Gedankenstrich-Kolumne
Walter Hugentobler: Alex Wilson, Coronavirus, Klimawandel: Kennen Sie die Wahrheit?

Wahlbetrug oder Doping im Sport: Manche Wahrheiten bleiben wohl für immer verborgen.

Walter Hugentobler
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Walter Hugentobler, «Tagblatt»-Kolumnist.

Walter Hugentobler, «Tagblatt»-Kolumnist.

Bild: Arthur Gamsa

Es gibt Themen, bei denen uns die Wahrheit im Moment interessieren mag. War Alex Wilson vorsätzlich gedopt? Gibt es den menschengemachten Klimawandel, und wenn ja, ist er an den Unwettern und Hochwassern Schuld? Woher kommt das Coronavirus? Wer hat bei den Kantonsratswahlen in Frauenfeld gefälscht, oder bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen? Unsere Interessen an diesen und weiteren Belangen sind unterschiedlich, wir alle haben aber ein Interesse, in uns wichtigen Fragestellungen – privat oder beruflich – die Wahrheit zu erfahren.

Was ist denn die Wahrheit? Die Frage philosophisch zu erörtern, würde hier zu einer längeren Abhandlung führen.

Im Alltag bezeichnet der Begriff Wahrheit beziehungsweise das Adjektiv wahr – im Unterschied zu vielen anderen Begriffen – etwas Einfaches. Jedes Schulkind weiss, was gemeint ist, wenn von Wahrheit im Unterschied zu Lüge oder Irrtum die Rede ist. Dabei beziehen sich diese Worte meist auf sprachliche Äusserungen, und zwar unter der Leitfrage, ob es so ist, wie in der Aussage behauptet wird, ob die Aussage also stimmt. Ebenso, wie uns im Alltag der Wahrheitsbegriff geläufig ist, bedienen wir uns täglich auch des Antagonisten: der Lüge. Wir alle wurden zwar gross mit dem Sprichwort: Lügen haben kurze Beine – das Leben lehrt einem aber dann, dass es manchmal heissen müsste: Lügen haben schöne Beine.

Kein Mensch kommt ohne harmlose kleine Notlügen, ohne Schwindeln, ohne Flunkern durchs Leben, durchs tägliche Dasein.

Wie oft haben Sie schon gesagt: «Mir geht es gut», und Sie hatten gerade grosse Sorgen um Ihre Kinder, Ärger im Beruf oder Schmerzen im Kniegelenk? Wie oft schon: «Schön Dich zu sehen» – dabei waren Sie einfach nicht schnell genug, um die Strassenseite zu wechseln, oder konnten das Zusammentreffen im Supermarkt dummerweise nicht verhindern? Zu «Du siehst gut aus» muss ich nicht viel sagen, manchmal steht da ein wandelndes Verfallsdatum vor einem – aber eben: Die meisten Menschen finden Notlügen okay, wenn zu diesen aus Höflichkeit, Rücksicht, Schutz oder Liebe gegriffen wird.

In den letzten Jahren haben neue Phänomene in unserem Bewusstsein Einzug gehalten: Fake News und alternative Wahrheiten. Gelangweilte Teenager, gewiefte Abzocker und staatliche Nachrichtendienste versuchen sich an der Verbreitung möglichst klick-trächtiger Falschmeldungen, um Stimmungen und Wahlen zu beeinflussen, Produkte zu vermarkten oder Anzeigenhonorare zu kassieren. Das einzig Ehrliche an Fake News ist, dass der Name sagt, dass es sich um eine Fälschung handelt. In der Politik sind – spätestens seit dem Siegeszug von Twitterkönig Trump – alternative Wahrheiten Trumpf. Alles aber keine Erfindung der Neuzeit, alles schon da gewesen, in der Geschichtsschreibung, in der Propaganda, in der Werbung. Alternative Wahrheiten begegnen uns auch in den klassischen Sagen. Wir kennen das, können damit umgehen und es einordnen. In den Medien erscheinen hin und wieder harmlose Wandersagen, die in Büchern wie «Die Spinne in der Yucca-Palme» gesammelt sind. Sie sind deswegen harmlos, weil sie als moderne Sagen enttarnt werden, hilfreich und heilsam vielleicht, weil sie uns vor Augen führen, wie schnell und gerne wir auch den abstrusesten Blödsinn glauben.

Max Frisch lässt in «Andorra» Andri fragen: «Wie viele Wahrheiten habt ihr?» Verschiedene Wahrnehmungen oder verschiedene Interessen scheinen unterschiedliche Wahrheiten entstehen zu lassen. Und war Alex Wilson vorsätzlich gedopt? In einem Interview sagt er, die Wahrheit wisse schlussendlich nur ein Mensch, nämlich er. Und das wird auch so bleiben. So wie uns auch viele anderen Wahrheiten verborgen bleiben.

Walter Hugentobler ist Thurgauer SP-Urgestein und Direktor des Klosters Fischingen. Er schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Ulrike Landfester und Samantha Wanjiru.

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