Gedankenstrich-Kolumne
Ulrike Landfester: Ob luxuriös oder aus der Not genäht – die Maske ist ein Stückchen gelebte Ostschweizer Textilgeschichte

Erst waren sie rar, dann entstanden sie in unzähligen, kreativen Varianten, jetzt landen sie im Ausverkauf: die Masken. Im Textilland Ostschweiz hat sich in den vergangenen Monaten gezeigt, wie die Schutzfunktion von Kleidung zur Ausdrucksfunktion werden kann.

Ulrike Landfester
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Ulrike Landfester, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Ulrike Landfester, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Bild: Arthur Gamsa

«Sale! Sale! Sale!» In grossen roten Buchstaben leuchtet es mir entgegen, als ich durch das Kaufhaus schlendere. Ich mustere das Angebot und fange an zu lachen. Laut. Das kann doch nicht … Wirklich? Wirklich! Noch nie habe ich mich derart über ein Sommerschlussverkaufsangebot gefreut: Masken! Masken im Sommerschlussverkauf! Regenbogenbunt und spottbillig, und ich lache immer weiter.

Eine Verkäuferin folgt meinem Blick und fängt auch an zu lachen, ich sehe es durch ihre Maske hindurch. Eineinhalb Jahre lang habe ich jetzt Masken gekauft, benutzt, entsorgt oder gewaschen und gebügelt, auf Lippenstift verzichtet – sieht sowieso niemand – und verzweifelt versucht, auf Treppen das Gleichgewicht zu bewahren, wenn die Maske und meine Gleitsichtbrille sich wieder mal nicht vertragen wollten. Und jetzt: Masken-Ausverkauf! Raus damit, bevor sie keiner mehr braucht! «Sale! Sale! Sale!»

Vorsicht, sage ich mir streng, nicht zu früh freuen. Noch ist es nicht vorbei mit den Masken. Aber die Hoffnung, irgendwann wieder überall frei atmen und vor allem ganze Gesichter sehen zu können, dehnt, streckt und räkelt sich doch schon im Sommersonnenlicht. Und flüstert ganz leise von einer Geschichte, die noch keine ist und vielleicht noch lange keine sein wird, aber doch einmal eine sein könnte. Es ist eine Geschichte von der Mode im Kleinen, eine Geschichte davon, wie die Schutzfunktion von Kleidung zur Ausdrucksfunktion werden kann, wie das verborgene Gesicht sichtbar werden kann, indem es ein wenig davon, was es mimisch ausdrücken würde, auf der Schutzhülle nach aussen trägt.

Die Geschichte beginnt damit, dass das Schützende fehlt: Zu wenig Masken sind im Handel erhältlich. Also die Nähmaschine herausgeholt, Schnittmuster für Masken aus dem Internet gefischt und enträtselt, Stoffreste zugeschnitten, Pflanzendraht als Nasensteg eingenäht, Gummizüge gesucht und nicht gefunden, dafür alte Stoffgeschenkbänder herausgesucht und angeheftet. Resultat: Na ja.

Aber dann beginnen im Textilland Ostschweiz, wie Krokus im Februar, erste fröhliche Blüten unter dem Einwegmaskenfrost hervorzuspriessen. Den Anfang machen einlagige Masken in wilden Designs, die partout zu nichts passen wollen, was im Kleiderschrank hängt, und deshalb als kleine schrillen Statements getragen werden wollen.

Dann die ersten mehrlagigen Masken mit rot aufgesticktem Lachmund und etwas zu kurzen Gummizügen, die zwar die Ohren henkeltopfartig abstehen lassen, aber einfach gute Laune machen und deshalb wunderbare Fotos zum Hin- und Herschicken in der voneinander entfernten Familie hergeben. Dann die zertifizierten Masken mit rot-grün-goldenen Weihnachtsmotiven im Dezember, goldfädigen Schneekristallen im Januar und hoffnungsvollen Blütengirlanden im März, die ich mit Begeisterung und mein Mann mit Fassung tragen.

Die mit Spitzen bezogenen Masken, deren Trägerinnen sich auf der Strasse unbekannterweise mit den Augen grüssen – ja, ich habe auch eine, sind sie nicht super? Und dann die Luxusvariante für festliche Anlässe, mit glitzernder Paillettenstickerei in Schwarz und Silber oder warmen Bronzetönen, die so schön ist, dass man sie am liebsten nicht einmal beim Essen abgelegt hätte.

Nein, ich werde das Maskentragen nicht vermissen, wenn es denn einmal nicht mehr nötig sein sollte. Aber meine Sammlung Ostschweizer Masken werde ich in Ehren halten, weil sie ein Stückchen gelebte Textilgeschichte erzählt, eine Geschichte von kreativen Experimenten, entschlossenem Lebensmut und Durchhaltewillen. Und Hoffnung.

Ulrike Landfester ist Professorin für Deutsche Sprache und Literatur an der HSG. Sie schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Samantha Wanjiru und Walter Hugentobler.

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