Gastbeitrag
Werterückblick zur Euro 2020: Die Uefa steht im Abseits

Die Uefa hat sich in Wertefragen eine ganze Reihe von Fehltritten geleistet. Dem Verband wäre dringend anzuraten, Reden und Handeln in einen besseren Einklang zu bringen, sagt Thomas Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik an der Universität St.Gallen.

Thomas Beschorner
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Chinesische Werbung an der Fussball-EM.

Chinesische Werbung an der Fussball-EM.

Bild: Jonathan Nackstrand / AP

Jetzt wissen wir, wer die Fussball-Europameisterschaft gewonnen hat. Den Verlierer kennen wir schon länger: es ist die Veranstalterin des Turniers, die Uefa. Organisatorisch hat alles recht gut funktioniert, in Wertefragen jedoch hat man sich eine ganze Reihe von Fehltritten geleistet. Nicht nur wir Fans sollten unsere Sympathie für diese Art von sportlichen Grossveranstaltungen justieren, nicht nur Fernsehanstalten, manche Sponsoren und die beteiligten Fussballverbände sollten ihre Kooperationen mit dem Verband überdenken. Es ist auch an der Zeit, den Status der Uefa als gemeinnützige (und steuerbefreite) Organisation einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Thomas Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St.Gallen.

Thomas Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St.Gallen.

Bild: PD

Es hat sich im deutschsprachigen Raum eingebürgert, von einem „Gate“ zu sprechen, wenn es um unmoralisches Verhalten geht über das medial berichtet wird. Die Uefa hat hier gleich eine Serie von negativen Schlagzeilen produziert:

  • es wurde ein Spiel fortgesetzt, bei dem ein Spieler auf dem Platz wiederbelebt werden musste (Erikson-Gate);
  • man lässt sich von Sponsoren aus der russischen Gasindustrie, durch chinesische Bezahlsysteme, die als Datenkraken bekannt sind oder durch Hersteller von alkoholischen Getränke fördern;
  • Spieler werden ermahnt, wenn sie bei der Pressekonferenz gesüsste Brause eines Sponsors aus dem Bild stellen und stattdessen «Aqua» fordern (Sponsoren-Gate);
  • man meint sich politisch zurückhalten zu müssen, wenn ein Stadion in Pride-Farben erleuchtet werden soll, um für Toleranz in der Gesellschaft zu werben (Regenbogen-Gate);
  • man lässt in Corona-Zeiten (mit sich gefährlich entwickelten Virus-Mutanten) in manchen Stadien viel zu viele Zuschauer zu, was den deutschen Innenminister Seehofer dazu bringt, die Uefa als «absolut verantwortungslos» zu bezeichnen (Corona-Gate);
  • man droht dem Austragungsort der Halbfinals und des Finals (London) mit einer Verlegung, sollte es keine Ausnahme von den Quarantäne-Regeln für die VIP-Gäste der Uefa geben (VIP-Gate).

Die Liste liesse sich leicht fortsetzen

Ökonomische Interessen drängen Werte in den Hintergrund

Wenn man diese Vorgänge querliest, so fällt es nicht schwer eine dahinterliegende Logik auszumachen: es geht um ökonomische Interessen, die andere Werte, für die der Sport steht, schlicht in den Hintergrund drängen. Man mag argumentieren, dass Fussball nur ein «Tor zur Welt» ist und letztlich nur abbildet, was in der Gesellschaft ohnehin vonstatten geht. Als mächtiger Fussballverband sollte die Uefa jedoch um ihre besondere Verantwortung auch für gesellschaftliche Fragen wissen.

Die Uefa ist kein Unternehmen, sondern eine gemeinnützige Organisation, womit eine gewisse Bildung an Werten einhergeht. Ihrem eigentlichen Zweck ist sich der Verband durchaus bewusst. So heisst es beispielsweise in den Statuten, «dass die sportlichen Grundwerte immer Vorrang gegenüber kommerziellen Interessen haben» (Artikel 2.1g). Uefa Präsident Aleksander Čeferin unterstrich dieses zentrale Anliegen seines Sportverbands noch im vergangenen Jahr auf dem Uefa-Kongress, in dem er forderte, es müssten mutige Entscheidungen auch wider finanzielle Interessen getroffen werden: «Purpose over profit. That is the key».

