Gedankenstrich-Kolumne
Samantha Wanjiru: Die Mietpreise bremsen – damit die Menschen mehr Geld für Kultur übrig haben

Die Stadt St.Gallen bietet viel, doch die Mietkosten sind oft hoch – vor allem für Studierende und Leute mit tiefen Einkommen. Wie schafft man es, trotzdem genug Geld zum Leben und für die Freizeit übrig zu haben? Wir müssen erfinderisch werden.

Samantha Wanjiru
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Samantha Wanjiru, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Samantha Wanjiru, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Bild: Arthur Gamsa

Ich wohne jetzt seit knapp eineinhalb Jahren in St.Gallen. Die Stadt ist sehr attraktiv. Das Kulturangebot lässt kaum Wünsche offen. Von den vielen Bars und Restaurants bis zu den schönen Grünanlagen: Jeder findet ein Stück Urlaub in der Stadt. Gerade jetzt, nach den neuen Coronalockerungen, hat man Lust, sein Geld in der kleinen Altstadt oder in den verschiedenen Kulturhotspots auszugeben.

Aber leider ist St.Gallen für den kleinen Geldbeutel eine grosse Herausforderung. Schaut man sich die Mietpreise an, wird einem doch etwas schlecht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Wohnraum gibt es zur Genüge. Aber schaut man auf den beliebten Vergleichsseiten im Internet nach, ist es kaum möglich, günstige Wohnmöglichkeiten zu finden. Gerade als junge Studentin oder als kürzlich aus Mamas und Papas gemütlichem Häuschen Ausgezogener muss man beim Blick auf die Preise zweimal schlucken.

Wer schön wohnen will, muss verzichten

Die Liste an Kompromissen, die man eingehen muss, um günstig zu wohnen, ist lang. Verzichtet man auf den Luxus einer neu renovierten Wohnung, wird man mit baufälligen Küchen konfrontiert und mit Zimmern, die schon längst einen neuen Anstrich bräuchten. Lässt man sich dann doch auf eine qualitativ bessere Bleibe ein, fällt am Schluss des Monats ein grosser Batzen Geld weg. Was einen wiederum dazu zwingt, die Träume vom Urlaub am Strand nochmals zu überdenken. Spricht man mit jungen Studentinnen und Studenten über ihre finanzielle Lage in St.Gallen, wird klar: Es ist verdammt schwierig, jung und Kleinverdiener zu sein. Viele müssen neben dem Studium bis zu zwei zusätzliche Jobs haben, um gerade so über die Runden zu kommen. Das gilt auch für Personen, die sich nicht «Head Manager» einer Firma nennen können, sondern einer ganz normalen Arbeit nachgehen, zum Beispiel in der Hotellerie oder im Service. Ohne Zweiteinkommen wird es schwer.

Das umfangreiche Angebot an Freizeitaktivitäten ist leider nicht für alle zugänglich. Geht man mit Freunden erst was im Restaurant essen und besucht anschliessend eine Bar, ist das Freizeitbudget für manche schon aufgebraucht. Gott sei Dank bietet die Stadt auch viele kostenfreie oder günstige Angebote wie beispielsweise die Drei Weieren und Museen in der Innenstadt. Aber wer möchte sich schon auf diese beschränken? Das Auswärtsessen beim Lieblingsasiaten um die Ecke überlegt man sich heutzutage zweimal.

Ein Kulturboom, den niemand verpassen will

Die Pandemie hat zwar den Geldbeutel von vielen gezwungenermassen gefüllt, aber gerade jetzt ist das Verlangen nach kulturellen Aktivitäten so gross wie noch nie. Der diesjährige Sommer wird einen Kulturboom mit sich bringen, den niemand verpassen möchte. Deswegen ist es umso wichtiger, dem Normalverbraucher eine finanziell attraktive Stadt anzubieten.

Nun bleibt die Frage: Wie schaffen wir es, die Lebensunterhaltskosten zu senken? Wir müssen erfinderisch werden. Eine stärkere Mietpreisbremse wäre schon mal ein guter Start. Mittlerweile gibt es auch wunderbare Appentwickler wie etwa die Firma To good to go, die an den kleinen Mann denken. Auf dieser App ist es zum Beispiel möglich, kostengünstig das Essen, das in den Restaurants und Bars am Ende des Abends übrig bleibt, zu erhalten. Anstatt dass man sich vor der Theke mit den Freunden trifft, ist es so möglich, sich nach Feierabend hinter der Theke zu treffen und auf dem Marktplatz ein Festmahl zu geniessen. Grundsätzlich sollte es für jeden machbar sein, an der ostschweizerischen Kulturlandschaft teilhaben zu können, ohne jeden Franken zweimal umdrehen zu müssen.

Samantha Wanjiru ist Psychologiestudentin und Kopf der «Black Lives Matter»-Bewegung in der Ostschweiz. Sie schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit
Toni Brunner, Ulrike Landfester und Walter Hugentobler.

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