GEBURTENZAHLEN IN DER OSTSCHWEIZ STEIGEN: Die Kinderlein kommen

Die Zahl der Geburten in der Ostschweiz wächst. In einigen Jahren füllen sich so auch die Schulzimmer wieder. Mancherorts könnte es eng werden.

Kaspar Enz
Drucken
Teilen
Die Geburtenrate erreicht in der Schweiz wieder Höchstwerte. Das macht sich in ein paar Jahren auch in Ostschweizer Klassenzimmern bemerkbar. (Bild: Felix Kästle/Keystone)

Die Geburtenrate erreicht in der Schweiz wieder Höchstwerte. Das macht sich in ein paar Jahren auch in Ostschweizer Klassenzimmern bemerkbar. (Bild: Felix Kästle/Keystone)

Kaspar Enz

kaspar.enz@ostschweiz-am-sonntag.ch

Oft sind kleine Dorfschulen betroffen, dieses Jahr trifft es die Stadt: Das St.Galler Schulhaus Tschudiwies schloss vor den Ferien endgültig, trotz Klagen aus dem Quartier. Die Schüler hätten im neu sanierten Schulhaus St.Leonhard Platz, hiess es bei der Stadt. Doch die Trendwende hat begonnen. 2016 wurden in der Schweiz 87'883 Kinder geboren. Mehr Geburten gab es zuletzt 1972. Bildungsforscher Stefan Wolter prophezeite deshalb in der «Schweiz am Wochen­ende» für 2025 historisch hohe Schülerzahlen.

«Die Schulbehörden müssen Zonenpläne und Geburtsstatistiken anschauen und sich überlegen, was das für ihre Gemeinde heisst», sagt Thomas Rüegg, Schulpräsident von Rapperswil-Jona und Präsident des Verbands der St.Galler Volksschulträger. Doch sei es zu früh, um Alarm zu schlagen. Bis ein Jahrgang das Kindergartenalter erreicht hat, dauert es vier Jahre, noch einmal acht bis zur Oberstufe. «Wir haben genug Vorlauf. Und die Schülerzahlen sind immer noch in einer Talsohle, es geht erst langsam aufwärts.»

Das zeigt auch die Statistik: Die geburtenschwächsten Jahrgänge, die Mitte der 2000er-Jahre geboren wurden, kommen erst in die Oberstufe. Hier dürften die Schülerzahlen weiter schrumpfen. Rapperswil-Jona reagiert und senkt die Zahl der Oberstufenschulhäuser von fünf auf vier. «So wird Schulraum frei, den wir für die Primarschule nutzen können», sagt Rüegg. «Dafür eröffnen wir ein erweitertes Oberstufenzentrum.»

Zwei Kinder mehr pro Kindergarten

Mit mehr Schülern rechnet auch die Stadt St.Gallen. Heute drücken hier rund 6'500 Kinder die Schulbank. Wie viele es in zehn Jahren sind, sei kaum vorherzusehen, sagt Rosanna Breu, Leiterin des Fachsekretariats der Abteilung Schule. Die Prognose heute: «Im Jahr 2021 treten 140 Kinder mehr in den Kindergarten ein als heute» – 775 statt wie heute 635 neue Kindergärtler. Aber die Zahl könnte noch sinken. Und «bei 70 Kindergärten wären das nur zwei Kinder mehr pro Klasse.»

Prognosen über Schülerzahlen gibt es im Kanton St.Gallen nicht. Um die Jahrtausendwende gab es fast 70'000 Schüler im Kanton, heute sind es noch 57'000. Die Zahl der Geburten erreichen aber noch nicht die hohen Werte von Mitte der 1990er-Jahre. Anders sieht es im Thurgau aus. Hier gab es im Jahr 2000 über 35'000 Schüler, die kinderreichen Jahrgänge von Anfang bis Mitte der 1990er füllten die Klassen. Bis 2005 war die Geburtenzahl um über einen Viertel gesunken, heute sitzen noch 29'000 in den Schulzimmern.

Doch die Geburten nahmen seither schnell zu, Mitte der 2020er-Jahre könnten es wieder gegen 35'000 sein, errechnete das Thurgauer Amt für Volksschulen. Noch kein Ansturm, meint Martin Schläpfer. «Das Wachstum verteilt sich auf 90 Schulgemeinden», sagt der Finanzchef des Amtes. «Eng wird es nicht so schnell.» Denn seit der Jahrtausendwende sind die Klassen kleiner geworden, noch 19 Schüler sind in einer durchschnittlichen Thurgauer Primarklasse. «Die Volksschulverordnung sieht aber Klassen von 24 Schülern vor», sagt Schläpfer. «Es gibt noch etwas Luft.»

Auf der Suche nach Schulraum

Auch viele St.Galler Klassen seien ziemlich klein, sagt Thomas Rüegg. Doch kantonale Durchschnitte seien kein hilfreicher Wert. «Die Entwicklung ist je nach Gemeinde oder Quartier extrem unterschiedlich.» Während die Klassen sich am einen Ort weiter leeren, herrscht anderswo bald Platznot.

«Kreuzlingen gedeiht, die Schulgemeinde wächst», sagt René Zweifel. An sich erfreulich, sagt er. Doch für den Kreuzlinger Schulpräsidenten birgt das Wachstum Tücken. «Wir sind schon zwei Jahre an der Planung für zusätzlichen Schulraum.» Ohne neue Schulzimmer gehe es nicht. Bis 2022 braucht Zweifel Platz für 200 zusätzliche Kindergärtler und Primarschüler. «Gut zehn Klassen mehr als heute.» Die schwierigste Frage ist, wo zusätzliche Schulzimmer stehen sollen. «Manchmal können wir es erahnen: Es gibt ein Quartier mit vielen Einfamilienhäusern, da zeichnet sich ein Generationenwechsel ab. Doch die Geburtenzahlen sind nicht eindeutig.» In einem Jahr wohnen im Westen, im nächsten im Osten die meisten Neugeborenen. «Auf der Oberstufe können wir die Schüler auch in entferntere Quartiere schicken. Aber beim Kindergarten geht das nicht», sagt Zweifel.

So muss man sich genau überlegen, wo ein Neubau wirklich sinnvoll wäre. «Ein fertig gebautes Schulzimmer kostet im Durchschnitt 800'000 Franken», sagt Zweifel. Man könne versuchen, manche Schulzimmer intensiver zu nutzen. Auch der Bau von provisorischen Schulzimmern sei eine Möglichkeit, den Raum zu vergrössern. «Aber durch den Unterhalt kosten diese langfristig mehr.» Eher skeptisch ist René Zweifel gegenüber grösseren Klassen. «Wir wollen keine 25er-Klassen. Wir haben einen hohen Ausländeranteil. Da müssen auch Integrationsfragen berücksichtigt werden», sagt er.