Gastbeitrag
Ostermorgen – Neuanfang oder weiter im alten Tramp?

In seiner Botschaft schreibt der St.Galler Bischof Markus Büchel, wie wir Ostern auch im Corona-Alltag erleben: «Ein unerwarteter Telefonanruf in Absonderung und Einsamkeit oder eine Aufmerksamkeit eines Nachbarn schenkt neuen Lebensmut.»

Markus Büchel
Markus Büchel
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«In der Trauer ein Kerzenlicht zu entzünden, ist Ausdruck unserer Hoffnung, dass Beziehung über den Tod hinaus weiterlebt.»

«In der Trauer ein Kerzenlicht zu entzünden, ist Ausdruck unserer Hoffnung, dass Beziehung über den Tod hinaus weiterlebt.»

Bild: Keystone

Schon ein ganzes Jahr bestimmt das Coronavirus unser Leben. Es ist zu gefährlich, um es ohne Massnahmen laufen zu lassen. Hygienemassnahmen, Testen, Impfen. Das ist gesellschaftlicher Konsens. Dabei befinden wir uns in einem Teufelskreis. Denn beide, das Virus und die Bekämpfung, richten Schaden an – im Gesundheitswesen, im Zusammenleben, in der Wirtschaft und nicht zuletzt bei uns Menschen ganz persönlich. Gesellschaftliche Ungeduld und politische Vernunft scheinen eine gesunde Balance in dieser Komplexität fast unmöglich, für manche unerträglich zu machen. Die Leiden der Menschen und die Verantwortung der Entscheidungsträger für die teils schmerzlichen Massnahmen, beispielsweise für die Gastronomie, sind kaum mehr zusammenzubringen.

Markus Büchel, Bischof des Bistums St.Gallen.

Markus Büchel, Bischof des Bistums St.Gallen.

Bild: PD

Wir anerkennen und danken allen, die trotz dieser Spannung nach bestem Wissen auf einen lebbaren Umgang mit der grossen Herausforderung des Virus hinarbeiten. Verschwörungs- und Sündenbocktheorien bringen uns nicht weiter. Was wir brauchen, ist eine solidarische Gesinnung, die immer auch die Mitmenschen und die Verantwortung für die Gemeinschaft im Blick hat.

Als Bischof frage ich mich: Ist da unsere Osterbotschaft und unser christlicher Glaube eine Hilfe? Ich sage überzeugt Ja! Ostern öffnet unseren Horizont über die menschliche Machbarkeit hinaus und verweist auf eine Botschaft, die uns geschenkt ist. Sie heisst Jesus Christus. Ihn feiern wir als den Auferstandenen, den Lebendigen mitten unter uns. Ganz solidarisch mit uns Menschen bis ins Leiden und Sterben hinein schenkt er Hoffnung. Er ist der Weg der Suchenden, der Bruder der Einsamen und Verlassenen, der Trost der Trauernden und letztlich das Ziel unseres Lebens im Licht Gottes.

Dieses Bekenntnis und dieses Vertrauen darf kein Lippenbekenntnis bleiben. Es will gelebt und erfahren werden. Und genau dies ist vielfältig geschehen im zurückliegenden Coronajahr:

  • Der Schmerz, einen lieben Menschen im Sterben nicht begleiten zu können, zeigt uns, wie heilsam es ist, schwere Stunden gemeinsam zu tragen.
  • In der Trauer ein Kerzenlicht zu entzünden, ist Ausdruck unserer Hoffnung, dass Beziehung über den Tod hinaus weiterlebt.
  • Ein unerwarteter Telefonanruf in Absonderung und Einsamkeit oder eine Aufmerksamkeit eines Nachbarn schenkt neuen Lebensmut.
  • Mehr Zeit in der Familie zu verbringen, kann Spannungen auslösen, aber auch den Wert des Miteinanders vertiefen.
  • Die Kreativität vieler neuer Angebote in unseren Gemeinden und Pfarreien, den Menschen nahe zu sein, wird genährt durch die notwendigen Einschränkungen unserer gewohnten Angebote in der Kirche und in allen Institutionen.
  • Vielen wichtigen Diensten in unserer Gesellschaft begegnen wir mit neuer Wertschätzung, weil wir ihre tragende Bedeutung neu entdeckt haben.

Mit Überzeugung dürfen wir deshalb sagen, Ostern erfahren wir auch im Corona-Alltag – dort, wo Achtsamkeit, Liebe und Solidarität aufleuchten. Das Osterfest feiern wir jedes Jahr, um nicht zu vergessen, dass der Auferstandene mit uns und durch uns in der Welt gegenwärtig bleibt. Möge sein Segen und sein Friede uns begleiten.