Gastbeitrag
Maximilian mag's männlich: Warum die HSG über einen grundlegenden Kulturwandel nachdenken muss

Die Studierenden der Universität St.Gallen sprechen sich gegen eine Umbenennung der Studentenschaft in Studierendenschaft aus. Dies kritisieren Thomas Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik, und Miriam Meckel, Professorin für Corporate Communication.

Thomas Beschorner und Miriam Meckel
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35 Prozent der HSG-Studierenden sind Frauen. Der durchschnittliche Frauenanteil an Schweizer Hochschulen liegt bei 52 Prozent.

35 Prozent der HSG-Studierenden sind Frauen. Der durchschnittliche Frauenanteil an Schweizer Hochschulen liegt bei 52 Prozent.

Bild: Michel Canonica

Maximilian ist ein Student an der Universität St.Gallen, der so ziemlich jedes Klischee bedient: Er fährt verschiedene Autos (je nach Saison), während der Vorlesung handelt er mit Aktien, denn der Papa ist reich. Er mag keine Normalverdiener, Linke erst recht nicht, und er ist latent homophob (was er nie zugeben würde). Maximilian glaubt, dass er an der Uni lernt, viel Geld zu verdienen, was er eigentlich nicht muss, denn Papa wird ihm ohnehin einen Job besorgen. Er ist mit sich selbst zufrieden, andere interessieren ihn eher peripher.

Maximilian gibt es nicht. Er ist eine Kunstfigur, die von Studierenden der Universität St.Gallen erfunden wurde und auf dem Rosenberg für allerlei Spässe unter den Studierenden herhalten muss. Natürlich geht es dabei um viel Klamauk. Humor jedoch hat auch eine psychologische und kulturelle Funktion, nämlich die einer kritischen Distanzierung, die es einem wiederum erlaubt, Deutungssicherheiten zu gewinnen.

Studierende haben sich einen Bärendienst erwiesen

Miriam Meckel, Professorin für Corporate Communication und Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St.Gallen.

Miriam Meckel, Professorin für Corporate Communication und Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St.Gallen.

Bild: PD

In der vergangenen Woche stimmten die Studierenden der Universität St.Gallen über die Frage ab, ob sie weiterhin «Studentenschaft» heissen wollen. Zur Abstimmung stand auch der Begriff «Studierendenschaft» als geschlechterneutrale Bezeichnung, die Studentinnen aber auch Studierende ohne oder mit anderen geschlechtlichen Identitäten in stärkerer Weise miteinbezieht. Das Ergebnis dieser Abstimmung lautet: Maximilian mag's männlich, man nennt sich weiterhin Studentenschaft.

Die Vertretung der Studierenden an der Universität St.Gallen (SHSG) ist eine selbstständige und autonome Vereinigung, der es obliegt, ihre Statuten und ihre Namensgebung relativ frei zu gestalten und in einem demokratischen Prozess zu organisieren. Und das ist gut so. Wir wollen diesen Prozess nicht in Frage stellen, aber er darf diskutiert werden. Wir glauben, die Studierenden haben sich selbst und der Universität St.Gallen mit diesem Entscheid einen Bärendienst erwiesen. Eine Wahlbeteiligung von mageren elf Prozent ist dabei keine Entschuldigung, sondern Ausdruck der Gleichgültigkeit. Gendern ist für Maximilians Karriere bislang offenbar schlicht irrelevant.

Sprache schafft Realität

Thomas Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St.Gallen.

Thomas Beschorner, Professor für Wirtschaftsethik und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St.Gallen.

Bild: PD

An der HSG können Studierende unter anderem lernen, dass Sprache Realität schafft, dass diese einfache Einsicht nicht nur ein Thema in den «Gender Studies» ist, sondern einen Kern unseres sozialen (auch wirtschaftlichen) Miteinanders ausmacht. Wenn sie in einer Urabstimmung nun bewusst bei einer exklusiven männlichen Selbstbeschreibung ihrer Vereinigung bleiben, so schafft auch das eine bestimmte Realität. Es ist nicht nur ein Statement, das sich von der Sprachgebung anderer studentischer Vereinigungen im deutschsprachigen Raum unterscheidet. Es ist auch sicherlich nicht förderlich für die Erhöhung des (ohnehin geringen) Anteils von Studentinnen an der HSG (35 Prozent). Und es ist auch eine Position, die die Hochschulleitung in Anbetracht der Erarbeitung eines neuen Universitätsgesetzes sowie wichtiger anstehender Akkreditierungsverfahren mit Sorge zur Kenntnis genommen haben dürfte. Dort zählt Diversität nämlich längst als Kriterium, das zeigt, wie modern und inklusiv eine Universität wirklich ist.

Wesentlich aber ist, dass der Entscheid der Studierenden eine maskuline Realität reproduziert, die als reaktionär beschrieben werden kann.

Inklusion und Diversität sind nicht die neueste Frühjahrsmode

Wer jetzt ruft, «das ist doch Symbolpolitik», dem sei geantwortet: Genau darum geht es. Mit Sprache bringen wir symbolisch, aber auch ganz lebenspraktisch zum Ausdruck, wer wir sind. In der SHSG ist man weiter Mann.

Fragen der Gendergerechtigkeit sowie der Inklusion und Diversität sind nicht die neueste Frühjahrsmode, die schon bald wieder ungetragen im Kleiderschrank hängt. Es geht nicht um Zeitgeist, sondern um eine aus guten Gründen der Ungleichheit gestiegene Sensibilität gegenüber diesen Fragen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Wer das als «Social Justice Warriortum» abtut, wie es manche Studierende abfällig bezeichnen, wird in seinem oder ihrem künftigen Berufsleben schon sehr bald auf eine andere Realität treffen. Im internationalen Arbeitsmarkt, der längst viel inklusiver funktioniert, trägt das auf Dauer sicher nicht zur «Employability» der HSG-Studierenden bei.

Entscheid als Folge einer Monokultur

Die Universität St.Gallen, das Rektorat, wir Dozierende, alle – jede und jeder – werden uns die Frage gefallen lassen (und diskutieren) müssen, welchen Anteil denn wir an dem Entscheid der SHSG haben. Er ist ganz offensichtlich einer Monokultur geschuldet, die uns als öffentliche Hochschule mit einem gemeinwohlorientierten Auftrag nicht recht sein darf. Die zeigt sich auch auf Ebene der Lehrenden: An der HSG werden nur 18 Prozent der Professuren von Frauen gehalten, der Anteil soll bis 2025 auf 30 Prozent erhöht werden. Gerne wird in Berufungsverfahren bei Bewerberinnen darauf verwiesen, dass die Qualitätskriterien unbedingt einzuhalten sind. Bei männlichen Bewerbern entfällt dieser Zusatz.

Der Entscheid der Studierenden sollte Anlass für die HSG sein, über einen grundlegenderen Kulturwandel hin zu einer modernen, inklusiven Universität nachzudenken. Vielleicht beginnt dann auch Maximilian darüber nachzudenken, ob das männliche Ich weiterhin als Allerweltsbezugsrahmen dienen kann.

Thomas Beschorner ist Professor für Wirtschaftsethik und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St.Gallen.

Miriam Meckel ist Professorin für Corporate Communication und Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St.Gallen.