Gedankenstrich-kolumne
Dauerorgie in der Küche: Warum Ostschweizer Wurzeln beim Kochen während einer Pandemie unschlagbar sind

Im Coronalockdown waren die Bedingungen für Heimköchinnen und -köche erschwert. Hut ab für all die kreativen Bestellungsservices, die da aus dem Boden gesprossen kamen! Mittlerweile feiere ich eine Dauerorgie kulinarischer Experimente.

Ulrike Landfester
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Ulrike Landfester, Tagblatt-Kolumnistin.

Ulrike Landfester, Tagblatt-Kolumnistin.

Bild: Arthur Gamsa

«In Ruhe Wurzeln schlagen kann nur, wer aufhört, sich ständig umzuschauen und herumzuziehen», schrieb der jüngere Lucius Annaeus Seneca vor etwa zweitausend Jahren. Wie Recht er hatte, habe ich im vergangenen Jahr erlebt, als der erste coronabedingte Lockdown keinerlei Herumziehen mehr zuliess und mich damit zu den Wurzeln der Ostschweiz brachte – den essbaren nämlich. Und das kam so.

Ich habe schon immer gerne gekocht – aber, wie ich damals feststellen musste, unter Rahmenbedingungen, die plötzlich nicht mehr galten. Kein Herumziehen und Umschauen mehr auf dem Markt, wo man einkauft, was einen gerade so anlacht, keine Ausweichmöglichkeit mehr in die nächste Beiz, wenn der Kühlschrank mal nichts mehr hergibt; Einkaufen, wenn überhaupt, nur noch im Erledigungsmodus mit Maske und Desinfektionsmittel (das immerhin in der Migros irgendwann fein nach Pflaumenbrand zu riechen begann, ein Restchen sinnlicher Freude), und wer, wie wir, kaum noch aus dem Haus ging, hatte bei den grossen Lieferdiensten Mühe, einen Termin zu ergattern und stellte dann fest, dass in der Hektik der für die Bestellung eng festgesetzten halben Stunde die Hälfte des Einkaufszettels vergessen gegangen war und die andere Hälfte erst zwei Wochen später kam.

Und irgendwann hatten dann auch die Kinder mal wieder Anderes zu tun, als alle paar Tage das Vergessene anzuschleppen und dann von der sich die Haare raufenden Hausfrau zu erfahren, dass, oh weh, der so dringend benötigte Knoblauch nicht dabei war, weil sie irgendwie nicht daran gedacht hatte, ihn aufzuschreiben.

Nach zwei Wochen hatte ich genug, jetzt musste ein logistisches Konzept her. Ein paar Tage am Computer, und ich hatte eines, nämlich ein kleines, hervorragend funktionierendes Netzwerk aus lokalen Lieferdiensten – Chapeau für all die kreativen Bestellungsservices, die da aus dem Boden der Pandemie gesprossen kamen! Womit ich nicht gerechnet hatte, war, dass mit dem logistischen auch ein kulinarisches Konzept kam. Seither nämlich bekomme ich jede Woche eine Auswahl an saisonalem Obst und Gemüse aus der Region, eine grosse grüne Kiste, von der ich nie weiss, was diesmal drin sein wird, und freue mich immer wie an Kind an Weihnachten, wenn ich sie durchstöbere.

Anfangs allerdings stand ich regelmässig vor meiner Kiste und rätselte: Dass es Rüebli in den verschiedensten Farben gab, hatte ich immerhin schon auf dem Radar, aber so viele verschiedenfarbige Kartoffeln? Und was um alles in der Welt waren diese faustgrossen Knollen, die aussen schwarz und innen weiss waren, oder diese komischen Knubbelknollen, die aussehen wie Michelinmännchen? Und was bitte macht man mit Randen, die nicht vorgekocht und vakuumiert sind?

In aller Senecaschen Ruhe stellten sich so meine Kochgewohnheiten komplett auf den Kopf: Statt mir ein Rezept zu überlegen und dann die Zutaten einzukaufen, suchte ich jetzt Rezepte zu den vorhandenen Zutaten. Noch nie in meinem Leben habe ich so viele Kochbücher gelesen wie seither – und feiere inzwischen eine Dauerorgie kulinarischer Experimente: Marinierte Rüebli, Pastinakenaufstrich mit Zitrone, Randencarpaccio mit Ziegenkäse und Speck, Topinambursalat mit Kressedressing, Bodenrübentartar mit Baumnüssen, Petersilienwurzelgratin.

Zugegeben: Nicht alles ist immer ein voller Erfolg – an dem Bodenrübentartar haben wir uns fast die Zähne ausgebissen, weil ich vergessen hatte, es zu blanchieren –, aber eines weiss ich heute: Ostschweizer Wurzeln sind unschlagbar.

Ulrike Landfester ist Professorin für Deutsche Sprache und Literatur an der HSG. Sie schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Samantha Wanjiru und Walter Hugentobler.

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