Gastbeitrag

Zerbrechliche Weihnachten – warum Sie sich die Freude am Fest nicht nehmen lassen sollten

In einer gemeinsamen Botschaft schreiben der St.Galler Bischof Markus Büchel und Martin Schmidt, Präsident des Evangelisch-reformierten Kirchenrats St.Gallen, warum Weihnachten ein Grund zum Feiern bleiben – jetzt erst recht.

Markus Büchel und Martin Schmidt
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«Wir werden anders feiern, doch es wird ‹trotzdem Licht›, Weihnachten findet statt.»

«Wir werden anders feiern, doch es wird ‹trotzdem Licht›, Weihnachten findet statt.»

Bild: Getty Bild: PD Bild: Benjamin Manser

Im thüringischen Glasbläser-Dorf Lauscha wurde vor 170 Jahren die Christbaumkugel erfunden. Die Legende erzählt, dass ein armer Glasbläser zu wenig Geld hatte, um seinen Weihnachtsbaum mit Äpfeln und Walnüssen, eingewickelt in Gold- oder Silberfolie zu schmücken. Darum blies er seine eigenen Kugeln aus Glas. Von da an seien die ersten Christbaumkugeln in Thüringen hergestellt und verkauft worden, sagt man.

Eigentlich ist die Christbaumkugel ein gebogener Spiegel. Dicht vor der Kugel sitzend, sieht man darin alles: den ganzen Baum von oben bis unten, die Kerzen, die Stube und natürlich sich selbst. Wegen der gewölbten Oberfläche ist alles verzerrt, das, was im Mittelpunkt ist, erscheint riesig, Dinge am Rande sind verschwindend klein.

Ein Grund zu feiern – jetzt erst recht

Markus Büchel, Bischof des Bistum St.Gallen.

Markus Büchel, Bischof des Bistum St.Gallen.

Bild: Benjamin Manser

Ist das nicht bei Weihnachten auch so, dass sich die Dimensionen im Vergleich zum normalen Leben verschieben? Gewisse Dinge im Zentrum werden plötzlich gross, die Geschenke, das Festessen, vielleicht der gemeinsame Besuch der Christmette oder des Heiligabendgottesdienstes. Doch wenn wir den Mittelpunkt ein wenig verschieben, ändert sich die Perspektive – in diesem Jahr ganz besonders. Gott ist an Weihnachten Mensch geworden, er möchte den Menschen nahe sein in Gestalt eines hilflosen Kindes. Deshalb gilt Weihnachten als Fest der Liebe und der Versöhnung. Durch die Geburt Jesu ist die Nacht zu einer heiligen, geweihten Nacht – der «Weihnacht» – geworden. Das ist eine gewaltige Botschaft der Hoffnung, ein Grund zu feiern – jetzt erst recht.

Auch wenn in diesem Coronajahr vieles ausfällt und abgesagt wird, und es nur bedingt möglich ist, einen Weihnachtsgottesdienst zu besuchen, gibt es trotzdem Möglichkeiten Weihnachten zu feiern: beim gemeinsamen Singen von Weihnachtsliedern daheim, beim Lesen der Weihnachtsgeschichte und mit dem Schenken von Zeit für jene, die dieses Jahr alleine daheim sind oder sein müssen. Ein Telefongespräch mit der betagten Tante, eine persönliche Weihnachtskarte an die Nachbarn, ein Gruss auf den Balkon im Altersheim, eine Begegnung über Zoom oder Skype mit Enkelinnen und Enkeln.

Zerbrechlich wie eine Christbaumkugel

Die Christbaumkugel ist zerbrechlich – trotz oder gerade wegen ihrer Schönheit. Hauchdünn ist ihre Glasschicht, ein halber Millimeter nur. Schon ein unachtsamer Handgriff verwandelt das Kunstwerk in einen Scherbenhaufen. Diese Zerbrechlichkeit zeigt sich an Weihnachten 2020 durch den Schmerz vieler Menschen, die nicht zusammen feiern können. Und durch die Trauer derer, die im vergangenen Jahr liebe Menschen verloren haben, durch Corona, andere Krankheiten oder Unfälle. Wir sind aufgefordert, Sorge zu tragen zueinander an diesen Feiertagen. Nicht selten sind Familienfeiern Anlässe von Konflikten und Verletzungen. In diesem Jahr müssen wir zudem auf Gewohntes verzichten, das löst Druck aus. Viele Menschen sind angespannt und machen sich Sorgen, um die Gesundheit ihrer Liebsten, um die eigene Zukunft. Weihnachten ist 2020 ganz besonders zerbrechlich!

Martin Schmidt, Präsident des evangelisch-reformierten Kirchenrats St.Gallen.

Martin Schmidt, Präsident des evangelisch-reformierten Kirchenrats St.Gallen.

Bild: PD

Zerbrechlich wirkt auch die Botschaft von Jesus Christus: Als kleines, hilfloses Kind wird er geboren. Nur knapp entkommt er seinen Verfolgern, die König Herodes beauftragt hat. Als Erwachsener findet er viele Anhänger, aber die Mehrzahl der Menschen nehmen ihn nicht wahr oder nicht ernst. Im Garten Gethsemane, bei seiner Verhaftung, letztlich am Kreuz wird die Zerbrechlichkeit dieses Gottessohnes unübersehbar.

Genauso ist es mit Weihnachten und unserem Glauben. Beide sind nicht unerschütterlich, kennen offene Fragen und Zweifel. Da ist es gut, wenn wir mit Weihnachten und unserem Glauben so umgehen wie mit einer Christbaumkugel: vorsichtig, behutsam, im Wissen um ihre tiefe Schönheit und ihren Wert. Wir lassen uns auch in diesem Jahr die Freude daran nicht nehmen. Wir werden anders feiern, doch es wird «trotzdem Licht», Weihnachten findet statt.

Mit Ihnen verbunden wünschen wir ein besinnliches, frohes und gesegnetes Weihnachtsfest. Bleiben Sie gesund!