Gedankenstrich-Kolumne
Toni Brunner: Heiteres in komischen Zeiten – von Verabredungen bis Kurz

Handgeschriebene Liebesbriefe, Töfflifahren ohne Helm, mitternächtliche Besuche im Nationalratssaal: Manchmal lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit.

Toni Brunner
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Toni Brunner, Tagblatt-Kolumnist.

Toni Brunner, Tagblatt-Kolumnist.

Bild: Michel Canonica

In komischen Zeiten ist es manchmal besser, sich an die guten alten Zeiten zu erinnern. Erinnern Sie sich noch? Früher gab man sich noch die Hand und bis vor zwei Jahren pflegte ich den Brauch von drei Küsschen bei der Begrüssung des anderen Geschlechts.

Apropos Frauen: Die Frauen lernte man früher noch auf dem Tanz kennen. Der Liebsten schickte man handgeschriebene Briefe oder Faxe. Heute wird über Whatsapp kommuniziert und man verabredet sich über Tinder.

Apropos Verabreden: Früher fuhr ich mit dem Velotöffli ins Tal und trug keinen Helm. Selbst mit dem «Cilo» kannte man damals noch keine 30er-Zonen. Früher möblierten wir noch die Wohnzimmer, heute möblieren Politiker unsere Strassen.

Apropos Autos: In meinen Anfängen im Bundeshaus Mitte der 90er-Jahre parkierte ich meinen Subaru Justy noch vor dem Bundeshaus, zwei Meter neben dem Eingang, und der ganze Bundesplatz war ein grosser Parkplatz. Hatte ich Besucher aus dem Toggenburg, so zog ich mit ihnen um Mitternacht ins Bundeshaus in den Nationalratssaal und jeder durfte einmal höchster Schweizer spielen. Heute gibt es rund ums Bundeshaus keine Parkplätze mehr. Das Bundeshaus ist eine Festung. Nichts mehr mit Hineinspazieren.

Apropos Bundeshaus: An den Fraktions- und Kommissionssitzungen wurde noch geraucht. Abends nach den Sitzungen der Kommission Umwelt, Raumplanung und Energie (UREK) gingen wir zusammen mit den Freisinnigen zum «z’Nacht». Genauer: mit der Stahlhelmfraktion. Mit Ueli Fischer (dem Atom-Ueli), Toni Dettling, Rolf Hegetschweiler und Georg Stucki. SVP und FDP konnten es noch miteinander.

Apropos Politik: Duelliert hatte ich mich damals noch mit Helmut Hubacher (der Jüngste gegen den Ältesten in der «Arena» mit Filippo Leutenegger) und Hubacher zeigte Humor. Er warf mir während der Sendung an den Kopf, «so alt, wie du politisierst, kannst du gar nie werden». Päng! Dafür kam nach der Sendung der frühere Spitzenfussballer Karli Odermatt zu mir und gestand, dass er lieber auf meiner Seite gestanden wäre als beim linken Hubacher.

Apropos Fussball: Als die Schweiz sich gegen die Türkei in der Barrage für die Weltmeisterschaften in Deutschland qualifizierte, trafen sich spontan Tausende Fans auf dem Bundesplatz. So spontan, wie wir Schweizer sind, gab es natürlich kein Freibier, das Einzige, was es gab, war ein Fussball, der durch die Luft geschossen wurde und die ganze Menge quittierte den fliegenden Ball mit lautem Raunen. Bis zu jenem Zeitpunkt, als der Ball in den Balkon beim Bundeshaus fiel und es still wurde. Es brach mir das Herz.

Ich machte mich also auf zum Balkon vor dem Ständeratssaal und weiss heute noch nicht, wie ich es im Innern des Bundeshauses tatsächlich geschafft habe, mir Zutritt zum Balkon zu verschaffen. Jedenfalls hatte ich plötzlich Tausende Menschen vor mir auf dem Platz. Natürlich konnte ich mir eine Grundsatzrede an die Nation verkneifen, konnte es aber trotzdem nicht lassen, noch kurz ein paar Wellen mit der Menge zu machen, bevor ich den Ball unter grossem Jubel zurückkickte.

Apropos Kicken: Blicken wir hinüber zu unseren lieben östlichen Nachbarn, den Österreichern, so ist dort der Name des ehemaligen Kanzlers Programm. Kurz bleibt in aller Regel kurz. Auch er ist Vergangenheit.

Apropos Kurz: Sie finden meinen Artikel kurzweilig oder doch langweilig? Etwas wild und ungestüm? Bitte, das ist die neue Realität. Da muss ein Gedankenstrich nicht unbedingt mehr ein Gedanke sein. Schon gar nicht normal. Geschweige denn, allen passen.

Apropos allen passen: Ich blicke voller Ehrfurcht zu den Appenzellern. Da rauchen am Funkensonntag und an den Viehschauen schon die Sechsjährigen. Eine alte Tradition erlaubt dies. Man wird einwenden, das muss man doch verbieten, die Lunge wird sich bei diesen kleinen Dingern nie mehr richtig entwickeln. Ach ja? Ich könnte jedenfalls nicht behaupten, dass den Appenzellern der Schnauf früher ausgeht als den übrigen Schweizern.

Toni Brunner, der ehemalige Präsident der SVP Schweiz, ist
Gastwirt und Bergbauer im Toggenburg. Er schreibt diese
Kolumne immer montags im Turnus mit Samantha Wanjiru,
Walter Hugentobler und Ulrike Landfester.

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