«wir machen auf»
«Viele trauen sich nicht zu öffnen, aber ich mach's trotzdem»: Eine Wirtin aus Rheineck hat bei der Protestaktion mitgemacht

Mit der Aktion «Wir machen auf» haben Wirte am Montag gegen die Coronamassnahmen protestiert. Bei der Polizei sind allerdings keine Meldungen zu geöffneten Lokalen eingegangen. Das «Mülisendli» in Rheineck ist der einzige Betrieb, der geöffnet hatte.

Alain Rutishauser
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Simone hat ihren Gastrobetrieb «Mülisendli» in Rheineck am Montag geöffnet. Sie will damit ein Zeichen setzen.

Simone hat ihren Gastrobetrieb «Mülisendli» in Rheineck am Montag geöffnet. Sie will damit ein Zeichen setzen.

Bild: Alain Rutishauser

Gross war der Aufruhr im Vorfeld, als bekannt wurde, dass Gastrobetriebe heute Montag unter dem Motto «Wir machen auf» ihre Türen trotz Gastro-Lockdown öffnen wollen. Umso ruhiger verlief dann der heutige Tag. Verliess die Gastrobetriebe der Mut? War eine mögliche Anzeige doch zu abschreckend? Das «Mülisendli» in Rheineck hat jedenfalls geöffnet. Allerdings ist es trotz Adresse schwer zu finden. Keine Schilder, keine Strassennummer, nur ein massives schwarzes Tor. «Doch, da bist du richtig», sagt Simone, die Betreiberin des «Mülisendli» am Telefon. Ihren vollen Namen möchte sie nicht preisgeben. Sie komme gleich ans Tor. Sie halte es verschlossen, zum Schutze der Kunden vor der Polizei, sagt sie. «Maskenverbot», fügt Simone mit einem Schmunzeln an. Als sie sich umdreht und vorausgeht, wird die Maske trotzdem aufgesetzt.

«Habe meinen Freunden geschrieben, dass ich geöffnet habe»

Im «Mülisendli» ist es gemütlich: gedämpftes Licht, viel Holz und kuschliges Fell auf den Stühlen. Ein Pärchen sitzt im unteren Teil des Cafés. Misstrauische Blicke, als sie die Kamera sehen. Ob Fotos ein Problem seien? «Nein, solange unser Gesicht nicht erkennbar ist», antwortet das Ehepaar.

Simone sieht sich in der Pflicht, die Gastwirte, denen es schlecht geht, zu unterstützen, indem sie heute ihren Betrieb öffnet.

«Viele trauen sich nicht zu öffnen, weil sie Angst vor Repressalien haben, aber ich mach's trotzdem.»

Ihr Telefon klingelt. Weitere Gäste stehen vor dem Tor. Eine Vierergruppe junger Frauen betritt das Lokal, dann noch ein älteres Ehepärchen.

«Ich habe meinen Freunden geschrieben, dass ich heute geöffnet habe. Da haben sich ganz viele gefreut. Wir haben uns ja schon ewig nicht mehr gesehen.»

Die Gäste sind friedlich, geniessen ihren Kaffee oder Glühwein. Leise läuft Musik. Corona scheint für einen kurzen Moment komplett vergessen.

Simone macht Kaffee für die Gäste. Für den Montag hat sie das «Mülisendli» nochmals festlich geschmückt.

Simone macht Kaffee für die Gäste. Für den Montag hat sie das «Mülisendli» nochmals festlich geschmückt.

Bild: Alain Rutishauser

Die Polizei schaut vorbei

Doch als Simones Telefon abermals klingelt, wird man jäh in die Realität zurückgeholt. «Schrei doch nicht so», versucht sie ihren Bekannten am anderen Ende der Leitung zu beruhigen. Er hat gesehen, dass die Polizei unterwegs ist. Unterwegs zum «Mülisendli». «Polizei nicht reinlassen! Musik aus! Licht löschen! In den oberen Stock verschwinden!», rät der Mann am Telefon. Einige Gäste lachen auf, andere werden unruhig, als sie hören, dass die Polizei vor dem Tor steht. «Bleibt ruhig sitzen», sagt Simone den Gästen. Sie macht die Musik leise. Dann geht Simone nach draussen zu den Polizisten. Die Gespräche der Gäste sind verstummt. Gespannt warten sie, bis Simone zurückkehrt. Die Zeit vergeht.

Keine einzige Meldung bei der Polizei

Die Mediensprecher der Kantonspolizeien St.Gallen und der beiden Appenzell sagen auf Anfrage alle dasselbe: Es gab bis zum späteren Nachmittag keine einzige Meldung oder Intervention wegen eines unrechtmässig geöffneten Restaurants. Auch die Stadtpolizei St.Gallen hat keine Kenntnis von geöffneten Lokalen, die geschlossen bleiben müssen. Die Kantonspolizei Thurgau bestätigt auf Anfrage ebenfalls, dass es am Montag zu keinem Einsatz gekommen ist. Die Aktion der Restaurants «Wir machen auf» wurde nicht in die Tat umgesetzt. Mediensprecher Matthias Graf sagt: «Bei uns ist keine einzige Meldung eingegangen.» (chs/mas)

Nach knapp zehn Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlen, kommt Simone mit zwei Tellern belegter Brote wieder. Dann dreht sie die Musik wieder etwas lauter. Die friedliche Runde geht weiter, die Gespräche werden wieder etwas lauter. Was wollte die Polizei? «Die standen einfach am Tor, haben geschaut. Dann sind sie mit dem Auto wieder weggefahren», sagt Simone. Die Aktion «Wir machen auf» scheint für Simone ein gutes Ende zu nehmen. Doch wenn sie heute Abend die Türen des «Mülisendli» wieder schliesst, geht das Bangen und Abwarten für Simone weiter.