Gedankenstrich-Kolumne
Toni Brunner: Was die Gesellschaft von Rindviechern lernen kann

Rindviecher haben Toni Brunner ein Leben lang begleitet. Besonders schätzt er die Eringer, von denen unsere Gesellschaft einiges lernen könnte – vor allem Kampfeslust.

Toni Brunner
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Toni Brunner, Tagblatt-Kolumnist.

Toni Brunner, Tagblatt-Kolumnist.

Bild: Michel Canonica

Als ich 1995 ins Parlament gewählt wurde, schrieb ein Boulevardblatt in Anspielung auf meinen Beruf des Bauern: «Kenntnisse von Rindviechern sind im Bundeshaus von Vorteil.» Rindviecher haben mich ein Leben lang begleitet. Zuerst beruflich, später dann in Bern. In jener Zeit lernte ich neue Ecken und auch unbekannte Winkel der Schweiz kennen. Ich sah viele Leute und unterschiedlichste Landesgegenden. Unfassbar die Vielfalt an Dialekten, Bräuchen, Kulturen und Landschaften, und dies auf kleinstem Raum.

So begab es sich, dass meine Oberwalliser Freunde mich vor einigen Jahren zum Ringkuhkampf im Goler in Raron einluden. Ein Fest der Sinne. Kuhkämpfe, Raclette und Fendant. Es war nicht das erste Mal, dass ich mit mehreren tausend Leuten ein solches Spektakel genoss. Die kleinen, kompakten und kampfeslustigen Eringertiere faszinierten mich schon immer.

Was zählt, ist Köpfchen und Kampfeslust

Ich lernte: Rindviecher sind nicht gleich Rindviecher. Eringer haben spezielle Eigenschaften und sind soziale Wesen. Sie sind eine der kleinsten Rinderrassen Europas (130 cm Widerristhöhe) und bringen trotzdem 600 bis 700 Kilogramm auf die Waage. Sie sind schwarz oder rötlich und haben einen ziemlich dicken Schädel. Sie sind stolz und geerdet. Beim Ringkuhkampf wird das stärkste Tier gesucht. Rinder haben eine Rangordnung. Die Tiere wollen instinktiv wissen, wer die Stärkere ist. Zwei ranggleiche Tiere strecken die Köpfe zusammen, und wer es schafft, die andere mit Muskelkraft wegzuschieben, ist die Siegerin. Was zählt, ist die Stärke im Nacken, Köpfchen und Kampfeslust. Tiere spüren instinktiv, wenn es sich nicht lohnt zu kämpfen. Das andere Tier ablecken ist erlaubt, aber ein verlorener Kampf.

Wie an jedem Ringkuhfest waren auch in Raron alle angemeldeten Tiere nummeriert. Ich machte mir einen Spass daraus, die Kühe mit meinen Glückszahlen zu unterstützen. Nummer 74 (mein Jahrgang) gefiel mir auf Anhieb. Ich kam mit dem Züchter ins Gespräch, und noch vor dem ersten Kampf war ich stolzer Besitzer der Eringerkuh Taifun. Eine spontane Entscheidung in Fendant-Laune. Nicht wohlüberlegt, aber nie bereut. Taifun ist ein stolzes Tier und weicht keinem Kampf aus. Sie ist robust, widerstandsfähig und launisch. Sie liebt es, andere zu dominieren, und verliert nicht gerne.

Kühe können nicht anders, wir aber schon

Was lernen wir aus dieser kleinen Geschichte? Es wäre gar nicht schlecht, wenn ein bisschen mehr Eringer in unserer Gesellschaft stecken würde. Der Kopf ist da, um ihn zu gebrauchen. Man kann nicht jedem Kampf aus dem Weg gehen. Werden wir wieder kampfeslustiger und lassen uns nicht auf jeden Mist ein. Mehr Eringer heisst nicht, dass wir selber zu Rindviechern werden müssen.

Eine Kuh macht: «Muh.» Sagt die andere: «Mist, das wollte ich auch gerade sagen.» Kühe können nicht anders. Wir könnten anders. Wir haben einen Kopf zum Denken und Wörter zum Sprechen. Wir sind nicht geboren, um zu muhen. Aber viele muhen nur noch.

Kühe geben Milch. Sie lassen sich melken. Wir aber sind nicht geboren, um uns ein Leben lang melken zu lassen. Wir aber lassen uns zunehmend melken.

Rindviecher bekommen ihr Futter vorgesetzt und hinterfragen nicht. Wir aber könnten hinterfragen und das uns täglich Vorgesetzte einordnen. Viele wiederkäuen wie Rindviecher das Vorgesetzte. –

Die Lehre daraus? Werden wir wieder mehr Eringer und lassen uns nicht zu Rindviechern machen. Was zählt, sind Köpfchen und Kampfeslust. Wir müssen wieder lernen zu kämpfen, nicht einfach hinzunehmen. Andere abzulecken und sich anzubiedern ist zwar erlaubt, aber ein verlorener Kampf.

Toni Brunner, ehemaliger Präsident der SVP Schweiz, ist Gastwirt und Bergbauer im Toggenburg sowie Mitglied des Referendumskomitees «Nein zu staatlich finanzierten Medien». Er schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Ulrike Landfester, Samantha Wanjiru und Walter Hugentobler.

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