Gedankenstrich-Kolumne
Samantha Wanjiru: Die Ostschweizer spenden gerne

Auf meiner Suche nach einem neuen Job bin ich auf Instagram auf eine interessante Arbeit gestossen: Dialoger. Den meisten Menschen sagt der Beruf erst Mal nichts. Auch ich musste googeln, was es damit auf sich hat.

Samantha Wanjiru
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Samantha Wanjiru, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Samantha Wanjiru, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Bild: Arthur Gamsa

«Dialoger» ist die moderne Beschreibung des Berufs eines Spendensammlers. Sie waren bestimmt auch schon an einem Bahnhof und wurden von jungen Menschen angesprochen, ob sie nicht gerade fünf Minuten Zeit haben für eine gute Sache. Und bestimmt sind Sie auch genervt und mit Augenrollen mit einem «nein, danke» weitergelaufen.

Ich wusste, dass man in diesem Beruf viel Ablehnung begegnet. Trotzdem liess ich mich auf das Abenteuer ein. Es gibt nämlich viele Vorzüge, die man geniessen kann. Was mich vor allem gereizt hat, war die Möglichkeit, durch die ganze Ostschweiz zu reisen. Gerade für die, die neu zugezogen sind, ist dies eine tolle Möglichkeit, die Städte der Deutschschweiz zu ergründen.

Durch den Job kommt man auch mit den verschiedenen Kulturen in Berührung. Man lernt schnell, wie offen oder verschlossen die Einwohner gegenüber der Nächstenliebe sind. Gut verdienende Zürcher sind meist spendabler, was soziale Projekte angeht, als Menschen aus anderen Regionen. Man realisiert schnell, dass Menschen in andern Kantonen etwas verschlossener und konservativer sind. Im Team gab es daher meist eine gewisse Vorliebe für den einen oder anderen Kanton.

Die Arbeit als Dialoger ist – milde ausgedrückt – nicht ohne. In meiner Zeit als Dialogerin machte ich so einiges durch. Der Altersdurchschnitt bei den Mitarbeitern liegt bei 18 bis 20 Jahren. Das kommt nicht von ungefähr – für diese Arbeit braucht es Menschen mit Elan und Frische. Man steht teilweise bis zu zwölf Stunden an den Bahnhöfen und Einkaufszentren der Städte an seinem Stand. Und das bei jedem Wetter. Ob es regnet oder schneit, gearbeitet wird trotzdem. Das zehrt extrem an den Kräften.

Darüber hinaus gab es eine Vorgabe bei den Spendenbeiträgen, die man jeden Tag zu erreichen hat. Um drei bis fünf Spender zusammen zu haben, musste man Hunderte von Menschen ansprechen. Der Leistungsdruck ist somit enorm. Erreicht man das Tagesziel nicht, bedeutet dies einen Verlust für die Organisationen. Auch wenn man fachlich geschult wurde, ist die Überzeugungskraft, die man an den Tag legen musste, eine kräftezehrende Tortur. In fast keinem anderen Beruf lernt man sein Kommunikationstalent so gut anzuwenden wie bei diesem Job.

Nach Hunderten von Dialogen packte man seine Sachen zusammen und es ging in die nächste Stadt. Zwar ist das Reisen einer der Highlights des Berufes, aber gleichzeitig ist es auch sehr anstrengend und belastend. Man ist ständig am Rennen. Auf der anderen Seite schult der Beruf das Ausdauervermögen und die Durchsetzungsfähigkeit.

Mich hat extrem positiv überrascht, wie viele in der Ostschweiz spenden. Das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, denn die meisten Absagen erhielt man nicht, weil kein Interesse bestand. Die meisten hatten schon der einen oder andern Organisation gespendet. Und das in grossem Stil. Das zeigt, dass in der Deutschschweiz ein allgemeines Interesse besteht, die Probleme der Welt anzugehen und seine Privilegien mit anderen zu teilen.

Samantha Wanjiru ist Psychologiestudentin und Kopf der Black-Lives-Matter-Bewegung in der Ostschweiz. Sie schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Ulrike Landfester und Walter Hugentobler.

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