Gedankenstrich-Kolumne
Samantha Wanjiru: Vor lauter Empörung über die Jugendkrawalle gehen all jene vergessen, die sich brav an die Coronamassnahmen halten

Die meisten Jugendlichen zeigen in der Pandemiekrise viel Durchhaltevermögen. In der hitzigen Diskussion um die Krawalle in der Stadt St.Gallen ging das unter. Dabei gebührt ihnen Dank.

Samantha Wanjiru
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In der St.Galler Innenstadt liessen Gruppen gewaltbereiter Jugendlicher rund um Ostern ihrem Frust über die Coronaschutzmassnahmen freien Lauf.

In der St.Galler Innenstadt liessen Gruppen gewaltbereiter Jugendlicher rund um Ostern ihrem Frust über die Coronaschutzmassnahmen freien Lauf.

Bild: Sandro Büchler (St.Gallen, 2. April 2021)
Samantha Wanjiru, Tagblatt-Kolumnistin.

Samantha Wanjiru, Tagblatt-Kolumnistin.

Bild: Arthur Gamsa

Die St.Galler Jugend stand in den Medien vor kurzem in einem weniger schönen Licht. Alles begann am Roten Platz in St.Gallen.

Zahlreiche Rabauken stürmen die Innenstadt und lassen ihrer pubertären Energie freien Lauf. In Fernsehaufnahmen und Zeitungsartikeln werden Bilder gezeigt, die jeden Elternteil vor Scham im Boden versinken lassen.

Sachschaden, Personenschaden, alles dabei. Da fragt man sich auch heute noch: Was war der Grund für solch ein Verhalten, das doch stark an das ähnliche Verhalten primitiverer Artgenossen des Menschen erinnerte?

Eine Prise Langeweile, gemischt mit Frustration

Auf die Frage gibt es viele Antworten. Fasst man die verschiedenen Meinungsbilder zusammen, kommt man zu diesem Geheimrezept: Man nehme eine Prise Langeweile und mische sie mit tiefer Frustration darüber, wie sehr die Coronamassnahmen das Leben der Jugend eingeschränkt hatten.

Kein monumentales Fest zum 18. Geburtstag, kein Vorglühen mit den Freunden in den Bars der Stadt, bevor es in Richtung Club geht, kein Shoppen mit den «Besties», bis die Kreditkarte glüht. Nichts davon ist mehr möglich. Von einem Tag auf den anderen wurde die grosse bunte Stadt zu einem kleinen leblosen Dorf.

Das stieg einigen Jugendlichen in den Kopf und fuhr direkt in die Fäuste. Es kam sogar so weit, dass sich die Stadtpräsidentin dazu berufen fühlte, das Gespräch mit den Jugendlichen zu suchen. Lösungsansätze wurden schnell gefunden und in die Tat umgesetzt.

Eine Runde Bier am Weiher statt durchtanzten Nächten

Doch wer im Diskurs danach vor lauter «Youth-Shaming» unterging, sind all die jungen St.Gallerinnen und St.Galler, die trotz massiven Einschränkungen ihren Weg durch die Pandemie fanden. Ohne Krawall und Ärger.

Ich würde sogar behaupten, dass sich die meisten Jugendlichen trotz Pubertät brav und vorbildlich an die Massnahmen gehalten haben. Anstatt die Nacht im Club durchzutanzen, traf man sich am Weiher auf eine gesellige Runde Bier. Anstatt zum wöchentlichen Fussballtraining zu gehen, nutzte man die vielen Outdoor-Sportmöglichkeiten, die St.Gallen zu bieten hat. Über Zoom war ein Schulalltag trotz Pandemie irgendwie möglich, und man lernte schweren Herzens, ohne den geliebten Ausgang zu leben.

Die Stadt von einer anderen Seite kennenlernen

Für manche war es auch die Möglichkeit, die Stadt nochmals von einer ganz anderen Seite kennen zu lernen. Zum Beispiel wurde die Kreuzbleiche zum neuen Picknick-Hotspot, und die Skaterbahnen entwickelten sich zu einem neuen Treffpunkt für Saufgelage.

Parkplätze und Tankstellen versprühten auf einmal eine neue Anziehungskraft und wurden von den Jugendlichen dafür genutzt, sich zu gruppieren – mit den erlaubten Abstandsregeln. Geduldig sass man statt mit der Freundin im Kino mit den Eltern vor dem Fernseher und wartete die neuen Massnahmen ab.

Weil es kaum Möglichkeiten gab, das Geld in schwedischen Modehäusern auszugeben, sparten die Jugendlichen sogar so viel Taschengeld zusammen, dass es noch für die Tickets für das nächste grosse Open-Air-Festival im Folgejahr reicht.

In den gleichen Topf geworfen zu werden schmerzt

Mit dem kleinen Anteil der jugendlichen Unruhestifter in einen Topf geschmissen zu werden, schmerzt vor allem diejenigen, die sich an die Massnahmen gehalten haben und keine Möglichkeit hatten, sich von denselben öffentlich zu distanzieren. Deswegen ist es Zeit, der restlichen Jugend ein Lob für ihr Durchhaltevermögen auszusprechen.

Denkt man nämlich an seine eigene Jugend, würde so mancher sich eher in der Gruppe der Rabauken wiederfinden. Jetzt, da neue Lockerungen kommen, hat sich das geduldige Warten und Durchhalten dann doch noch gelohnt. Mit den neuen Lockerungen wird der Stadt wieder jugendliches Leben eingehaucht, das man auch als erwachsener Mitbürger doch ganz schön vermisst.

Samantha Wanjiru ist Psychologie-Studentin und Kopf der «Black Lives Matter»-Bewegung in der Ostschweiz. Sie schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit
Toni Brunner, Ulrike Landfester und Walter Hugentobler.