Reden und Handeln sind entkoppelt

Man benötigt keinen Video-Assistenten (VAR), um eine klare Abseitsposition zu erkennen: Reden und Handeln sind entkoppelt, Hypokrisie ist organisiert. In der Rechtspflegeordnung der Uefa wird u.a. als straffähiger Tatbestand aufgeführt, wer «durch sein Verhalten den Fussball und insbesondere die Uefa in Verruf bringt» (Rechtspflegeordnung der Uefa 2017, Artikel 11.2d). Zugespitzt: die Uefa selbst erfüllt diesen Tatbestand in ausgezeichneter Weise – einfach zu viele Eigentore.

Dem Verband wäre dringend anzuraten, «Talk» und «Walk» in einen besseren Einklang zu bringen. Dies erscheint nicht nur aus Authentizitäts- und Reputationsgründen erforderlich, auch rechtliche Fragen gehen damit einher. Denn die Uefa firmiert als eingetragener Verein nach Schweizer Recht, ist gemeinnützig anerkannt und damit steuerbefreit. Bei einem geschätzten Umsatz von 2 Mrd. Euro allein durch die Euro 2020 sind die Steuervorteile kein Pappenstiel. Dieses Privileg könnten der Gesetzgeber und die Steuerbehörden durchaus zur Disposition stellen, denn natürlich ist eine Steuerbefreiung an bestimmte Bedingungen geknüpft.

Gemeinnützigkeit ist vage definiert

Das Schweizer Recht ist hinsichtlich der Frage, was unter Gemeinnützigkeit zu verstehen ist zum einen vage, zum anderen obliegt eine Präzisierung und Anwendung der Regelungen bei den jeweiligen Steuerbehörden der Kantone. Einige Hinweise finden sich dennoch, wobei drei Aspekte wesentlich sind:

Erstens müssen allgemeine Interessen, die dem Gemeinwohl dienen, verfolgt werden, z.B. «in karitativen, humanitären, gesundheitsfördernden, ökologischen, erzieherischen, wissenschaftlichen und kulturellen Bereichen». Im Umkehrschluss heisst es sehr klar, dass «zur Gewährung der Steuerfreiheit (..) deshalb stets verlangt werden (muss), dass keine eigenen Interessen verfolgt werden.» Zweitens obliegt die Beurteilung, was im Interesse der Allgemeinheit liegt einer «jeweils massgebenden Volksauffassung». Und drittens wird festgehalten, dass eine gemeinwohlorientierte Praxis gelebt werden muss. «Die blosse statutarische Proklamation einer steuerbefreiten Tätigkeit genügt nicht», heisst es im Wortlaut eines einschlägigen Dokuments.

Haben finanzielle Eigeninteressen die Oberhand gewonnen?

Die letzte juristische Prüfung in der Schweiz, ob im Speziellen internationale Sportverbände steuerbefreit sein sollen, liegt acht Jahre zurück. Ihre Gemeinnützigkeit wurde damals damit begründet, dass sie sich «global für ihre Werte einsetzen», «positive Botschaften vermitteln» und «in einem hohen Mass zur Völkerverständigung beitragen».

Man kann, ja man sollte vor dem Hintergrund verschiedener Vorkommnisse bei der diesjährigen Europa-Meisterschaft durchaus neu fragen, ob diese Sichtweise noch der «jeweils massgebenden Volksauffassung» entspricht, ob finanzielle Eigeninteressen bei der Uefa inzwischen die Oberhand gegenüber einer Gemeinwohlorientierung gewonnen haben und ob sich die Uefa am Ende des Spieltages nicht eher hinter einem Talk (statt Walk) versteckt.

Die Euro 2020 war auf dem Platz einer der fairsten Turniere in der Geschichte von Fussball-Europameisterschaften. Die Uefa als Veranstalterin drückt diese Bilanz leider nach unten.

Thomas Beschorner ist Professor für Wirtschaftsethik und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St.Gallen. Er lehrt und forscht u.a. zu Fragen von Fussball und Verantwortung.