme zu erfinden, die es so nicht gibt. Das nenne ich eine schlaue Strategie! Über Probleme zu sprechen, sie politisch zu bewirtschaften und dann nichts zur Lösung beitragen, weil es sie ja gar nicht gibt. Perfekt! Und wenn ein altes Problem ausgedient hat oder als inexistent entlarvt wurde, erfindet man ein neues.

Das Neueste: der Stadt-Land-Graben. Und die Bösen hat man auch schon definiert! Nein, nicht die Schwinger, es sind die Städter. Es sind die Luxus-Linken und die Bevormunder-Grünen, die allen vorschreiben wollen, wie sie denken und leben sollen. Tönt süffig und wird bei den nächsten Wahlen dazu beitragen, dass solche Feindbilder erfolgreich weitergepflegt werden können.

Ich stelle mir einen Workshop dieser Gruppierung vor: Man trifft sich auf einem Acker – im Eigentum eines Teilnehmers –, hat Pickel, Spaten und Schaufel dabei (deutet auf Landbevölkerung hin) und das hehre Ziel vor Augen, weitere Gräben aufzubrechen, um unserem Land in die Zukunft zu helfen, um es vorwärtszubringen.

Hurrageschrei! Man hat einen ersten Graben gefunden: zwischen Bartträgern und Nicht-Bartträgern! Blick in die Runde: verfängt nicht! Obwohl doch gerade jetzt, tagtäglich im Fernsehen diese bärtigen Typen, da könnte man doch ... Wir alle müssten dann halt unsere Bärte stutzen! Aha, wer ihn dann dem Wilhelm Tell abhauen soll? Passt nicht.

Nächster Versuch: Gummistiefelträger gegen Sandalenträger! Da muss noch weitergearbeitet werden, Graben vertiefen! Weiterer Ansatz: Migros-Kunden gegen Coop-Kunden oder vielleicht Migros-Lieferanten gegen Coop-Lieferanten, oder gar Lidl oder Aldi: gefährliches Pflaster, nur im Notfall (bei drohendem Stimmenverlust) weiter verfolgen.

So trifft sich die Gruppe jetzt regelmässig, um konstruktiv die heimatliche Scholle mit neuen Gräben zu versehen, um sich in Zukunft darin verschanzen zu können.

Die Sache ist doch etwas gar durchsichtig, oder neudeutsch positiv: transparent. Und ich glaube daran, dass Stadt und Land fähig sind, sie zu durchschauen! Und dann unsere erfahrungsreiche Sprache – die fähig ist, «die Rösti» von «der Rösti» zu unterscheiden – Recht behält mit der Weisheit: «Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.»

Und vielleicht würde es schon ausreichen, das Wort «Graben» durch das Wort «Unterschied» zu ersetzen. Ja, es gibt Unterschiede. Unterschiede zwischen Stadt und Land, links und rechts, blau und gelb, Himmel und Erde. Gut so, ohne diese Verschiedenheiten wäre es schon ziemlich langweilig und es gäbe nicht einmal mehr seine persönliche Freiheit zu verteidigen. Geniessen und tolerieren wir die Unterschiede und nehmen sie als Bereicherung unseres Lebens wahr! Lässt sich politisch nicht so breitschlagen, macht aber glücklich!

Ich jedenfalls freue mich auf meine nächste Rösti. Gerne mit einem Zürcher Geschnetzelten. Und da bin ich mir ganz sicher, dass es «das Zürcher Geschnetzelte» heisst.

Walter Hugentobler ist Thurgauer SP-Urgestein und Direktor des Klosters Fischingen. Er schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Ulrike Landfester und Samantha Wanjiru.

Aktuelle Nachrichten