Geblendet von der Sonne

Die 15 Millionen Franken, die Gossau zu viel in Fördergelder für Solarenergie investiert haben soll, sind nicht verloren. Das sagen Experten. Jetzt schlagen sie Lösungen vor.

Jeanette Herzog/Felix Burch
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Auf den Dächern der Olma-Hallen in St. Gallen wird Solarstrom produziert. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Auf den Dächern der Olma-Hallen in St. Gallen wird Solarstrom produziert. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Von einem Debakel ist die Rede. Gossau geriet diese Woche unter Beschuss wegen seines grosszügigen Förderprogramms für Solaranlagen. Denn Gossau möchte eine Energiestadt sein. Um ihr Ziel zu erreichen, vertraut sie nicht alleine auf das Förderkonzept des Bundes – zu lange sind die Wartezeiten für die kostendeckende Einspeisevergütung (KEV). Gossau adaptierte daher das nationale Konzept. Seither ist es für die Einwohner lukrativ, Photovoltaikpannels zu installieren. Sie erhalten nicht nur eine einmalige Anschubfinanzierung von maximal 28 000 Franken pro Anlage aus dem Energiefonds, sondern die Stadt kauft ihnen auch die Kilowattstunde Strom für 39,3 Rappen ab. Die St. Gallisch-appenzellischen Kraftwerke AG (SAK) hingegen bezahlen laut Ralph Egeter, Leiter Stromprojekte, 15 Rappen pro Kilowattstunde für Anlagen unter zehn Kilowatt.

Die Stadt hat mit rund 60 Stromproduzenten Verträge abgeschlossen und kauft ihnen 3,6 Millionen Kilowattstunden Solarstrom ab. Dies schlägt jährlich mit 1,4 Millionen Franken zu Buche. Ein Expertenteam hat nun berechnet, dass es im Durchschnitt 14 Jahre dauert, bis die Anlagen amortisiert sind. Die Verträge Gossaus haben aber eine Laufdauer von 25 Jahren, was die Stadt für die 60 Projekte letztlich 35 Millionen Franken kosten würde. Gossau bezahlt damit laut Expertenrechnung rund 15 Millionen Franken zu viel.

Jetzt ist Schadensbegrenzung angesagt – finanziell und politisch, denn die 35 Millionen waren weder vom Stadtparlament noch von der Bevölkerung abgesegnet. Die SVP Gossau verlangt gar personelle Konsequenzen. Zumindest das finanzielle Problem scheint lösbar. Werner Frei, Leiter Produktion erneuerbare Energien, der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ), rät Gossau einen Abnehmer für den Ökostrom zu finden, der mehr dafür bezahlt als die Gossauer Stromkunden. «Die Differenz zwischen Einkaufspreis und Verkaufspreis könnte dadurch reduziert werden.» Die St. Galler Stadtwerke etwa seien doch stets interessiert an erneuerbarer Energie.

Gossaus Stadtpräsident Alex Brühwiler sieht darin keine Lösung: «Wir haben in erster Linie ein Problem auf der Beschaffungsseite, nicht auf der Angebotsseite. Die Überfinanzierung tritt erst in etwa 15 Jahren ein, dann nämlich, wenn die heute produzierenden Anlagen vollständig amortisiert sind und die Stadt Gossau trotzdem weiterhin KEV-Entschädigung zahlen muss.» Deshalb setzt der Stadtrat bereits jetzt auf Neuverhandlungen mit den 60 Vertragspartnern. Aber auch weitere Abklärungen seien nötig. «Letztlich fehlt die rechtliche Grundlage, da die sich aus den Verträgen ergebenden Kosten dem Stadtparlament und den Stimmbürgern nicht zur Abstimmung vorgelegt wurden», sagt Brühwiler. Zur Frage, ob die Verträge für nichtig erklärt werden könnten, sollten die Vertragspartner nicht einlenken, will sich Brühwiler nicht äussern.

Für die Grünliberale St. Galler Energiepolitikerin Sonja Lüthi gibt es eine weitere Möglichkeit, Gossau von dem Mehrkosten zu entlasten: «Die Solaranlagen müssen noch vor dem Systemwechsel Ende Jahr bei der nationalen KEV angemeldet werden.» Die kleinen Anlagen würden so in den nächsten ein bis fünf Jahren ins nationale System rutschen und die nationale Vergütung erhalten. Dadurch wäre der ökologische Mehrwert laut Lüthi nicht mehr in Gossau. «Die Stadt könnte den wegfallenden teuren Solarstrom mit der Gewährung einer Übergangsvergütung für neue, günstige Anlagen ersetzen.»

Philipp Egger, Leiter der Energieagentur St. Gallen, kennt keine andere St. Galler Gemeinde, die wie Gossau ein adaptiertes KEV-Modell eingeführt hat. «Eine Energievergütung über Jahre hinweg ist heikel», sagt er.

Im Gespräch mit Egger und anderen Experten wird klar, dass fast jede Gemeinde eine andere Strategie verfolgt in Sachen Solarenergie. Kürzlich hat die Energieagentur gemeinsam mit Uzwil ein Konzept ausgearbeitet mit dem Ziel zusätzliche Anreize für Bürger zu schaffen. Die kommunale Förderung von Photovoltaikanlagen basiert auf einmaligen Investitionsbeiträgen, gewissermassen als Anschubfinanzierung. Maximal 12 000 Franken erhält ein Stromproduzent. Die Ausrichtung von Beträgen erfolgt in der Reihenfolge des Eingangs des vollständigen Gesuchs und ist beschränkt auf die Mittel im Energiewende-Fonds. Der Gemeinderat kann Förderungen zeitlich und örtlich beschränken. Ganz ähnlich handhabt es Tübach.

Der gelbe Riese setzt auf grünen Strom. Auf dem Dach in Frauenfeld. (Bild: Donato Caspari)

Der gelbe Riese setzt auf grünen Strom. Auf dem Dach in Frauenfeld. (Bild: Donato Caspari)

Zukunftspläne: Eine riesige Solaranlage am Walensee bei Quinten. (Bild: HANDOUT (EKZ))

Zukunftspläne: Eine riesige Solaranlage am Walensee bei Quinten. (Bild: HANDOUT (EKZ))