Gedankenstrich-Kolumne
Samantha Wanjiru: Die Kirchen müssen reformiert werden, sonst verlieren sie den Nachwuchs

In Krisenzeiten beschäftigen sich viele Menschen mit dem Glauben und suchen nach kirchlichen Gemeinschaften. «Tagblatt»-Kolumnistin Samantha Wanjiru fragt sich aber, ob die alt backenen Strukturen der Kirchen für neue jüngere Mitglieder etwas taugen und fordert dringend moderne Mittel und Programme.

Samantha Wanjiru
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Samantha Wanjiru, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Samantha Wanjiru, «Tagblatt»-Kolumnistin.

Bild: Arthur Gamsa

Der Glauben an etwas Grösseres als die Menschheit ist eine Frage, die wir uns Menschen von Beginn der Zeit an stellen. Gerade in Zeiten einer Krise wie der Coronapandemie tendieren wir dazu, uns näher mit dem Thema Glauben zu beschäftigen. Auch ich habe mir die Frage gestellt und traf so auf das Christentum. Ein Christ zu sein, wird in der heutigen Zeit mit altbackenem Regelbefolgen assoziiert. Dabei bedeutet es viel mehr, als sich nur an die zehn Gebote zu halten. Der Glauben, dass es einmal einen Mann namens Jesus gab, der sich für unsere Sünden sein Leben nehmen liess, gibt Kraft und Hoffnung auf ein besseres Morgen.

Viele Kirchenprogramme sind für Jüngere uninteressant

Auf meiner Suche nach einer Kirchengemeinschaft in der Ostschweiz fiel mir eins auf: Die Kirchenstrukturen in diesem Teil der Schweiz benötigen eine Reform. Verstehen Sie mich nicht falsch. Es gibt Unmengen an kirchlichen Gruppierungen, die einem den Glauben näherbringen. Manche dieser Gruppierungen bestehen schon seit Jahrzehnten. Dies ist ein Zeichen dafür, dass die allgemeine Gesellschaft immer noch ein Interesse am Christentum hat. Aber als ein Mitglied der Generation der Millenials fällt einem doch auf, dass viele Kirchengemeinschaften eine ältliche Struktur beibehalten. Gerade die katholischen Kirchen sind davon betroffen, dass sie ihre Mitgliederzahlen nicht mehr halten können. Der Mangel an Nachwuchs-Pastorinnen und -Pastoren und Mitgliedern ist ein Problem, das viele Kirchen unterschätzen.

Es stellt sich die Frage: Wo bleibt unsere nächste Generation an Christen – in den leeren Kirchenräumen? Eine Frage, die viele Lösungsansätze hervorruft. Eine Antwort könnte sein, dass die Kirchenprogramme schlicht und einfach uninteressant für jüngere Mitglieder sind. Schaut man sich die Websites der Kirchen an, findet man selten etwas, was den Nachwuchs interessieren könnte. Nur zum Gottesdienst erscheinen und sich für eine Stunde lang eine Bibelvorlesung anzuhören, entspricht nicht gerade der Vorstellung einer modernisierten Art, Gott näherzukommen.

Auch das musikalische Programm lässt viele Wünsche offen, wenn es darum geht, die verschiedenen Generationen zusammenzubringen. Orgeltöne sind zwar schön anzuhören, laden aber nicht wirklich ein, sich in der Musik gehenzulassen. Gerade in der Programmgestaltung wären einfache Lösungsansätze möglich. Umso mehr wundert es einen, wieso diese nicht umgesetzt werden. Der Mangel an jungem Personal könnte dafür ein Grund sein. Denn dieses hat meistens kaum oder nur sehr oberflächliche Entscheidungskraft bei solchen Fragen wie dem Programmangebot.

Bewegungen unterstützen und Sichtbarkeit in Schulen verstärken

Ein weiteres grosses Manko ist, dass sich die Kirchen bei Fragen wie der LGBT-Problematik oder der Black-Lives-Matter-Bewegung gar nicht oder nur zögernd öffentlich positionieren. Millenials wollen wissen, woran sie sind, weil sie oft selbst von der Problematik betroffen sind. Da ist eine lautstarke und klare Positionierung die Devise. Ebenfalls fehlt oft die Hand der kirchlichen Gemeinschaft in allgemeinen gesellschaftlichen Räumen wie der Schule, Uni oder in Vereinen. Die Visibilität der Glaubensführenden nimmt in solchen Orten stets ab.

Am Rande der Gesellschaft ist es zwar sicher und vertraut für die kirchlichen Gemeinden. Es erlaubt ihnen sogar, autonom ihren Geschäften nachzugehen, aber gleichzeitig ist es ein einsamer Platz, um einen Neugewinn an jungen Mitgliedern zu erzielen. Die Öffentlichkeitsarbeit muss verstärkt werden, um die Generationslücke zu füllen. Eine Reformation der Kirchenstrukturen bedeutet nicht, dass funktionierende Strukturen komplett überworfen werden müssen. Vielmehr würde eine Modernisierung einen positiven Effekt auf das Kirchenimage herbeiführen.

Samantha Wanjiru ist Psychologiestudentin und Kopf der «Black Lives Matter»-Bewegung in der Ostschweiz. Sie schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit
Toni Brunner, Ulrike Landfester und Walter Hugentobler.

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